Ich würde gerne über den Artikel http://www.netz-gegen-nazis.de/artikel/ist-de...
diskutieren.
Besonders würde mich interessieren ob ehemalige DDR Bewohner die Ansichten des Autoren teilen?
Es soll hier keine Ostalgie verbreitet werden sondern soziologische Hintergründe genauer untersucht werden.
Meiner Meinung nach, hat der Autor eine recht klischeebehaftete Sichtweise über den damaligen Osten.
Jo, das könnte eine ganz interessante Diskussion werden...
Den Artikel finde ich als Grundlage eigentlich schon ganz interessant, eben weil er nicht so klischeehaft auf der ökonomistischen Schiene daherkommt: hohe Arbeitslosigkeit -> perönliche Perspektivlosigkeit -> abgleiten in den Rechtsradikalismus.
"Übersteigerter Gemeinschaftssinn" und "Abnahme persönlicher Verantwortung" erscheinen mir als ursächliche Erklärung allerdings auch recht rutschig zu sein...
Also ich habe mir den Artikel durchgelesen und finde dort diese "klischeebahftete Sichtweise" des Autors nicht. Vllt könntest du das anhand von ein paar Bsps. aufzeigen?
Ich denke, dass es sich dann auch leichter drüber diskutieren lässt.
@ AFB
Atze spricht es an:
"Übersteigerter Gemeinschaftssinn"
"Abnahme persönlicher Verantwortung"
Das klingt nicht wie die DDR die ich kannte. Vielleicht wie die Staatspropaganda aber sicher nicht wie das Leben der Menschen tatsächlich aussah.
Bezweifle stark, dass er Autor im Osten groß geworden ist bzw ihn aktiv miterlebt hat.
Einzig den verbliebenen Rassismus kann ich bestätigen.
Selber bin ich übrigens gelernter Wessi. :-)
Diese beiden Aspekte "Übersteigerter Gemeinschaftssinn" und "Abnahme persönlicher Verantwortung" erscheinen mir als Elemente einer ursächlichen Erklärung von Rechtsradikalismus doch recht weit hergeholt. Ich sehe da keinen notwendigen inneren Zusammenhang. Und wo verläuft den die Grenze zwischen einem vernünftigen Maß staatlicher Daseinsvorsorge und einer übergebührlichen Abnahme persönlicher Verantwortung, bzw. angemessenem und übersteigertem Gemeinschaftssinn?
Da könnte leicht der Eindruck entstehen, eine neoliberal inspirierte Abfacklung unseres Sozialstaates sei der wirksamste Beitrag zur Bekämpfung von Rechtsradikalismus... :-)
Andererseits enthält der Artikel m.E. durchaus viele empirisch-phänomenologische Tatbestände, die zur einer Erklärung des ostdeutschen Ausmaßes an Rechtsradikalismus beitragen können:
- Antifaschismus als Staatsdoktrin
Ist man per staatlichem Selbstanspruch und Definition antifaschistisch, "entlastet" man naturwüchsig die Zivilgesellschaft von einer kritischen Auseinandersetzung mit der eigenen Geschichte - gerade im persönlichen Umfeld. Hier kann ich den Autoren ganz gut folgen.
- Internationalismus als Staatsdoktrin
Gleicher Wirkmechanismus, gleiche konsequenzen. Rassismus und Ausländerfeindlichkeit "durften" gar kein Problem darstellen...
- Integration der Bevölkerung für das Projekt eines gesellschaftlichen und politischen Neuanfangs
Der DDR-Schriftsteller Stefan Hermlin hat mal in einem Interview eingeschätzt, dass auf dem Höhepunkt des NS-Regimes, also etwa zum Zeitpunkt der Ausrufung des "totalen Krieges" ca. 90% aktiv oder als widerspruchslose Mitläufer mitgezogen haben. 8-9% hätten sich in die innere Emigration zurückgezogen und nur ein Promilleanteil hätte aktiven Widerstand geleistet. Über das eine oder andere Prozent mag man sich streiten können, aber sowohl der Aufbau einer westlich orientierten Demokratie als auch eines vermeintlichen Sozialismus auf deutschem Boden waren vor das Problem gestellt, dies mit dieser Bevölkerung zu tun.
Aber nach einem temporären Aktivismus auf beiden Seiten (Entnazifizierung) mündete das beidseitig rasch in Verdrängen und Vergessen ein. Erst 68 wurde diese Tabuisierung in Westdeutschland systematisch, gründlich und dauerhaft überwunden. In der DDR gab es leider keinen analogen Prozess. Die NDPD z.B. war der - nutz- und sinnlose Versuch - das "sozialistisch" aus dem Nationalsozialistisch herauszuschälen.
