Nazis in sozialen Netzwerken - Was tun?!

Rechtsextreme nutzen das Internet – das ist nichts Neues. Auf der Konferenz „Virtuelle Vernetzung des Rechtsextremismus – Was tun?“, die vergangene Woche von der Friedrich Ebert Stiftung veranstaltet wurde, ging es vor allem um aktuelle Entwicklungen, neue Erkenntnisse und den Auftritt Rechtsextremer in den sozialen Netzwerken. Aber auch über mögliche Gegenstrategien wurde angeregt diskutiert.

Von Hannah Frühauf und Ulla Scharfenberg

Im Rahmen der Konferenz arbeiteten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer in parallelen Workshops zu verschiedenen Schwerpunkten im Themengebiet. Anna Groß und Simone Rafael, Mitarbeiterinnen der Amadeu Antonio Stiftung und verantwortlich für netz-gegen-nazis.de, zeigten in ihrem Workshop „Rechtsextremismus und soziale Medien – zwischen Werbung und Mimikry“, zahlreiche Beispiele für rechtsextreme Auftritte bei Facebook, StudiVZ und Co.

Nazis im Netz - von subtil bis explizit

Dass es oft gar nicht so einfach ist, Neonazis auf den ersten Blick zu identifizieren, sei gewollt, erklärte Simone Rafael „Rechtsextremismus wirkt so wie ein Hobby unter vielen“, die Hemmschwelle zur Kontaktaufnahme ist wesentlich niedriger. Beispiel Musikgeschmack: Neben explizit rechtsextremen Lieblingsbands findet sich nicht selten auch Unpolitisches wie „die guten alten 80er Jahre“. Ebenso verhält es sich mit Zitaten auf den Profilen der rechtsextremen Nutzerinnen und Nutzer. Selten werden hier bekannte (Neo-)Nazis zitiert, häufig sind es völlig unverfängliche Aussagen, die sich jedoch von rechts umdeuten lassen. Anna Groß und Simone Rafael erklären den interessierten Teilnehmerinnen und Teilnehmern, wie sie rechtsextreme Nutzer im Netz erkennen und worin die Gründe für die Neonazi-Umtriebe im Web 2.0 liegen. Demnach spielen die Einschüchterung von politisch Andersdenkenden, die Anwerbung neuer „Kameraden“ sowie die Möglichkeit der schnellen Weiterverbreitung von Inhalten eine entscheidende Rolle für die rechtsextremen User, zudem stärken sie ihr Selbstbewusstsein und haben „Spaß am rechtsextremen Lifestyle“. Die Hauptgefahr liege aber darin, dass das „unverfängliche Umfeld“ von sozialen Netzwerken dazu beitragen kann, rechtextremes Gedankengut salonfähig zu machen, zu normalisieren und letztendlich als eine Meinung unter vielen zu etablieren.

Was offline verboten ist, sollte auch online nicht erlaubt sein

In ihrem Workshop „Rechtsextreme Selbstdarstellung im Internet“ zeigt Christiane Schneider von „jugendschutz.net“ weitere Beispiele für rechtsextreme Online-Auftritte. Anhand der Webseite der „Autonomen Nationalisten Thüringen“, deren Zielgruppe in erster Linie Jugendliche sind, beschreibt Schneider wie diese - in modernem Aufzug und anhand von „do-it-yourself“-Aktionen, wie „Sprühschablonen richtig herstellen“ oder Tipps zu „Spontan-Demos“ - das Internet für ihre Zwecke nutzen. „Zwar lässt sich eine Modernisierung der Neonazi-Szene an den Web-Auftritten der ‚Autonomen Nationalisten’ erkennen, über die Wechselwirkung zwischen den Darstellungen im Internet und dem realen Leben ist bisher aber nicht sehr viel bekannt“, so Schneider. Trotzdem sei es wichtig, die Selbstdarstellungen der Rechtsextremen im Internet zu beobachten und rechtsextreme Inhalte zu verfolgen und Verstöße gegen das Gesetz zu melden. „Was offline bestraft wird, sollte auch online bestraft werden“, erklärt Christiane Schneider. Weiter erzählt sie: „Uns wird oft vorgeworfen, der Kampf gegen Neonazis im Internet sei ein Kampf gegen Windmühlen – dennoch: Über die Beobachtungen der rechtsextremen Szene im Internet lassen sich Trends feststellen, aus denen dann erfolgreiche Gegenstrategien entwickelt werden können“. Um in Zukunft erfolgreich gegen rechtextreme Inhalte im Internet vorgehen zu können schlägt Schneider eine „Kultur der gemeinsamen Verantwortung“ vor. Damit meint sie zum Beispiel, dass Internet-Provider soziale Verantwortung übernehmen müssen, in dem sie sie sich klarer im Kampf gegen rechtsextreme Inhalte positionieren. Ein Beispiel wäre die Verbesserung von Meldemöglichkeiten rechtsextremer Inhalte. Da Neonazi-Webseiten oft über ausländische Provider betrieben werden, sei ein weiterer wichtiger Punkt die internationale Zusammenarbeit. Das Netzwerk „INACH“ (International Network Against Cyber Hate), dass versucht die Einhaltung von Menschenechten im Internet zu wahren, sei hier ein Anfang. Natürlich müsse die „Internet-Community“ im Kampf gegen Rechtsextremismus im Internet sensibilisiert, bestärkt und miteinbezogen werden, so Schneider.

