Semantisch verwirrt

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Hallo in die Runde,

lese ich hier rum, wird immer von "Nazis", "rechtsextrem" oder "rassistisch" geschrieben - selten aber mal von "Neonazis", "Rechten", "rechctsextremistisch" oder "Braunen" gesprochen. Ist das Absicht? und ist das überhaupt wichtig, wie man den ganzen Kram nennt?

MfG
Hannes Huhn

Kommentare

Es ist zum Teil wichtig. Also jemand der rechtsextrem ist, ist nicht unbedingt ein Nazi. Ein Nazi kann man heut zu Tage streng genommen auch nicht sein, sondern ein Neonazi, weil die Nazizeit vorbei ist.

Jemand der "rechts" ist, ist auch nicht zwangsläufig rechtsextrem.

Hallo Hannes,

hehe, wenn du dir wissenschaftliche Meriten mit einer Doktorarbeit zur Definition deiner gelisteten Begrifflichkeiten erwerben möchtest, macht es zweifrelsfrei Sinn, über Reichweite, Trennschärfe und Abgrenzung dieser begriffe zu sinnieren. Aber im alltäglichen gebrauch sollte man das ganz locker sehen und sich darüber freuen, welche Vielfalt an begriffen zur verfügung steht, den tumben, rechten Menschenfeind zu qualifizieren... :-)

Ansonsten beherbergen und reflektieren diese begriffe durchaus nuancielle Unterschiede in der rechtsextremen Szene. "Nazi" wäre streng genommen ein Anhänger Hitlers und der NSDAP (das wiederum muss ja nicht nur historisch beschränkt sein auf Hitlers Lebzeiten), "Neonazi" wäre demnach jemand, der sich zwar an der historischen Vorlage orientiert, sie aber um eigene Elemente ergänzt bzw. auf bestimmte verzichtet. "Rechtsextremismus" dient wiederum zum einen als sammelbegriff für die einzelnen Erscheinungen, aber auch zur Charakterisierung von rechten politischen Strömungen, die zwar rassisitsch und latent demokratiefeindlich orientiert sind, aber mehr oder minder überzeugend den NS ablehnen...
Wie man die braune Scheiße nennt, ist sicherlich nicht so wichtig. Man muss sich nur bewusst sein, dass es sich um braune Scheiße handelt. :-)

Danke für die Aufklärung! Ich hatte mich auch deswegen gewundert, weil ich mich in einer Diskussion auf Facebook über Neonazis in meinem Stadtteil ausgelassen hatte. Ich bekam dann mehrmals zu lesen, dass es nicht "Neonazis" heisst, weil ein Nazi ein Nazi sei - deswegen hatte ich hier nachgeschaut - und war umso verwirrter. Also: Danke nochmal

@Hannes Huhn,
@Nikita Bergmann,

Als Nazi bezeichnet man eine Person, die sich offen zur nationalsozialistischen Ideologie bekennt. Soweit syntaktisch korrekt.

Dabei die Definition in Altnazis für die Nazis während des dritten Reiches und Neonazis für die Nazis heutzutage.
Deshalb ist es auch nicht strafbar eine Person, die sich heute offen zum Nationalsozialismus bekennt, als Nazi zu bezeichnen.

Die Bezeichnung Neonazi, Nazi, Brauni ect.pp ist, um es ähnlich wie Atze auszudrücken im Prinzip Jacke wie Hose ;-))

