VZ-Gruppe: "Soziale Netzwerke haben Recruiting-Potenzial für Nazis. Konsequentes Vorgehen ist wichtig"

Die VZ-Gruppe (schülerVZ, studiVZ, meinVZ), auf deren Sozialen Netzwerken sich rund 17 Millionen Menschen vernetzen, engagiert sich seit ihrer Gründung 2005 gegen Rechtsextremismus – seit 2008 auch in Kooperation mit „Netz gegen Nazis“. Warum, fragte Simone Rafael den Diplom-Sozialpädagogen Sascha Neurohr und Lucas Lehmann, Leiter des Extremismus-Spezialistenteams.

Was war die auslösende Erfahrung, als VZ-Gruppe gegen Rechtsextremismus aktiv zu werden?

Sascha Neurohr: Die Beschäftigung mit Rechtsextremismus war keine Reaktion. Von Anfang an war klar: Rechtsextremismus ist eines der kritischen Themen und wir sehen uns in der Verantwortung, gegen rechtsextremistische Inhalte vorzugehen.

Lucas Lehmann: Ein Social Network bildet die Gesellschaft ab. Die VZ-Gruppe will sich klar positionieren, Verantwortung übernehmen. Auf schülerVZ vernetzen sich eben alle Schülerinnen und Schüler. Soziale Netzwerke haben für Rechtsextreme ganz klar Recruting-Potenzial, weshalb uns ein konsequentes Vorgehen gegen rechtsextremistisches Gedankengut besonders wichtig ist.

Sascha Neurohr: Hier treffen sich viele Nutzer, das ist auch für die Rechtsextremen attraktiv – es gab ja schon 2006 die ersten Aufrufe der NPD, Netzwerke als Bühne zu benutzen.

Wie wendet sich die VZ-Gruppe gegen Rechtsextremismus in Sozialen Netzwerken?

Lucas Lehmann: Bei schülerVZ gab es von Anfang an feste Regeln, festgehalten in unseren Allgemeinen Geschäftsbedingungen (AGB) und im „Verhaltenskodex“: Keine rassistischen, diskriminierenden, extremistischen Äußerungen.

Sascha Neurohr: Damit war klar: Offen können Rechtsextreme nicht agieren – aber es gibt natürlich Rechtsextreme, die nicht offen auftreten und dennoch versuchen, Jugendliche anzusprechen.

Welche Folgen hat das konkret?

Lucas Lehmann: Wir löschen konsequent, wenn gegen unsere Regeln verstoßen wird. Allerdings können wir nicht alles begutachten, was die 5,5 Millionen schülerVZ-Nutzer pro Tag in Diskussionsgruppen posten – wir sprechen da von vielen Millionen Beiträgen jeden Tag. Die Nutzer und Nutzerinnen haben insgesamt ein sehr gutes Bewußtsein, welche Inhalte wir akzeptieren, und welche nicht, und melden Verstößen in der Regel zeitnah. Die gehen an die besonders geschulten Experten, die im Customer Care-Bereich für den Bereich ‚Extremismus’ zuständig sind – was praktisch vor allem Rechtsextremismus und migrantischer Extremismus ist. Es wird nicht jeder User sofort gelöscht, der sich einmal im Ton vergreift, aber jeder Beitrag, der gegen geltendes Recht oder unseren Verhaltenskodex verstößt. Das Expertenteam beobachtet dazu selbstständig kritische Themen. Vor der NRW-Wahl hat etwa ‚Pro NRW’ versucht, auf schülerVZ zu agieren. Das haben wir unterbunden.

Sascha Neurohr: Außerdem bieten wir Diskussionsgruppen an – auch in Kooperation mit Netz gegen Nazis – die aufklärende Inhalte haben: Wie treten Nazis auf, welche Themen nutzen sie, woran erkennt man sie? Ziel ist, die Nutzer in die Lage zu versetzen, aufmerksam zu sein, auch, uns Regelverstöße zu melden. Und das funktioniert: Durch die klare Positionierung des Unternehmens haben sie keine Scheu, Rassismus, Antisemitismus und rechtsextreme Umtriebe zu melden, wenn sie darauf stoßen. Die Diskussionen in den Gruppen zu Extremismus und Rassismus sind temperamentvoll, aber größtenteils hochwertig. Die User schätzen, dass wir diese Themen aufgreifen und ihnen die Möglichkeit geben, darüber zu diskutieren.

