Homogene Volksgemeinschaft

NPD-Mitglieder und andere Rechtsextreme wettern oft gegen den "multikulturellen Wahnsinn". Damit meinen sie alle in Deutschland lebenden Menschen, die einen Zuwanderungshintergrund haben. Die heutige Gesellschaft ist ihnen zu bunt, zu heterogen.

Rechtsextreme Organisationen propagieren den Mythos einer "homogenen Volksgemeinschaft": Das heißt, sie definieren sich über ihr Deutsch-Sein, über eine vermeintliche gemeinsame kulturelle und ethnisch-biologische Herkunft - wie bei ihren ideologischen Vorbildern von der NSDAP.

Hintergrund: Die Idee einer homogenen Volksgemeinschaft rührt aus der völkischen Ideologie, die über den Nationalsozialismus hinausreicht. Im Kern überliefert die NPD dieses Denken heute noch. Wie etwa in einem internen Schulungspapier der NPD für Mitarbeiter und Funktionäre aus dem Jahr 2006:

„Deutscher ist, wer deutscher Herkunft ist und damit in die ethnischkulturelle Gemeinschaft des deutschen Volkes hineingeboren wurde. (...) In ein Volk wird man schicksalhaft hineingepflanzt. In eine Volksgemeinschaft kann man nicht einfach ein- oder austreten wie in einen Sportverein, man wird in sie hineingeboren.“

Zum Vergleich: Im nationalsozialistischen Parteiprogramm der NSDAP von 1920 hieß es:

"Staatsbürger kann nur sein, wer Volksgenosse ist. Volksgenosse kann nur sein, wer deutschen Blutes ist, ohne Rücksichtnahme auf Konfession. Kein Jude kann daher Volksgenosse sein."

In dieser Sichtweise gehört dazu, wer deutsche Eltern hat und nicht wer nach dem Gesetz Staatsbürger ist. Die Gesellschaft wird als starre und geschlossene Formation gedacht. Die NPD rekurriert auf Blutrecht. Der Mensch existiert nur als Angehöriger eines bestimmten Volkes. Als Individuum ist er gesetzlos und schutzlos – ein Nichts. Dahinter steckt ein alter Bekannter: der Rassismus.

Überdies ist der Mythos einer "homogenen Volksgemeinschaft" grober Unfug. Denn eine ethnisch-homogene Schicksalsgemeinschaft kann es schon allein deshalb nicht geben, weil die Nation nichts unveränderlich Naturgegebenes ist. Sie ist das Produkt jahrhundertelanger Migration und andauernder historischer Prozesse.

Um die Mär von der Homogenität aufrecht zu erhalten, beschwören Rechtsextremisten eine unveränderliche, von jeher feststehende historisch-organische Substanz der "Volksgemeinschaft" herauf. Als solche gelten beispielsweise eine gemeinsame Sprache, Abstammung und Geschichte. Diese vorgeblich natürlich gegebenen Gemeinsamkeiten werden als vorpolitische Kriterien präsentiert, die die Existenz der "Volksgemeinschaft" (im Gegensatz zur "Gesellschaft") beweisen sollen.

Im Unterschied zum Begriff der Nation wird der Begriff des Volkes nicht automatisch als in einem staatlichen Gebilde bestehend betrachtet.

Damit diese unabdingbare "Volkszugehörigkeit" auch im globalisierten Zeitalter für die Anhänger der rechtsextremen Szene attraktiv erscheint, muss der Mythos gnadenlos überhöht werden. Ganz nach dem Motto: Was nicht ist, muss inszeniert werden. Und inszeniert wird auf allen Ebenen. Das beginnt bei dem geschlossenen Erscheinungsbild der NPD-Fraktion im Schweriner Landtag und setzt sich fort bei der Verwendung germanischer Götternamen wie etwa Odin, Wotan, Thor (Thor-Steinar) und Donar in der rechtsextremen Kulturszene. Die symbolhafte Darstellung starker, deutscher Männer spielt für die Inszenierung einer angeblichen "homogenen Volksgemeinschaft" auch eine wichtige Rolle. In einem aktuellen Jahreskalender der rechtsextremen Neonazi-Organisation "Heimattreue Deutsche Jugend“ (HDJ) wird ungeniert mit Hochglanzfotos von Kindern in Uniformen geworben. Darin betont die HDJ die "Ideale" einer "soldatischen Erziehung". Das Völkische wird auf spielerisch-pädagogische Art inszeniert. Es wird inszeniert - und instrumentalisiert: Einer der Chef-Intellektuellen der NPD, Jürgen Gansel, sieht in der Volksgemeinschaft die "einzige Schutz- und Solidargemeinschaft im Zeitalter eines global entfesselten Kapitalismus". Die heimischen Guten gegen das fremde Böse – wie im Nationalsozialismus.

Zum Thema

| Völkische Ideologie und Weltanschauung von Uwe Puschner

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