Wurzen: Deutsch-polnisches Austauschprojekt verbessert Schulklima nachhaltig

Wie das Thema Natinalsozialismus bearbeiten, wenn die Schüler nicht interessiert sind oder gar aus rechtsextrem geprägten Elternhäusern kommen? Das Berufliche Schulzentrum in Wurzen hatte eine Idee, die sich bewährt hat, und ist nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009.

Von Jan Schwab

Gabriele Hertel erinnert sich noch gut an den Tag im Jahr 2006, als sie deprimiert und sehr traurig aus der Schule nach Hause kam und einfach nicht mehr weiter wusste. Der Lehrerin für Geschichte, Sozialkunde und Ethik am Beruflichen Schulzentrum in Wurzen wurde an diesem Tag klar: "So, wie ich mir das eigentlich vorgestellt hatte, komme ich nicht an die Schüler heran." Hertel hatte immer wieder vergeblich probiert, mit ihren Schülern über den Nationalsozialismus und Rechtsextremismus heute zu diskutieren. Aber irgendwann merkte sie, dass sie mit ihren Versuchen bei den Schülern auf Granit stieß und bei sich an ihre Grenzen: „Die wollten einfach nicht darüber sprechen und haben meine Bemühungen völlig ignoriert!“ Gabriele Hertel ist ihre Hilflosigkeit, die sie vor drei Jahren so schmerzlich empfand, heute immer noch anzumerken, wenn sie von dieser Zeit spricht.

Begegnung statt Informationen aus zweiter Hand

Die Lehrerin gehört aber nicht zu den Menschen, die bei Problemen klein beigeben. Sie entschied sich statt dessen für die Flucht nach vorn und sprach zunächst mit einem Kollegen. Schnell war klar: Über die reine Wissensvermittlung erreichen wir die Schüler bei dem schwierigen Thema ganz offensichtlich nicht. Das musste also über eine andere Ebene laufen. Wie gut, dass Gabriele Hertel in ihrer Zeit als Referendarin mit der Methode der Erlebnispädagogik in Berührung kam. Und so entwickelte sich nach und nach die Idee für ein Schülerbegegnungsprojekt, das heute im Berufsschulzentrum Wurzen nicht nur etabliert ist, sondern auch langfristig für eine „Klimaänderung“ im Schulalltag gesorgt hat. Doch dazu später mehr.

Auschwitz-Fahren mit praktischen Arbeitsaufträgen

Die Idee hinter dem Projekt: deutsche und polnische Jugendliche treffen sich im ehemaligen Vernichtungslager Auschwitz und in deutschen Gedenkstätten. Gabriele Hertel und ihre Kollegen setzten sich mit dem Verein für Städtepartnerschaft zusammen, der die Idee interessant fand und einen Kontakt zur polnischen Stadt Olkusz, nahe Auschwitz gelegen, herstellte. Da es sich bei den Teilnehmenden um Berufsschüler handelt, steht praktische Arbeit an erster Stelle. So haben die Jugendlichen im ehemaligen Lager Auschwitz-Birkenau unter Anleitung des Fachpraxislehrers für den Baubereich die Begrenzungszäune repariert, oder auf dem Friedhof in Olkusz gemeinsam mit Auschwitz-Überlebenden ein Holzkreuz zur „Mahnung für Frieden in Europa“ gebaut und aufgestellt.

Zeitzeugen helfen, mit dem Thema umzugehen

Besonders wichtig ist allerdings auch die direkte Begegnung mit Zeitzeugen, zum Beispiel in Gesprächen mit dem Auschwitz-Überlebenden Herrn Szernetzky. „Die Reaktionen der Jugendlichen auf Herrn Szernetzky waren durchweg positiv“, freut sich Gabriele Hertel. Der ehemalige Zwangsarbeiter beschuldige „die Deutschen“ nicht pauschal, sondern erzähle trotz des Leids, das er durch Deutsche erfahren musste, auch von der Hilfe, die er durch sie erhalten hat. „Das hat meinen Schülern dabei geholfen, mit dem Thema besser umzugehen, weil sie sich nicht unter Druck gesetzt fühlten und sich so dem Gesprächspartner besser öffnen konnten“, stellt Hertel fest.

