Erfahrungen in Zwickau

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Hallo zusammen,
Zwickau ist in den vergangenen Monaten ja leider zu "negativem Ruhm" gelangt.
Ich wollte fragen, ob hier jemand ist, der mir schildern kann, wie er die Situation gerade erlebt. Meine Familie wohnt noch da, aber ich bin vor kurzem weggezogen, weil ich in München studiere. Ich muss gestehen, dass kein Tag vergeht, an dem ich mir keine Sorgen um meine Eltern und meine kleine Schwester mache. Meine Mutter steht jeden Morgen um 5 Uhr auf und arbeitet bis 21 Uhr abends (und es ist wirklich körperlich anstrengend), mein Vater ist schon etwas älter und man merkt, dass die jahrelange physische und psychische Belastung Spuren an ihm hinterlassen hat. Sie waren schon immer selbständig, sodass ein Arbeitstag weniger (z.B. wegen Krankheit) auch automatisch weniger Einkommen bedeutet. Dabei kommen die beiden selbst in einem Monat, in dem es gut läuft nur knapp über Hartz4-Niveau. Zuhause bleiben und vom Staat leben verbinden sie allerdings mit Gesichtsverlust. In der Straßenbahn traut sich meine Mutter nicht einmal mehr, in einen hinteren Wagon einzusteigen, da der Fahrer bei einem Überfall nichts mitbekommen würde. Eine Freundin von mir wurde mitten in der Bahn beleidigt, verprügelt und bespuckt und es saßen Leute drumherum. Andauernd laufen einem offensichtliche Neonazis über den Weg. Vor zwei Jahren musste ich mich durch die halbe Nachbarschaft scheuchen lassen, weil die mich von der Straßenbahnhaltestelle verfolgt haben und ich nicht nach Hause "flüchten" wollte, weil die dann meine Adresse kennen. In der Regionalbahn wurde ich so dermaßen vom Schaffner beleidigt, dass ich fast in Tränen ausgebrochen wäre und das nur, weil ich meine Fahrkarte nicht auf Anhieb fand. Er unterstellte mir, dass ich wie alle anderen Kanacken wohl schwarzfahren wollte und das er sich nicht verarschen ließe. Am liebsten würde er mich persönlich wieder zurück in mein Dritte-Welt-Land fahren, die Fahrt wäre dann kostenlos. Ein paar Jugendliche zwei Reihen hinter mir haben sich köstlich amüsiert. Ich weiß einfach nicht, warum. Ich versuche seit meiner Grundschulzeit nie aufzufallen, nirgends anzuecken. Ich denke manchmal deutscher als die deutschen Jugendlichen heutzutage. Wenn ich mich mit ehemaligen Klassenkameraden unterhalte, verstehe ich nicht, wie sich manche so gehen lassen konnten, Zigaretten und Bier der Schule vorgezogen haben und sich somit die Zukunft verbaut haben; wie respektlos sie gegenüber ihren Eltern oder generell älteren Leuten verhalten. Ich habe ein überdurchschnittlich gutes Abitur, mich während der elften und zwölften Klasse ehrenamtlich im Altersheim engagiert und backe für den Kuchenbasar immer den Kuchen, der am besten weggeht. Dennoch fühle ich mich zu höchstens 5% als Deutsche.
Als ich in der Grundschule war, hatten die Eltern nie ein Problem damit, dass ihre Kinder mit mir zur Schule liefen oder mit ihnen rodeln ging. Meine kleine Schwester muss allerdings jeden Tag zu spüren bekommen, dass sie anders ist. Meine Mutter bringt sie jeden Tag zur Schule, wo sie allein in der hintersten Ecke sitzt. Die Sitzordnung hat die Lehrerin festgelegt. Ich möchte ihr weiß Gott nichts Böses unterstellen, doch auch nachdem meine Mutter sie bat, meine Schwester wenigstens in eine der vorderen Reihen zu setzen, meinte sie, dass das nicht ginge, weil sie nicht einfach alle anderen Kinder umsetzen könne und sich alle schon an die Ordnung gewöhnt hätten. Nur zur Info: meine Schwester (erste Klasse) saß am ersten Schultag in der zweiten Reihe neben einem anderen Mädchen, die sie schon aus dem Kindergarten kennt. Am dritten Tag, saß das Mädchen immer noch da, nur meine Schwester wurde einfach in die hinterste Reihe gesetzt. Sie ist weder schwatzhaft, noch sonst irgendetwas. In den Pausen sitzt sie als einzige da und malt, während die anderen im Klassenzimmer Fangen spielen. Zu ihrem Geburtstag habe ich kleine Cupcakes und Cookies gebacken und sie durfte (!) keine verteilen, weil das wegen der Salmonellengefahr nicht ginge.
Ich könnte noch stundenlang schreiben, aber das möchte ich Euch ersparen.

