Warum ist Demokratie ein Thema für die Feuerwehr?

In der Presse erscheinen die Freiwilligen Feuerwehren im Zusammenhang mit Rechtsextremismus fast nur, wenn es zu negativen Vorfällen kommt. Dabei macht gerade die Deutsche Jugendfeuerwehr, die auch langjährige Partnerorganisation von netz-gegen-nazis.de ist, inhaltlich vorbildliche Arbeit gegen Ausgrenzung: Um Augen zu öffnen und Mut zu machen, die Demokratie vor Ort zu verteidigen.

Von Simone Rafael

Die Fragen beantworteten Martina Müller, Bundesjugendreferentin der Deutschen Jugendfeuerwehr, und Nastassja Nefjodov, Referentin für das Modellprojekt: „Jugendfeuerwehren strukturfit für Demokratie“.

Wie begann das Engagement der Deutschen Jugendfeuerwehr gegen Rechtsextremismus?

M.M.: Das Engagement gegen rechtsextremistische Orientierung gibt es im Verband schon seit vielen Jahren. Im Jahr 2007 hat die Jugendfeuerwehr konkret eine Kampagne gestartet: „Unsere Welt ist bunt“. Es geht darum, die Vielfalt in den Jugendfeuerwehren darzustellen und den Verband für Menschen mit Migrationshintergrund oder Behinderungen zu öffnen. Zugleich wollten wir uns gegen Rechtsextreme wenden, die die Strukturen der Freiwilligen Feuerwehr zu unterwandern versuchen.

Was haben die Jugendfeuerwehren gemacht?

M.M.: Die Deutsche Jugendfeuerwehr hat bspw. zusammen mit der Gedenkstätte Buchenwald ein gemeinsames Seminarkonzept zur historisch politischen Bildungsarbeit entwickelt. Die DJF organisiert Gedenkstättenseminare, Trainings für Jugendwarte zum Umgang mit Rechtsextremismus bspw. in Zusammenarbeit mit der bezirklichen Koordinierungsstelle Polis, mobilen Beratungsteam Ostkreuz in Berlin, Argumentationstrainings. Die werden bis heute bundesweit angefragt.

Warum ist es wichtig, sich in der Deutschen Jugendfeuerwehr mit Rechtsextremismus auseinander zu setzen?

M.M.: Rechtsextremismus ist ein gesamtgesellschaftliches Problem, was auch vor den Türen der (Jugend)Feuerwehren keinen Halt macht. Vor Ort herrscht oft eine große Unsicherheit darüber, wie mit rechtsextremen Vorkommnissen umgegangen werden soll. Manche Betreuer denken zunächst: Es sind nicht leicht, Jugendliche zu finden, die sich dauerhaft in der Freiwilligen Feuerwehr engagieren wollen, die überhaupt etwas machen – warum nicht auch Rechtsextreme? Oder die Betreuer sind überfordert, wenn da ein Jugendlicher mit rechtsextremer Symbolik auf dem T-Shirt zu ihren Treffen kommt. Für die Rechtsextremen ist die (Jugend)Feuerwehr gerade in ländlichen Regionen als Zentrum der lokalen Aktivitäten nach wie vor attraktiv: In Mecklenburg-Vorpommern etwa gab es richtige Aufrufe, in die Freiwillige Feuerwehr einzutreten.

Deshalb haben Sie ihre Arbeit zum Thema ausgebaut?

M.M.: Ja, seit 2008 setzen wir ein Modellprojekt „Jugendfeuerwehren strukturfit für Demokratie“ um, gefördert durch das Bundesprogramm „Kompetent für Demokratie“. Es geht einerseits darum, in den Landesverbänden ein klares Kommunikationskonzept für Ernstfälle zu erarbeiten: Wenn ich Rechtsextremismus in meiner Ortsgruppe entdecke – wie gehe ich damit um? Welche Vorgesetzten informiere ich? Wo kann ich mir Hilfe holen? Und zum anderen arbeiten wir daran, die Auseinandersetzung mit Engagement für Demokratie und gegen Rechtsextremismus zu einem festen Bestandteil der Kurse zu machen, die ein Jugendlicher durchläuft, wenn er die JuLeiCa, die Jugendleiterkarte, erwirbt.

Machen Sie das deutschlandweit?

Gestartet sind wir in Hessen, Mecklenburg-Vorpommern und Brandenburg. Inzwischen sind noch Sachsen-Anhalt, Thüringen und Rheinland-Pfalz dazugekommen.

Wie läuft ihr Projekt konkret ab?