Recherchieren, beobachten, dokumentieren, melden

„Der Besuch von Neonazi-Aufmärschen, das Sammeln rechtsextremer Flugblättern oder der Besuch von Gerichtsverhandlungen über rechtextreme Straftaten, sind weiterhin unabdingbar in der Recherche zur rechtsextremen Szene“, erzählt Johannes Radke (Freier Journalist) in seinem Workshop „Sinnvolle Online-Recherche zur rechtsextremen Szene im Internet“. Radke erklärt weiter: „die Online-Recherche gewinnt neben dieser ‚Vor-Ort-Recherche’ aber zunehmend an Bedeutung“. Da das Internet für Neonazis selbst – als Informations- und Kommunikationsplattform - zunehmend wichtiger wird, können durch Online-Beobachtungen und -Recherchen wichtige Entwicklungen innerhalb der Szene erkannt werden. Weiter kann das aktuelle Bedrohungspotential durch Neonazis aufgezeigt werden, außerdem trägt die Online-Recherche häufig zur Aufklärung und Prävention rechtsextremer Straftaten bei – wenn Neonazis beispielsweise im Internet unverblümt und detailliert mit eigenen Gewalttaten prahlen und vergessen, dass sie dies in einem offenen Forum tun. „Neonazis geben im Internet häufig mehr Preis als sie eigentlich wollen“, so Radke. Als Beispiel nennt er den Neonazi-Aufmarsch, vor wenigen Wochen, in Berlin-Kreuzberg. Die Polizei hielt die angemeldete Demonstration geheim. Auch die Neonazis selbst hatten zu der Veranstaltung heimlich mobilisiert. Dummerweise – für die Neonazis – äußerte sich ein Rechtsextremer auf Facebook recht offen zu dem bevorstehenden Ereignis. So erfuhren Neonazi-Gegner und Journalisten in letzter Minute, doch noch von dem Aufmarsch, konnten Präsenz zeigen und darüber berichten. Ohne Online-Recherche wäre dies nicht möglich gewesen und die Neonazis hätten ungestört aufmarschieren können.

Nichts unwidersprochen lassen

Joachim Wolf und Anna Groß von netz-gegen-nazis.de geben in ihrem Workshop am Nachmittag praktische Tipps zum Umgang mit rechtsextremen Störern in sozialen Netzwerken. Gerade in Online-Diskussionen versuchen rechtsextreme User verstärkt die Meinungsführerschaft zu übernehmen. Es ist also besonders wichtig, menschenfeindliche Aussagen nicht unwidersprochen zu lassen, sie gegebenenfalls zu melden und von den Seitenbetreibern löschen zu lassen. "Das Löschen von klar rechtsextremen Inhalten im Netz ist wichtig, aber natürlich keine Lösung des Problems", bemerkt Anna Groß. Ein geschulter Blick für rechtsextreme Kommentare und die entsprechende Reaktion können trainiert werden. "Neonazis verfolgen im Web 2.0 bestimmte Strategien", es lassen sich Muster erkennen, die es zu durchschauen gilt. Ob sich eine sachliche Diskussion lohnt, oder der Inhalt gleich dem Foren- bzw. Seitenbetreiber gemeldet werden sollte, muss jedes Mal neu bewertet werden. Oft hilft auch, andere Nutzer und Nutzerinnen aufmerksam zu machen, indem der Urheber von rechtsextremen Kommentaren als Neonazi geoutet wird. Ein Blick ins Profil der verdächtigen User ist in diesem Fall häufig sehr aufschlussreich. Entscheidend ist es Opfer von rechtsextremen Beleidigungen nicht allein zu lassen, sondern aktiv einzugreifen.

Zum Weiterlesen:
Die Broschüre "Neonazis im Web 2.0 - Erscheinungsformen und Gegenstrategien" bietet ausführliche Tipps zum Umgang mit Rechtsextremen im Netz. Die pdf-Version kann hier heruntergeladen werden.

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