Im "Killuminati"-Shirt (= Kill Illuminati) rappt Kollegah über die angebliche "New World Order" (NWO) - und das kommt an. Das Video hat über 4 Millionen Aufrufe.
Screenshot YouTube, 24.02.2017

Rap in Deutschland: Von NWO, Rothschilds und Illuminati

Antisemitische Verschwörungstheorien gehören für einen großen Teil der deutschen Rap-Szene zum Standardrepertoire. Dies lässt sich gut am aktuell diskutierten Fall des Rappers Kollegah aufzeigen. Nachdem im Februar der Zentralrat der Juden wegen antisemitischen, homofeindlichen und sexistischen Passagen in Kollegahs Texten gegen dessen geplanten Auftritt beim Hessentag protestierte, wurde das Konzert abgesagt. Was hat es mit dem Antisemitismusvorwurf auf sich?

 

Von Marius Hellwig

 

Der Boss gegen das Böse

„NWO - Camouflage, Langstreckenraketen / Eine mächtige Minderheit, der Schandfleck des Planeten“ so rappt Kollegah in seinem Freetrack „NWO“. Wer hinter dieser „New World Order“ steckt, liefert der selbsternannte „Boss“ gleich mit: Illuminati. Sie seien die „wahren Leader“, die „im Hintergrund die Fäden“ ziehen und „an den Kriegen verdien‘“.

Im Video zu seinem Track „Apokalypse“ geht der Rapper noch einen Schritt weiter: Das Schicksal der Welt würde von einer „unmenschliche[n] Macht mit unbändiger Kraft“ geleitet. In einem Buch, dem Schlüssel zur Macht, sind hebräische Buchstaben erkennbar. Diese sei von Babylon auf den „Tempel Salomons“ übergegangen, dann über die Tempelritter zu den Illuminaten. Zudem würden alle mächtigen Menschen der Weltgeschichte von 13 „Blutlinien“ abstammen und „Blutopfer“ erbringen. Die dunkle Macht, in der Gestalt eines Bankers aus London, arbeitet nun auf den „Showdown“ hin, die letzte Schlacht, die, natürlich, in Ostjerusalem stattfindet. Dank Kollegahs heroischen Einsatzes wird die Schlacht gewonnen, die Menschheit zieht in den Garten „Eden“ ein, und „Buddhisten, Muslime und Christen“ errichten die zerstörten Städte wieder… Nach dem Sieg über „das Böse“ scheint es also keine Jüd_innen mehr zu geben.

Auch im Nahostkonflikt positioniert sich Kollegah, der mit bürgerlichem Namen Felix Blume heißt, eindeutig: Im letzten Jahr reiste er, begleitet von einer Kamera, in die Westbank, um einen Eindruck jenseits dessen, was die „Mainstreammedien“ vermitteln, zu bekommen. In der später auf Youtube veröffentlichten „Dokumentation“ inszeniert sich der selbsternannte „Imperator“ in Manier des anpackenden Kolonialherren, verteilt Geld und redet über, aber kaum mit den Palästinenser_innen. Vor allem Frauen kommen kaum im Video vor – eine pro-israelische Perspektive oder kritische Worte zum palästinensischen Terrorismus gehen unter. Und so hinterlässt der Rapper ein „Kollegah Education Center“, einen Kranz am Mausoleum von Yassir Arafat und die eindeutige Botschaft an die Bevölkerung: „Kämpft weiter!“.

 

„Free Palestine“ & „Kontra Tel Aviv“

Der Nahostkonflikt wird auch von anderen Rappern immer wieder einseitig thematisiert. Bushido etwa nutzt eine stilisierte Karte des Nahen Ostens als sein Twitter-Profilbild, auf der Palästina sich vom Mittelmeer bis an den Jordan erstreckt. Prinz Pi, mittlerweile eher Studenten- statt Gangsterrapper, präsentierte im Neo Magazin Royale einen Pullover mit dem Logo einer palästinensischen Hilfsorganisation und rappte: „Wie Ahmadinedschad mach ich eine Kernfusion“.

