Frage

Was tun, wenn der eigene Neffe ein Nazi ist?

Bild von AS

Mir wurde ziemlich der Boden unter den Füßen weggerissen, als mein Neffe (21) mir eröffnete, nach Dresden gehen zu wollen, weil er "einfach gewisse Ereignisse in der Geschichte so nicht akzeptieren wolle".
Er, Scheidungs- und Einzelkind, kommt wohl auf seine Mutter (meine Schwester), die immer noch nicht in der Lage ist, ihr eigenes, selbstbestimmtes Leben zu führen und sich gerne an jemanden klammert, der ihr das Blaue vom Himmel verspricht (wie viele ihrer Exfreunde).

Wer kann mir Anlaufstellen nennen, die mir helfen können? Ich sitze hier mit meinen 43 Jahren und heule fast vor Scham und Enttäuschung.

Danke im Voraus,

A.

erschienen am Montag, 15.02.2010, 19:34

Leser-Kommentare ()

  1. Bild von Marcus Hamburgensis

    Dass man das Geschehene akzeptiert, wäre ein Zeichen seelischer und geistiger Reife... zumal es sich bei den Dresdener Bobenangriffen ja nicht gerade um kürzlich zurückliegende persönlich Schicksalschläge Deines Neffen handelt.

    Nach dem, was Du erzählst ist der Knabe noch nicht ganz erwachsen geworden. Vielleicht fehlt ihm ein männliches Vorbild in unmittelbarer Umgebung und jetzt sucht er sich die dumpfeste Pseudo-Männlichkeit.
    Bei dem spanischen Diktator Francisco Franco ging es ähnlich zu: ein liberaler Vater, Nicolás Franco, hoher Marineoffzier, den aber seine konservativ-katholisch frömmelnde Mutter aus dem Haus geekelt hatte. Die Mutter ließ den Sohn nicht so recht los und nahm im elterlichen Konflikt den jungen Francisco für sich ein. Entsprechend schlecht gestaltete sich das Vater-Sohn-Verhältnis. Franco fühlte sich zeitlebens nie von seinem Vater anerkannt. Sein eigenes Leben aber auch das anderer schätzte er gering und bewährte sich dementsprechend in einem dreckigen Kolonialkrieg in Marokko.

    Kümmert sich sein Vater um Deinen Neffen? Der Junge braucht Selbstbewustsein und ein positives liberales Männerbild. Vielleicht kannst Du darauf hinwirken, dass sein Vater etwas mit Deinem Neffen unternimmt am besten regelmäßig. Möglichst sportlich und männlich sollte es sein: eine Segel- oder Tekkingtour, Skilaufen, Bogenschießen, Kendo etc. Gemeinsam ein Biertrinken zu gehen, ist ein guter Anfang, aber nicht mehr!

  2. Bild von steinlaus11

    Hallo, AS!
    Schwierige Frage!
    Es kommt darauf an, wie weit er die faschistoide Gesinnung bereits verinnerlicht hat! Es könnte sich auch um eine in seiner Naivität begründete Trotzreaktion handeln.
    Wichtig ist, dass Du auslotest, in wieweit sich die faschistische Gesinnung bereits verfestigt hat.
    Ist noch ein Fünkchen "normaler" Verstand übrig, sollte man ihn stet zu beeinflussen versuchen!
    Du solltest auch seine Lebensumstände einer genaueren Betrachtung unterziehen, hat er nen Job oder lungert er ohne aussicht auf eine berufliche Perspektive herum? Welche (vieleicht falschen) Freunde hat Dein Neffe?
    Auf jeden Fall nicht mit dem Holzhammer agieren!!
    Aber, wenn sich das falsche Gedankengut schon sehr tief verfestigt hat, hast Du kaum noch eine Chance, ihn zu bekehren!
    Dann kannt Du leider nur noch den Kontakt meiden!