Falls ihr keine Zwickauer seid, was denkt ihr von Zwickau? (Bitte auch die Meinung vor dem Lesen einbeziehen)
DANKE! :)

Kommentare

Hallo,
ich selbst bin erst vor einem Jahr nach Sachsen gezogen und mich hat es in diesem Jahr auch mal nach Zwickau verschlagen. Mich persönlich hat das Schaulaufen von einschlägigen Kleidermarken (wie Thor Steinar) und T-Shirts mit Naziparolen in der Fußgängerzone in der Innenstadt erschreckt.
Dementsprechend muss ich leider sagen, dass mich deine Schilderungen nicht sehr überraschen, auch wenn sie mich doch schockieren.

Zu ein paar der konkreten Beispiele: Im Falle einer Wiederholung von rassistischen Beschimpfungen durch Schaffner oder anderes Bahnpersonal, solltest du dir den Namen auf dem Schildchen merken und Anzeige erstatten und eine Beschwerde bei der Bahn einlegen. Die Verantwortlichen bei der Bahn finden es nämlich nicht lustig, wenn ihr Personal sich gegenüber Fahrgästen zu verhält. Arbeitsrechtliche Konsequenzen sind sicher und auch eine Kündigung ist nicht unwahrscheinlich.

Das mit den Cupcakes und Cookies würde ich nicht überbewerten, wenn es nicht nur deine Schwester betraf. In einigen Bundesländern wurden in den letzten Jahren die Hygenievorschriften verschärft, so dass selbstgebackenes etc. nicht mehr in Schulen und Kindergärten verteilt werden darf. Häufig geht das nur noch aus Kulanz. Das hat mich zu meiner Schulzeit auch betroffen und meine kleine Schwester jetzt auch.

Hallo DHdS,

zunächst einmal möchte ich mich bedanken für das Vertrauen, das Sie uns hier entgegenbringen.

Ich hatte bislang überhaupt keine Meinung zu Zwickau, weil ich nie in dieser Stadt gewesen bin und auch niemanden kenne, der oder die von dort kommt. Auch sonst war mir Zwickau - beispielsweise über das, was ich über Medien mitbekommen habe - nie besonders aufgefallen.

Das, was Sie und Ihre Familie in dieser Stadt an neonazistischem Bedrohungs- und Gewaltpotential sowie an ekelhafter rassistischer Selbstüberhebung miterlebt haben und z. T. immer noch miterleben müssen, finde auch ich schockierend. Die Sorgen, die Sie sich um Ihre Familie machen, kann ich nur zu gut verstehen: Ihre Erlebnisse klingen für mich nicht nach einem Ort, an dem ich das Gefühl hätte, sicher leben zu können.

Sie fragen sich, warum die rassistischen Anfeindungen gegen Ihre Person und was Sie vielleicht falsch machen?

Da kann ich Sie beruhigen – denn ich denke, Sie machen nichts falsch. Schuld am Rassismus sind nicht die, die vom Rassismus betroffen sind – sondern die Rassistinnen und Rassisten mit ihrem verqueren Weltbild.