Lucas Lehmann: Mit dem Erkennen von offenen Nazi-Inhalten haben die Userinnen und User keine Probleme. Schwieriger wird es, sich von latenten rechtsextremen Einstellungen zu distanzieren – etwa bei Diskussionen über den Nahostkonflikt oder beim rechtsextrem belegten Thema ‚Todesstrafe für Kinderschänder’ – da brauchen Jugendliche, die oft emotional an die Diskussionen herangehen, inhaltliche Hilfestellungen.

Wie läuft rechtsextremes ‚Recruiting’ in den VZ-Netzwerken ab?

Lucas Lehmann: In der Regel handelt es sich um ‚Rechtsextremisten auf den 2. Blick’ – ein User nennt sich „heimattreu“, Mütter in Elterngruppen argumentieren plötzlich rassistisch. Und natürlich äußern sich Rechtsextreme in politischen Diskussionsgruppen – oft geschickt. Da muss man zwischen den Zeilen lesen.

Sascha Neurohr: Sie versuchen, sich mit ‚gutbürgerlicher Fassade’ zu positionieren und erst dann zu agitieren. Gefährlicher als eindeutige Rechtsextreme finde ich aber rassistische oder antisemitische Argumente, die auch in der ‚Mitte’ der Gesellschaft erschreckend gut funktionieren.

Welche Themen sind im Moment bei Rechtsextremen, Rassisten oder Antisemiten besonders beliebt?

Lucas Lehmann: Was in der Außenwelt passiert, passiert auch bei uns – ob es die NRW-Wahl ist, das Minarettverbot in der Schweiz oder Diskussionen über die ‚Gaza-Flottille’.

Sascha Neurohr: Das Bild der politisch desinteressierten Jugend finden wir hier überhaupt nicht bestätigt! Wir erleben vielmehr, dass Jugendliche das politische Geschehen besser verstehen wollen und sich ihre Meinungen dazu bilden möchten.

Lucas Lehmann: Rechtsextreme greifen dieses Interesse leider gerne auf. Ihre Strategien in solchen Diskussionen sind etwa: Fehlinformationen geben, dramatisieren, Unwissen ausnutzen, populistische Stimmungsmache betreiben, rassistisch argumentieren, etwa Ängste vor dem Islam schüren. Gegen diese Ansätze gehen wir hart vor, um unsere jungen Nutzer zu schützen.

Welche Erfahrung hat die VZ-Gruppe mit der deutlichen Positionierung gegen Rechtsextremismus gemacht?

Sascha Neurohr: Der Verhaltenskodex entstand ja in Diskussionsgruppen unter Beteiligung der Schülerinnen und Schüler und findet entsprechend große Akzeptanz. Die meisten Nutzer sind froh, dass sie wissen, das schülerVZ-Team akzeptiert solche Einstellungen hier nicht.

Lucas Lehmann: Natürlich gibt es vereinzelt Rechtsextreme, die meckern – aber unsere Regeln sind klar und sie wissen also, worauf sie sich einstellen müssen.

Sascha Neurohr: Einmal gab es eine Beschwerde von einem rechtsextremen Vater, wir wären gegenüber ‚nationalen Jugendlichen’ viel strenger als gegenüber anderen. Aber das war es schon. Von anderer Seite gab es nie Kritik: Das konsequente Vorgehen der VZ-Gruppe wird auch von unseren geschäftlichen Partnern nur begrüßt.

Was soll ein User oder eine Userin tun, der oder die einem Neonazi auf SchülerVZ oder StudiVZ begegnet?

Lucas Lehmann: Sie sollen rechtsextreme Aktivitäten melden – ganz angstfrei, denn die Anfragen werden anonym bearbeitet. Wer auf eine Nazi-Gruppe trifft, sollte nicht selbst aktiv werden, sondern uns über die Meldefunktion Bescheid sagen.

Sascha Neurohr: Wenn es um Alltagsrassismus und Rechtspopulismus geht, wünschen wir uns natürlich Schülerinnen und Schüler, die aktiv dagegen diskutieren.

Netz gegen Nazis

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Mehr zum Thema "Rechtsextremismus in Sozialen Netzwerken:

| www.netz-gegen-nazis.de/category/lexikon/soziale-netzwerke

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