N. N.: Die Ideen müssen vor Ort ankommen. Deshalb regen wir die Bildung lokaler Arbeitsgruppen an. Sie werden von uns begleitet, geschult und darauf vorbereitet, betroffene Mitglieder der Jugendfeuerwehren zu beraten. Außerdem haben wir ein länderübergreifendes Bildungsteam gegründet, welches sich mit der Einbindung der Projektthemen in die JuLeiCa-Ausbildung beschäftigt. Es geht um grundlegende Fragen: Was hat Feuerwehr mit Demokratie zu tun? Warum ist es wichtig, sich gerade mit Rechtsextremismus auseinander zu setzen?

Und was sagen Sie dann?

N. N.: Dass Demokratie zu unserem Alltag in der Feuerwehr gehört – wir sind ja demokratisch organisiert. Und dass die Feuerwehr in Bezug auf lokale Demokratie im Alltag eine wichtige Vorbildfunktion hat. Wir können und wollen uns – in der Jugendfeuerwehr und in der Gesellschaft – Ausgrenzung aus rassistischen, rechtsextremen Beweggründen nicht leisten. Die politische Neutralität ist ein sehr zentrales Ideal, Feuerwehrleute sagen: Wenn die NPD-Zentrale brennen würden, würden wir sie auch löschen. Aber das ist gleich ein guter Einstieg ins Thema: Würde ein rechtsextremer Kollege auch das brennende Asylbewerberheim löschen?

Um welche Themen geht es noch in der Bildungsarbeit des Projektes?

Es gibt drei Module à 60 bis 90 Minuten, zu Vorurteilen, Rechtsextremismus und zivilgesellschaftlicher Courage – also um alltägliche Auseinandersetzung mit Rassismus, Ausgrenzung und Demokratie.

Und wie funktioniert das Kommunikationskonzept?

N. N.: Ziel ist es, dass die Menschen ermutigt werden, bei Problemen aktiv zu werden, nicht zu schweigen, weil sie nicht wissen, was sie jetzt tun sollen. In den lokalen Arbeitsgruppen geht es zunächst um Sensibilisierung für das Thema, etwa rechtsextreme Symbole, aber auch Fortbildungen in Gesprächsführung und Beratung. Die Arbeitsgruppen sind die sichtbaren Ansprechpartner im Bundesland, an die sich Betroffene wenden können – auch über den „Klingelknopf“, den es auf den Internetseiten der Jugendfeuerwehr gibt, um rechtsextreme Vorfälle schnell und niedrigschwellig melden zu können. Die Arbeitsgruppen stehen wiederum in engem Kontakt zu den lokalen mobilen Beratungsteams, die im Ernstfall helfen können. Es geht darum, die Menschen, die etwas wahrnehmen, aus ihrer Angst zu befreien: Wenn ich etwas sage, stehe ich am Ende ganz allein da. Gerade am 12. Juni haben die Delegierten der Deutschen Jugendfeuerwehr eine Resolution gegen demokratiefeindliches Verhalten beschlossen.

Wie beurteilt denn der Deutsche Feuerwehrverband, der „Erwachsenenverband“, Ihre Arbeit?

M.M.: Ich glaube, dass das Problembewusstsein in den letzten Jahren entscheidend gestiegen ist, die Toleranzgrenze gegenüber Rechtsextremen sinkt – wozu sicher auch beigetragen hat, dass dort die Aktivitäten der Deutschen Jugendfeuerwehr immer wieder viel diskutiert wurden. Auch im Erwachsenenverband gibt es Fortbildungen, die den Teilnehmenden das Aha-Erlebnis bieten, dass sie nach anfänglicher Abwehr - wir haben damit kein Problem – sensibler werden und merken, wo es schwierig werden könnte. Die konsequente Positionierung der Verbände etwa bei der Suspendierung eines ehemaligen Feuerwehrfunktionärs nach der Teilnahme an einer rechten Demonstration ist ein gutes Beispiel dafür.

Gab es Kritik an der Auseinandersetzung mit Rechtsextremismus?

M.M.: Grundsätzlich nicht, eher besorgte Fragen: Bieten wir ‚denen’ nicht eine Plattform, wenn wir über sie diskutieren? Dann geht es darum, zu vermitteln: Es ist aber wichtig, Beratungsnetzwerke zu schaffen, in denen man Beobachtetes besprechen darf, sich Hilfe holen darf. Wir fühlen uns gestärkt, denn der Deutsche Feuerwehrverband vertritt der sehr klar ein zivilcouragiertes Miteinander in seinen Strukturen.

Mehr im Internet:

| www.demokratie.jugendfeuerwehr.de
| www.demokratiepartner.de

Deutsche Jugendfeuerwehr für Netz gegen Nazis:
| www.jugendfeuerwehr.de/416-0-Netz-gegen-Nazis.html

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