Beste Grüße

Ghostrider

Trennschärfe wichtig!
Rechts = konservativ (Gegenteil: Links= "progressiv"). Die Begriffe haben ihren Ursprung in der Sitzordnung des frz. Revolutionsparlaments.
Radikal: (rechtsradikal, linksradikal, marktradikal, radikal ökologisch usw.) (von lat. radix = Wurzel). Es ist nicht unbedingt verwerflich, radikal zu sein.
Extrem: (rechtsextrem, linksextrem usw.) = Umsturz und Gewalt befürwortend bzw. ausübend.
"Nazi": Ursprünglich bairischer Spitzname für "Ignaz/Ignatz", später zunächst nur in Bayern verwendete scherzhafte oder saloppe Bezeichnung für Anhänger der NSDAP, durchaus auch von diesen selbst als Eigenbezeichnung benutzt (es gab bzw. gibt daneben die Spitznamen Sozi=Sozialdemokrat und Kozi=Kommunist. Inzwischen hört man zuweilen auch Internazi=Internationalist). Im englischen als "seriöse" Bezeichnung für Nationalsozialisten anerkannt (die US-Nationalsozialisten nennen sich American Nazi Party. Vielleicht auch um das in den USA unbeliebte sozialistische Element zu verschleiern). Die NS-Ideologie setzte sich aus Bestandteilen damaliger linker und rechter Kräfte zusammen und kann somit eigentlich nicht mit "rechts" gleichgesetzt werden. Die NSDAP grenzte sich selbst gleichermaßen nach links und rechts ab ("Gegen Rotfront und Reaktion!"). Der Name wurde übrigens von den (eher linken) tschechischen National-Sozialisten (narodny socialisty) Eduard Beneschs übernommen.
"Braun" (von Parteifarbe der NSDAP, abgeleitet aus der braunen SA-Uniform).
Wer die Begriffe miteinander vermengt, verfolgt entweder ein agitatorisches Ziel oder macht sich zumindest zum nützlichen Idioten derer, die ein agitatorisches Ziel verfolgen. Wer "gegen rechts!" sagt, will damit alles bekämpfen, was nicht links ist. Wer "rechts" und "Nazi" gleichsetzt, möchte ebenfalls, durch einseitige Verortung der NS-Ideologie als "rechts", alle damit treffen, die nicht "links" sind.
Ich hoffe, ich konnte weiterhelfen!

Hallo Kankalöf,

nein, mit dieser gleichermaßen belanglosen wie inhaltsleeren Begriffshuberei hilfst du niemandem weiter. Erst recht nicht, wenn du propagandistische Selbstinszenierungsbestrebungen der Nazis ("Gegen Rotfront und Reaktion") zum final entscheidenden Kriterium für die politische Lagerzuordnung des Hitlerfaschismus erhebst.
Rechts und links haben zwar etwas mit der Sitzordnung im französischen Nationalkonvent zu tun. Der Konservatismus aber entsteht als feudalistisch-royalistische Abwehr und Feindschaft gegenüber Demokratie und Menschenrechte, insbesondere dem Leitbild der Gleichheit aller Menschen vor dem Gesetz. Und so prägen denn auch Antidemokratismus, Monarchismus, Antirepublikanismus und Kampf gegen die formale Gleichheit und für die Rückerlangung ständischer Privilegien den Konservatismus bis zum Machtübertrag an Hitler.
Die NS-Schreckensherrschaft wird von den Konservativen nicht nur bejubelt - sie leisten motiviert durchaus auch ihren ganz eigenen Schlächterbeitrag.
Insoweit verfolgt eher deine Begriffshuberei hier agitatorische Reinwaschungsfunktionen für eine historisch blamierte und in jeder beziehung versagende Rechte.

@Atze
Welcher politischen Richtung würdest Du denn -und mit welcher Begründung- KEIN historisches versagen attestieren?

Hallo Kankalöf,

allen, die rechtzeitig die gefahr erkannt haben, die vom Hitlerfaschismus ausging und die sich entsprechend engagiert und motiviert gegen ihn gestellt haben. DAs betrifft vor allem Kommunisten, Sozialdemokraten, Linksliberale, Teile des katholischen Zentrums und insgesamt die qualifizierte Mehrheit der Wahlbevölkerung, die unter freien Bedingungen den Nazis und ihren Vasallen keine Wahlstimme geschenkt haben.

@Atze
Ich meinte nicht nur historisches Versagen mit Blick auf Hitler, sondern historisches Versagen generell.

Was soll das denn bedeuten, "historisches Versagen generell"? Willst du jetzt etwa der Sozialdemokratie den Untergang der neandertaler ans bein binden? Oder dem Liberalismus den Untergang des Römischen imperiums?
Es wird keine politische Strömmung oder Bewegung geben, die nicht in einem entscheidenden historischen Moment auch mal einen gravierenden Fehler gemacht hat.
Aber man müsste schon lange und sehr tief in der Geschichte wühlen, um ein historisches Totalversagen einer politischen Strömmung aufzuspüren wie dasjenige der deutschen Rechten und des deutschen Konservatismus mit Blick auf die Machtübergabe an Hitler und ihrer weiterer Rollen im NS-Regime...