Die deutschen und polnischen Projektgruppen bestehen jeweils aus 17 Schülerinnen und Schülern, die sich alle freiwillig beteiligen. Während bei den Wurzenern das Interesse an der Aufarbeitung der eigenen unrühmlichen Geschichte im Vordergrund steht, haben die polnischen Jugendlichen eine andere Motivation: sie interessieren sich, resultierend aus der EU-Osterweiterung, zunehmend für die gemeinsame Geschichte Polens und Deutschlands. Einmal im Jahr bekommen die Olkuszer Schüler die Möglichkeit, im Rahmen des Austauschprojekts nach Deutschland zu reisen; in diesem Jahr werden sie sich gemeinsam mit den deutschen Jugendlichen um die Pflege jüdischer und polnischer Zwangsarbeitergräber auf dem Friedhof in Colditz und die Gedenkstätte in Flößberg kümmern.

"Positive Rückmeldungen ermutigen mich"

Die Entscheidung, das Thema Nationalsozialismus offensiv anzugehen, hat Gabriele Hertel nicht bereut, im Gegenteil: „Ich merke, dass das Interesse der Schüler vorhanden ist, und die vielen positiven Rückmeldungen ermutigen mich“, freut sich Hertel. So habe sich einer der Teilnehmer ihr anvertraut, weil er aus einem rechtsextremen Elternhaus kommt (seine Mutter habe, so der Schüler, als Jugendliche Migranten verprügelt) und gerade deshalb das Projekt so unglaublich wichtig findet. Ähnlich habe sich eine seiner Mitschülerinnen geäußert, die ausschließlich Freunde mit rechtsextremer Gesinnung mit nach Hause bringen dürfe, alle anderen bekämen Hausverbot.

Jugendliche mit rechtsextremem Background zum Denken bringen

Angesichts solcher Familiengeschichten ist es kaum verwunderlich, wenn die Kinder Neonazi-Gedankengut in die Schule bringen – und wären sicherlich auch schon kleinste Erfolge bei der Demokratiebildung beachtlich. Doch innerhalb von nur drei Jahren ist Gabriele Hertel und ihren Kollegen etwas gelungen, das sie damals wahrscheinlich nie für möglich gehalten hätten: das Klima an der Schule hat sich deutlich verbessert. Natürlich gebe es nach wie vor Schüler, die aus ihren rechtsextremen Einstellungen keinen Hehl machten, so Hertel. Doch heute könne sie die Erlebnisse des Austauschprojekts in den Geschichtsunterricht einfließen lassen und bei den nicht am Projekt beteiligten Schülern eine Offenheit für das Thema herstellen, die es so vorher nicht gegeben habe: „Es gibt natürlich immer wieder kontroverse Diskussionen zwischen rechten Jugendlichen und Projektteilnehmern“, erzählt Hertel. „Aber letztere fordern ihre Mitschüler immer häufiger zum Um- bzw. Nachdenken auf – das funktioniert“.

Das "Beruflichen Schulzentrum in Wurzen" ist nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie", der jährlich von der Amadeu Antonio Stiftung, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Freudenberg Stiftung verliehen wird. Die Preisverleihung ist am 9. November 2009 in Dresden. Netz-gegen-Nazis.de stellt ihnen die 10 nominierten Projekt vor.

Die zehn nominierten Projekte sind:

• AG Kirche gegen Rechtsextremismus, ein Projekt der Evangelischen, Erwachsenenbildung Sachsen (Dresden)

Bürgerinitiative „Demokratie anstiften“ (Reinhardtsdorf-Schöna / Kleingießhübel)

Deutsch-polnisches Schülerbegegnungsprojekt Auschwitz, ein Projekt des Beruflichen Schulzentrums Wurzen (Wurzen)

Hillersche Villa – Soziokultur im Dreiländereck e.V. (Zittau)

Medinetz Dresden e.V. (Dresden)

Oberlausitz – neue Heimat e.V. (Löbau)

Peer Leadership – Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie, ein Projekt des RAA Sachsen e.V. (Dresden)

• Roter Stern Leipzig ’99 e.V. (RSL) (Leipzig)

Schülerinitiative gegen die NPD und andere Nazis (Dresden)

Soziokulturelles Zentrum in Mügeln, ein Projekt des Vive le Courage e.V. (Mügeln)

Im Internet:

| Berufliches Schulzentrum Wurzen
| demokratiepreis-sachsen.de
| amadeu-antonio-stiftung.de

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