Der ehemalige Berliner Rapper „Deso Dogg“ kämpft mittlerweile gar für den IS in Syrien und versucht, weitere Dschihadisten zu rekrutieren und ruft zu Terroranschlägen in Deutschland auf. Bei einem früheren Konzert in Berlin schwenkte er eine Hisbollah-Flagge zu seinen Liedern. Fard und Snaga lieferten mit ihrem Lied „Contraband“ ein politisches Rahmenprogramm der Szene: „Pro Mudschaheddin, pro Palestine“ – „kontra Bilderberger, Volksverräter, Hintermänner“, USA und „kontra Tel Aviv“.

Ein Gratwandler ist zudem der als „Haftbefehl“ bekannt gewordene Aykut Anhan. Aus seinen älteren Songs spricht eine deutliche Sprache: „Ich sag Free Palestine / Stoppt den Krieg, Boykott Israel“ („Free Palestine“) oder „Gebe George Bush ein Kopfschuss und verfluche das Judentum“ („Mama reich mir deine Hand“). Zudem sprachen aus Zeilen wie „Ich ticke Kokain an die Juden von der Börse“ recht offensichtlich antisemitische Vorurteile. Nach seinem Wechsel zum Majorlabel Universal schien sich dies zu ändern: Anleihen aus Verschwörungstheorien tauchten meist nur noch in ironischem Kontext auf. Im Video zu „Saudi Arabi money rich“ drehte der Rapper einige Runden mit Alkohol trinkenden orthodoxen Juden im Chevrolet, rappte „Ich fick dein‘ Illuminaten-Trip“. Seine Botschaft jetzt: durch den neuen Labelvertrag sei er selbst auf die „dunkle“ und mächtige Seite gewechselt. Zudem deuteten seine Stellungnahmen zu „missverstandenen“ früheren antisemitischen Lines und öffentliche Glückwünsche zu jüdischen Feiertagen auf einen tatsächlichen Sinneswandel hin. Seine letzte eigene Veröffentlichung, die er „Unzensiert“ nannte, weil Universal keinen Einfluss auf seine Texte gehabt haben soll, lieferte dann allerdings wieder den alten Haftbefehl. In seinem Lied „Hang the bankers“ wird seine „Rothschild-Theorie“ ausgebreitet: „Die Elite des Bösen schmiedet den Plan und finanziert auch gerne den Krieg“.

 

Alles nur geplante Provokation?

Verschwörungstheorien und Klischees liefern sprachliche Bilder, die im Rap gerne benutzt werden um die eigene Kunstfigur auf- und andere abzuwerten. Dadurch ist es nicht leicht zu entscheiden, wann strittige Äußerungen als Mittel einer freien Kunst oder als Ausdruck des  Antisemitismus des Performers zu werten sind. Direkte Rückschlüsse von der Kunstfigur auf den Künstler sind meist problematisch – dennoch bleibt die Frage, weshalb nicht auf antisemitische Codes und Vorurteile verzichtet wird.

Der Vorwurf des Antisemitismus muss also individuell untersucht werden, dennoch lassen sich Tendenzen in der Szene feststellen. Antisemitische Verschwörungsideologien und Israelfeindschaft sind längst kulturelle Codes geworden, deren Andeutung reicht, um den Anhängern eindeutige Botschaften zu vermitteln und die gewünschte Reaktion abzurufen.

 

Der Nazi im Radio

Das längst auch offene Rechtsextreme den Rap für sich entdeckt haben, zeigt der Rapper MaKss Damage. Als Vertreter des „NS-Rap“ macht er mit Zeilen wie „Ich leite Giftgas lyrisch in Siedlungen die jüdisch sind“ seinen Antisemitismus deutlich. Zudem steuerte er Songs zu „Schulhof-CDs“ der NPD bei. Dies hielt den Radiosender Kiss FM im letzten Jahr jedoch nicht davon ab, dem NS-Rapper eine Plattform zu bieten und ihn sogar völlig unkritisch für seine „Toleranz“ zu loben. Als Antwort auf den folgenden Protest verfasste Kiss FM ein halbherziges Statement, in dem der Sender anmerkte, ja auch den jüdischen Schriftsteller Shahak Shapira eingeladen zu haben, quasi als Ausgleich für rechtsextreme Ideologie.
 

Ja, der deutsche Rap hat ein Problem mit Antisemitismus, Verschwörungsideologien und Israelhass. Wie der Rest der Gesellschaft übrigens auch.

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