Und es überrascht auch nicht wirklich, dass man dann lieber nach Versagensanalogien sucht, statt sich mit diesem ganz eigenen Versagen konsequent auseinanderzusetzen.

@Atze
Viele Konservative haben anfangs in Hitler das "kleinere Übel" im Vergleich mit den Kommunisten gesehen und meinten, mit seiner Hilfe gegen letztere vorgehen zu können (welche wiederum, in falscher Einschätzung der Lage, in den als "Sozialfaschisten" verleumdeten Sozialdemokraten ihren Hauptgegner sahen. Beim sog. BVG-Streik kam es sogar zu gemeinsamen Aktionen von KPD und NSDAP). Im Nachhinein muß man sagen: Das Verhalten damaliger Konservativer ist ein gutes Lehrbeispiel dafür, wohin es führt, wenn man versucht, den Teufel mit dem Beelzebub auszutreiben. Ich habe den Eindruck, daß die meisten Konservativen heute diese Lehre beherzigt haben und jeder Form von Totalitarismus eine Absage erteilen. Was man von großen Teilen der "demokratischen Linken" leider nicht sagen kann. Was haben sich viele von ihnen an Stalin und Mao 'rangeschmissen! War das klüger? War das kein historisches Versagen? Und auch heute wird von gemäßigten Linken mit Linksextremisten gegen (nicht nur extremistische) Rechte paktiert.

@Atze
Ach, und noch was: Es waren nicht nur Konservative, sondern auch Liberale, Zentristen, Linksliberale, die für das Ermächtungsgesetz gestimmt haben!

Hallo Kankalöf,

du musst dich schon entscheiden: Geht es dir nun um historisches Versagen "generell" oder eben doch bezogen auf die machtübergabe an Hitler.

Und wenn man letzteres nimmt, dann versagt lediglich der Konservatismus, allerdings in einer unfassbaren Art und Weise. Kommunisten, Sozialdemokraten, Liberalen und dem Zentrum als Vorläufer der Christdemokratie kann und muss man zwar etliche Fehler und versäumnisse vorhalten. Aber sie haben grundsätzlich durchaus die gefahr erkannt und sich GEGEN den Hitlerfaschismus gestemmt. Im gegensatz dazu haben die konservativen den bückling gemacht und für seine Ernennung zum Rechskanzler gesorgt.
Überhaupt ist verwunderlich, welche Fehleinschätzungen über den konservatismus, insbesondere den historischen immer noch vorliegen.
Daher nochmal: Er entsteht als Anti-Reaktion auf die Errungenschaften der Französischen Revolution. Er ist gegen die Menschenrechte gerichtet, insbesondere die formale Gleichheit aller Menschen, verteidigt demgegenüber die ständischen Privilegien der Adelskaste und ihr "gottgegebenes Herrenmenschentum, ist andidemokratisch, antirepublikanisch, promonarchistisch. In Deutschland (vermutlich nicht nur hier) entdeckt er den völkischen Nationalismus für sich und steigert ihn zum Chauvinismus ( "Am deutschen Wesen..."). Und er wird zum politischen Bannerträger des Antisemitismus. So bleibt es das historische "Verdienst der bismakrschen Konservativen Partei, erstmalig den Antisemitismus gegen Ende des 19. Jahrhunderts zum Bestandteil eines Parteiprogramms zu machen. Und es sind keine Rechtsextremen, sondern Konservative, die im Zusammenhang mit der Novemberrevolution alle Hemmungen bei der Bekämpfung des politischen Gegners beseitigen und terroristischen Mord und Totschlag zu einem Instrument in der Bekämpfung der Arbeiterbewegung erheben: die Auftragsmorde an Liebknecht/Luxemburg, Eisner, Erzberger, Scheidemann, Rathenau etc. haben konservativen Ursprung.