    Mein Vater war ein Nazi, wie er im Buche steht! er fand den Krieg mit seinen vielen Millionen Opfern richtig und die Wehrmacht hat ihn nur verloren, weil es die Dolchstoßlegende gab! Daß dieser Wahnsinn von Anfang an niemals zu gewinnen war, kam ihm nie in den Sinn!
    Friede seiner Asche!

    Ich hab in meiner Jugend mit meiner "Gesinnung" mehrmals gependelt und mich mit Anfang zwanzig (lang, lang ist's her) endgültig von diesem ganzen braunen Müll getrennt!!

    Mein Kommentar hilft Dir hoffentlich
    Steinlaus 11

  3. Bild von Atze

    Hallo AS,

    letztlich wird man wirklich nur entgegensteuern können, wenn man sich intensiv mit ihm beschäftigt und auseinandersetzt. Insoweit finde ich die Fingertipps von Marcus schon sehr brauchbar.
    Ihm lange Vorträge zu halten, wird wohl eher wenig weiterhelfen. Ich würde, schon aus blanker Neugier, mich darauf konzentrieren, seine Motive für eine Hinwendung zum Rechtsradikalismus zu hinterfragen und darauf, ihn auf die Entdeckung von Ziel-Mittel-Widersprüchen zu orientieren.

    Was will er, was wollen Nazis? Womit will er das erreichen, womit die Nazis? Da könnten schon ein paar Groschen fallen...

  4. Bild von AS

    Ich danke für eure Anregungen.

    Ich habe die Erkenntnis ein wenig verdaut und werde mich (noch) nicht von ihm lossagen sondern versuchen, ihn mit seinen eigene Waffen zu schlagen (Ausländer sind faul und sie nehmen uns unsere Jobs weg - was denn jetzt??).
    Leider ist er ein Scheidungskind, der Vater ist weit weg. Mein Einfluss lag lange Zeit brach, als er mit Mutter und ihrem damaligem Freund weggezogen ist - heute ist er wieder "im Lande".

    Wer mit so was konfrontiert war/wird kann mein Entsetzen nachvollziehen, ein intelligenter Bursche gerät an die Rattenfänger ...

  5. Bild von Atze

    Moin AS,

    nee, nicht lossagen, ist doch bucklige Verwandschaft, klebt an einem eh wie Hundesch... :-)

    Nimms mal als sportliche Gelegenheit und zivilgesellschaftlichen Auftrag: Hol ihn raus aus dem braunen Sumpf!

    Das geht natürlich nur durch mehr oder minder intensiven Kontakt, bei dem die argumentative Auseinandersetzung im Vordergrund stehen sollte. Aber auch die Bedeutung solcher von Marcus aufgelisteten Aktivitäten würde ich nicht unterschätzen.

    Und kitzel ihn mal ein bisschen: Seine Argumente kann er doch auch hier mal auf die Probe stellen! :-)

  6. Bild von Hunter

    Ich melde mich zwar erst spät zu Wort, nichtsdestotrotz mache ich mir Sorgen um den jungen Mann.Inwieweit hat sich eigentlich sein wesen schon verändert? Ich meine damit, ist er schon aufsässig seinen Mitmenschen gegenüber (Vater, Mutter und evtl. Geschwister??) denn diese sind die ersten, die eine wesensveränderung feststellen müßten. hat er schon Nazijargon angenommen?Hat er sich schon abgekapselt. Kommen schon eigenartige Typen zu Besuch? Wenn ja, sollte man sich mit ihm zusammen setzen, um zu erfahren, warum. Beobachtet mal sein. Umfeld.Sprecht in der Schule mit Freunden und Lehrern.

    Die Nazis ziehen alle Register ihres Könnes, ihrer Überzeugungskraft, um den Jungen an sich zu binden. Plötzlich sind die Gutmenschen alles Untermenschen. Die Kameraden werden plötzlich zu Familie. Die Isolierung beginnt. Lasst es nur nicht soweit kommen. Agiert schnell. Der Junge wird es eines Tages danken.

    keine Chance den braunen Rattenfängern.

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