- autoritär orientierte Kleinbürgerlichkeit als Staatsdoktrin
Da gibt es so einen DDR-Film, sehr selbstkritisch, der einem einen schönen EInblick in das moralische Selbstverständnis der DDR in den ersten Jahrzehnten gewährt. Verheirateter bauleiter fremdelt mit der hübschen Bauingenieurin. Die kriegt prompt ein - uneheliches! - Kind von ihm. Beides SEDler. Die Partei reagiert empört und entsetzt. Wie können sich Kommunisten nur moralisch so fehlverhalten...? :-)
Klar, aus heutiger Sicht kann man sich da nur an den Kopf packen und fragen, haben die eigentlich damals wirklich so einen an der Waffel gehabt? :-)
Aber der Film enthält noch eine Reihe weiterer Fingertipps auf erzkonservative, reaktionäre Moralvorstellungen, die in der DDR vorherrschten und nur notdürftig rot lackiert wurden.
- unkritischer Umgang mit völkischem Gedankengut, Suche nach "nationaler Identität"
Deutschtümelei, auch völkisch konnotierte, war dem "Sozialismus auf deutschem Boden" alles andere als unbekannt. Lange Zeit verfolgte man auch in der DDR das Ziel der Wiederherstellung der "natinalen Einheit". Später bastelte man dann an einer DDR-Identität herum. "Deutsch" stand dabei jeweils im Vordergrund.
Das alles sind m.E. DDR-spezifische Elemente einer Erklärung für ostdeutschen Rechtsradikalismus. Was man bräuchte, wäre ein theoretisches Modell, in dem man sie erklärungsträchtig verarbeiten könnte. Mal schauen, wann ich Zeit habe... Dann stell ich mal meins zur Diskussion... :-)
Danke für diesen geistreichen Beitrag.
Ich denke ebenfalls, dass ein 68 der DDR gut getan hätte.
Vieles war in der DDR aufgesetzt und dazu gehörte eben auch der Antifaschismus.
Sie schrieben:
"Da könnte leicht der Eindruck entstehen, eine neoliberal inspirierte Abfacklung unseres Sozialstaates sei der wirksamste Beitrag zur Bekämpfung von Rechtsradikalismus... :-)"
Das habe ich auch so empfunden!
Klingt wie ein klassischer Westerwelle. :)
Hallo 777,
jo, zwei Doofe, ein Gedanke... :-)
Bei dem Film, den ich meinte, handelt es sich übrigens um "Spur der Steine" von Frank Beyer. Da gibt es eine Szene, die eine Auseinandersetzung innerhalb der von Manfred Krug geführten Zimmermänner behandelt. Unverkennbar, dass der "böse" Protagonist dieser Auseinandersetzung biographisch durch sein Wirken im NS-Regime belastet ist. Aber womit beschäftigt sich die Parteileitung? Mit den "moralischen Verfehlungen" zweier Parteigenossen: Seitensprung und uneheliches Kind...
Und noch eine Annekdote: Vorgestern lief in einem mdr-Magazin ein Beitrag über Vereine. Szene: Eine Gemeinde in Thüringen. Die haben so eine Art Lautsprecher-Radio in ihrem Dorf. Über das verkündet der lokale CDU-Bürgermeister u.a. Vereinstermine. Eigentlich ganz witzig.
Womit leitet der seine Ansprachen ein? Mit dem 3-minütigen Abspielen der "Alten Kammerden", einem preussischen Militärmarsch aus der Jahrhundertwende. Wohl immer. Danach verkündet er, dass sich die Kammeraden der .... Feuerwehr!... dann und dort treffen.
In Westdeutschland ziemlich undenkbar, dass dem nicht stehenden Fusses engagierte Debatten folgen würden. Statt Feuerwehr bräuchte man eigentlich nur den Namen einer lokalen rechtsradikalen Kammeradschaft einzufügen. DAS ist die kulturelle Atmosphäre, die den Braunis in die Karten spielt!
Ich denke das die Arbeitslosigkeit keine allzu große Rolle spielt. Allerdings ist es im Osten generell leichter Anschluss an die "Rechteszene" zu finden. Ich denke es liegt daran das der Osten nach dem 2.Weltkrieg und der Mauer einfach beeinflusst wurde durch die UdssR. Der Komonismus kann dazu auch eine Rolle gespielt haben. Im Osten wollten dir Menschen vielleicht einfach wieder etwas eigenes. Also einen eigenen glauben so zu sagen und das war und ist immer noch das Recht denken.
man darf auf keinen fall die heutigen faschos im osten mit dennen von damals verwechseln, die heutigen nazis sind west nazis.
wirkliche ostnazis haben der szene nachdem mauerfall den rückengekehrt weil teils völlig unterschidliche ansichten vorhanden sind.
Ein ziemlicher interessanter Aspekt ist, dass es im Osten oft keine gewachsene demokratische Kultur gibt, am ehesten ist das in sehr christlichen Regionen zu finden.
Das klingt sehr schwammig aber ich halte es für möglich, dass einigen der Wert der Demokratie einfach nicht bewusst ist!