Die Legende vom "kleineren übel", bei der ja immer auch eine gewisse prinzipielle Gegnerschaft gegenüber den Nazis mitschwingt, ist reine Persilscheinapologetik und übertüncht die enge Verzahnung von Konservatismus und Nationalsozialismus und ihre gleichgerichteten Ziele und Methoden: Revision der Resultate des 1. Weltkriegs, Verwirklichung von dessen Kriegszielen und erbarmungslose Unterdrückung und Ausschaltung vor allem der linken Opposition bis hin zur physischen Vernichtung. Fortfolgend sind konservative nicht nur willfährige vollstrecker des NS-Terrors, sondern auch maßgebliche Architekten desselben.
Personifiziertes Beispiel dafür wäre Franz Halder, der maßgeblich an der Ausarbeitung des "kommissarbefehls" beteiligt war und den Krieg gegen die Sowjetunion als Vernichtungskrieg dimensionierte ("Vernichtung der bolschewistischen Kommissare und der kommunistischen Intelligenz. Die neuen Staaten müssen sozialistische Staaten sein, aber ohne eigene Intelligenz. Es muß verhindert werden, daß eine neue Intelligenz sich bildet.").
Dabei war Halder sogar tatsächlich noch ein Hitlergegner und gehörte u.a. zum Verschwörerkreis um Stauffenberg. Die meisten Konservativen allerdings schrien nicht nur überzeugt für Hitler, sondern mordeten auch ebenso überzeugt.

Insofern hat auch der Konservatismus als geistig-politische Strömung nach 45 in Deutschland keinerlei Rolle gespielt. übriggeblieben sind bestenfalls launige Allgemeinplätze wie etwa, dass sich Konservative für "das Bewahren des Bewährten" einsetzen würden. Zu groß und zu vollständig war das historische Versagen des Konservatismus, als dass er über eine zuletzt auch immer weiter in die Bedeutungslosigkeit abgerutschte Randrolle in den Unionsparteien hinausgekommen wäre.

Zur Zustimmung zum Ermächtignungsgesetz:

"Viele Abgeordnete hatten persönliche Drohungen gegen sich oder ihre Familien erhalten und standen unter dem Schock der Verhaftung der kommunistischen Abgeordneten und unter dem Eindruck der Drohungen der im Sitzungssaal aufmarschierten SA- und SS-Männer. Der ehemalige SPD-Reichstagsabgeordnete Fritz Baade schrieb 1948: „Wenn man […] das ganze Zentrum nicht durch physische Bedrohung gezwungen hätte, für dieses Ermächtigungsgesetz zu stimmen, wäre auch in diesem Reichstag keine Mehrheit zustande gekommen. Ich entsinne mich, daß Abgeordnete der Zentrumsfraktion […] nach der Abstimmung weinend zu mir kamen und sagten, sie seien überzeugt gewesen, dass sie ermordet worden wären, wenn sie nicht für das Ermächtigungsgesetz gestimmt hätten.“[31]"

http://de.wikipedia.org/wiki/Erm%C3%A4chtigungsgesetz

@ Kankalöf: Was erzählst du da für einen Unsinn? Wann haben Zentristen, Linksliberale und Wirtschaftsliberale für das Ermächtigungsgesetz gestimmt?

Die DDP, Zentrumspartei etc. haben sich alle aufgelöst. Nur weil die SPD und KPD die einzigen waren, die dagegen gestimmt haben, muss das nicht sofort heißen, dass alle anderen dafür stimmten bzw. es unterstützt haben.

Mfg

Nikita

Hallo Nikita,

erst lesen und sich ein wenig weiterbilden, dann nachdenken und erst dann schreiben. So tölpelst du nur von einer Blamage zur nächsten. Also nicht anderen Unsinn nachsagen und den selber verzapfen.
Beginne mal mit dem obenstehend von mir eingestellten Link auf das Stichwort "Ermächtigungsgesetz" bei wiki... :-/

Sorry, da hab ich mich wohl wirklich geirrt. Allerdings bedeutet dies nicht, dass Liberale und Konservative dem Faschismus näher stehen würden, weil die DDP und Zentrumspartei Hitler quasi zur Macht verhalfen. Denn die Zustimmung war nicht freiwillig, sondern unter hohem Druck und Zwang verübt worden.