Kleidung

So einfach wie noch in den 1990er Jahren sind Nazis heutzutage optisch meist nicht mehr zu erkennen. Die klischeehafte Erscheinung meist junger, bulliger Männer mit Glatze, Bomberjacke und Springerstiefeln gibt es zwar noch, allerdings spielen sie inzwischen stilistisch eine untergeordnete Rolle. Der Stil der Szene hat sich stark ausdifferenziert. Viele Neonazis bevorzugen dezentere und modischere Kleidung.


Allerdings sind zumindest äußerst kurze Haare in der Szene bei weitem nicht aus der Mode, wie dieses Foto vom "Rock für Deutschland in Gera, Juli 2009, zeigt (Quelle: Infothek Dessau).

Das ist wichtig zu wissen, da in der breiten Bevölkerung und in vielen Medien immer noch das scheinbar einfach identifizierbare, althergebrachte Erscheinungsbild vorherrscht und sie vielen neueren, ausdifferenzierten Trends gegenüber blind sind. Dass viele Menschen mit neonazistischer Gesinnung auch mit Krawatte und Anzug oder in unauffälligen Polohemden in Erscheinung treten können, vergessen viele. Es gibt rechtsextreme Rocker, rechtsextreme Girlies und sogar rechtsextreme HipHopper. Andererseits ist wiederum nicht jeder Skinhead ein Nazi - es gibt auch linke und sich selbst als unpolitisch bezeichnende Skinheads.


Moderne ist böse: Völkisches Mädel auf dem "Trauermarsch" in Dresden, Februar 2009 (Quelle: ngn).

In völkischen neonazistischen Kreisen ist modisch Traditionalismus Trend: Männer in Zimmermannshosen und Frauen mit Zöpfen, Blusen, langen Röcken und festem Schuhwerk zeigen ihre antimoderne, neonationalsozialistische Gesinnung auch über die Kleidung. In dieser Szene ist – als Ausdruck von Antiamerikanismus - auch das Tragen von Jeans verpönt.


Die Gesinnung dieses Herrn verraten höchstens noch Buttons und Aufnäher (und die Demonstration, die er besucht - mit Andreas Molau und Matthias Faust im Hintergrund)(Dresden, Februar 2009, Quelle: ngn).

Andererseits greifen „Autonome Nationalisten“ den Stil linksalternativer Jugendsubkulturen auf, inklusive komplett schwarzer Bekleidung („Schwarzer Block“), Kapuzen-Sweatshirts, weiten Hosen, Basecaps, Turnschuhen, Sonnenbrillen und Tüchern zur Vermummung. Sie sind nur noch an Codes oder Buttons in ihrer Gesinnung zu erkennen.

Auch andere rechtsextreme Gruppen greifen den Stil und typische Motive von linken und antifaschistischen Bewegungen auf. Die "identitäre" Marke "Phalanx Europa" bietet dafür viele Beispiele: Das Shirt mit dem Aufdruck „Still not <3’ing Antifa“ ist eine Abkupferung des klassischen Motivs „Still not <3’ing Police“, das in der linken Szene schon lange verwendet wird. Auch das weitverbreitete Motiv „Refugees welcome! Bring your families“ wird zweckentfremdet und zu einem rassistischen Statement umgeformt: ein Ritter zu Pferd mit einer Lanze, der zwei Menschen mit Maschinengewehren davonjagt, dazu der Slogan "Islamists not welcome"

Aufnäher/Buttons

Sie sind die eindeutigsten Erkennungszeichen. Denn auch, wenn das Erscheinungsbild auf den ersten Blick bürgerlich bis sogar linksalternativ wirkt, kann man an ihnen die wahre Gesinnung der Leute erkennen, die mit einem in der Bahn fahren, einem das Bier ausschenken oder zu der freundlichen Familie von nebenan gehören. Auf den Buttons stehen Slogans, einschlägige rechtsextreme Symbole oder Parteinamen.

Bomberjacken

Sie sind in der Neonazi-Szene immer noch beliebt, man kann sie in vielen verschiedenen Farben und mit vielen verschiedenen Aufdrucken kaufen. Die klassische Variante ist jedoch die kragenlose Jacke mit orangenem Innenfutter in oliv oder schwarz. Sie wurde den Jacken der US-amerikanischen Bomberpiloten nachempfunden und täuschen durch ihren Schnitt ein breites Kreuz vor, wodurch der Träger einschüchtern will und sich überlegener fühlt.


Springerstiefel haben zumindest noch symbolischen Wert für die Szene ("Rock für Deutschland, Gera, Juli 2009, Quelle: Infothek Dessau).

Springerstiefel / Doc Martens

Diese Stiefel wurden in den 1940er Jahren in England für Dockarbeiter konzipiert, aufgrund von Gefahrenschutz teilweise auch mit einer Stahlkappe, die später von Neonazis als berüchtigte Waffe eingesetzt wurde.

Seit Ende der 1960er Jahre werden Springerstiefel als Erkennungssymbol der rechtsextremen Szene immer markanter, als in den USA Skinheads mit Doc Martens auf Demonstrationen gegen den Vietnamkrieg negativ auffielen. Sie werden getragen aufgrund ihrer militärischen Anmutung, ihrer Bequemlichkeit – und weil sie sich in Straßenkämpfen als Waffe einsetzen lassen.

Doc Martens sind jedoch auch in der linken Szene sehr beliebt, bei Punks und der Dark-Wave-Szene. Immer wieder werden sie auch als reines modisches Accessoire getragen. Dass die Schnürsenkelfarbe der Stiefel etwas über die politische Einstellung des Trägers oder der Trägerin aussagt, gehört in den Bereich der Mythen.

Nipster = Nazi-Hipster

Ein neuer Trend sind Nazis im Hipster-Gewand: die "Nipster". Sie greifen den "Hipster"-Stil auf: Jutebeutel, Wollmütze, Hornbrille und eine Jacke vom Flohmarkt– doch immer angereichert mit neurechten, rechtsextremen oder zumindest „demokratiekritischen“ Symboliken und Aufdrucken. Dazu kommen weitere alternativkulturelle Versatzstücke wie Selfie-Schnappschüssen (z.B. vor dem Holocaust-Mahnmal aus Provokationsgründen), vegane Ernährung (zum Stählen des Körpers und weil es hip ist) und Containern (gegen Kapitalismus, als Akt des Widerstandes und der Selbstversorgung), die aber auch in die Ideologie eingebettet werden.

| Marken, die bei Neonazis beliebt sind und in der Szene Bedeutung besitzen

| Kleidung: Übernahme linker Symbolik

| Übersicht: Rechtsextreme Symbole, Codes und Erkennungszeichen

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