Von daher gibt es vermutlich auch kaum etwas, was Sie bezogen auf Ihr Verhalten ändern können, um zukünftig weniger mit rassistischen Anfeindungen konfontiert zu werden. Sie könnten sich noch bis zur völligen Selbstaufgabe um Anpassung bemühen, sich soweit zurücknehmen, dass Sie quasi von der Bildfläche verschwinden – einem rassistisch denkenden Menschen würde das trotzdem niemals ausreichen.

Ist man arbeitslos, dann ist man für solche Leute des Sozialschmarotzertums verdächtig.

Hat man einen Job, nimmt man ihnen angeblich die Arbeit weg.

Betet man in einer kleinen Hinterhofmoschee, so bildet man in ihren Augen „Parallelgesellschaften“.

Baut man eine große, für alle offen sichtbare Moschee, so raunt es aus solchen Kreisen vom drohenden „Untergang des Abendlandes“ und von „Überfremdung“.

Nehmen Sie sich zurück, so ist das für diese Menschen ein Beweis, dass Sie sich abgrenzen und nicht integrieren wollen.

Treten Sie selbstsicher auf und bestehen auf gleicher Augenhöhe, dann gelten Sie als arrogant und als Beweis dafür, dass „die Ausländer“ bei „uns“ geradezu „verhätschelt“ werden.

Kurz: Ich denke, Sie haben so gut wie keine Chance, durch Ihr individuelles Verhalten eine Rassistin oder einen Rassisten von ihrem Rassismus abzubringen. Sobald man in das Hass-Schema solcher Leute hineinfällt, weil man ihnen „nicht deutsch genug“ aussieht, spricht, handelt etc., ist es eigentlich schon vorbei.

Das bedeutet aber sicherlich weder, dass man sich a) das rassistische Auftreten solcher Leute einfach widerspruchslos gefallen lassen muss, noch bedeutet es, dass man b) nichts gegen Rassismus unternehmen könnte, noch bedeutet es, dass es c) nicht genügend Menschen gibt, die anders ticken und an die man sich alternativ halten kann. Ich gehe mal davon aus, dass man auch in Zwickau solche anti-rassistisch eingestellten Personen finden kann.

Auch wenn ich vermute, das Franz mit seinem Hinweis zu den verschärften Hygienevorschriften betreffend Kuchen & Co. in Schulen und KiTas richtig liegt, ist es in meinen Augen ein absolutes Unding, ein Kind – egal welches – alleine in die hinterste Ecke des Klassenraums zu setzen. Das geht überhaupt nicht und ist – so es nicht rassistisch motiviert ist – ein klares pädagogisches Versagen. Mit solchen ausgrenzend wirkenden Maßnahmen wird man ein Kind mit hoher Wahrscheinlichkeit nicht nur kreuzunglücklich machen – man gefährdet darüber hinaus langfristig eventuell auch seinen schulischen Erfolg.

Von daher wäre hier meines Erachtens die Frage, ob man nicht noch einen zweiten Versuch wagen sollte, mit der Klassenlehrerin diesbezüglich intensiver ins Gespräch zu kommen. Vielleicht finden Sie bzw. Ihre Eltern hier

http://www.integra-zwickau.de/

oder hier

http://www.adb-sachsen.de/beratung.html

diesbezüglich Unterstützung in Form von Beratung, vielleicht sogar in Form von Begleitung?

So oder so – allein schon damit später jemand den Gesprächverlauf bezeugen kann, würde ich Ihnen bzw. Ihren Eltern dringend dazu raten, eine Person Ihres Vertrauens zu einem solchen Gesprächstermin mit hinzuzuziehen und den Verlauf ggf. schriftlich zu dokumentieren. Alles weitere wird man dann sehen müssen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie alles Gute und drücke die Daumen, dass es Ihnen gelingt, für Ihre Schwester eine bildungs- und entwicklungsförderlichere Klassenatmosphäre zu schaffen.

Wenigstens das sollte drin sein ...