Auch der ehemalige NPD-Vorsitzende Udo Voigt ist als Redner angekündigt.
Marek Peters

"Von Nazis für Nazis": Die größte rechte Veranstaltung in Sachsen-Anhalt

Am Samstag findet eine der womöglich größten Nazi-Veranstaltungen in Sachsen-Anhalt statt. In dem Dorf Berga, im Süden des Bundeslandes, werden bis zu 1.000 Neonazis erwartet, um dort das politische Fest "In.Bewegung" zu feiern. Was die rechte Szene dort geplant hat und wie die kleine Gemeinde damit umgeht? Netz-gegen-nazis.de hat mit Stefan Vogt  vom regionalen Beratungsteam Süd-West im Beratungsnetzwerk gegen Rechtsextremismus, der maßgeblich bei der Planung der Gegenproteste beteiligt war, gesprochen.

Netz-gegen-nazis.de: Eigentlich wurde ein Rechtsrockkonzert in Sangerhausen angemeldet, jetzt ist es in das kleine Dorf Berga verlegt worden. Was genau hat die rechte Szene dort geplant?

Stefan Vogt: Die angemeldete Veranstaltung ist ein politisches Fest, also weit mehr als ein "einfaches" Rechtsrockkonzert. Es ist als Familienfest ausgelegt: Neben Musik und Rednern wird es auch ein Kinderprogramm, wahrscheinlich eine Hüpfburg oder ähnliches, und Verkaufsstände geben. Bisher sind sechs Neonazi-Bands und –Musiker angekündigt, darunter Kraftschlag, Frank Rennicke und Strafmaß. Wir wissen, dass die angemeldeten Bands nicht nur in der nationalen Nazi-Szene bekannt sind, sondern auch international einen Namen haben. Außerdem haben einige auch Kontakte zum "Blood & Honour"-Netzwerk, insgesamt kann man das also schon als extrem bedenklich bewerten. Neben den bekannten Bands werden auch rechte Szenegrößen wie Udo Voigt, Udo Pastörs, Patrick Weber, der die Veranstaltung initiiert und angemeldet hat, und Maik Müller, der den jährlichen "Trauermarsch" in Dresden organisiert hat, auf dem Rednerpult stehen.

Durch die Prominenz der Bands und Redner hat die Veranstaltung in der rechten Szene sicherlich eine große Anziehungskraft – wir rechnen mit bis zu 1.000 Teilnehmern. Damit wäre "In.Bewegung" eine der größten rechte Veranstaltung dieses Jahr in Sachsen-Anhalt.

Und wer hat eine so große Veranstaltung auf die Beine gestellt?

Tatsächlich wurde das "Familienfest" nicht aus Sachsen-Anhalt, sondern aus Thüringen angemeldet. Es ist ein Versuch, neues Festivalland zu erkämpfen, nachdem die thüringische Zivilgesellschaft rechte Veranstaltungen nicht mehr einfach hinnimmt. Wir wissen, dass Patrick Weber, Mitglied im Landesvorstand der NPD Thüringen, hauptverantwortlich für das Fest ist. Wahrscheinlich ist auch Enrico Marx, eine Nazigröße in Sachsen-Anhalt, vor allem auch in Sangerhausen, mit involviert. Dieser hat die jährlichen Winter- und Sommerfeste in Sangerhausen organisiert. Ob er die Veranstaltung mitorganisiert hat, wissen wir nicht, aber er wird auf jeden Fall vor Ort sein und seine "Nazi-Truppe" mitbringen. Dass er tatsächlich an der Planung beteiligt sein könnte, darauf sind wir erst gekommen, nachdem wir mitbekommen hatten, dass Weber und Marx gemeinsam nach München zum NSU-Prozess gefahren sind. Das ist eine neue Dimension des Rechtsextremismus in Sachsen-Anhalt: Eine außerordentliche Solidaritätsbekundung mit den rechten Terroristen.

Sie erwarten am Wochenende etwa 1.000 Neonazis in Berga – was haben Sie von der Mobilisierung aus dem rechten Lager mitbekommen?

Wir wissen, dass viel über szeneinterne Kanäle läuft: Auf bundesweiten Nazi-Seiten und auf vorherigen Events wurde die Veranstaltung angekündigt und beworben. Weber selbst war auf vielen rechten Veranstaltungen dieses Jahr – häufig sogar mit eigenem Stand. Außerdem gibt es seit Anfang 2013 auch eine eigene "In.Bewegung"-Homepage, die regelmäßig aktualisiert wird. Es gibt also eine regelrechte Tour durch die rechte Szene, die auf die Veranstaltung aufmerksam macht.  

In letzter Zeit haben wir auch Aufkleber in Sangerhausen bemerkt, aber insgesamt wurde auf der Straße, in der Öffentlichkeit, nicht großartig mobilisiert, zumindest nicht so weit wir wissen. Das wurde auch durch die Reaktionen auf der Bürgerversammlung in Berga am Montag bestätigt: Viele, die da waren, wussten nicht, dass am Wochenende bis zu 1.000 Neonazis im Ort einfallen wollen. Es wird ganz klar deutlich: Die Mobilisierung verlief eindeutig intern, wenig Informationen wurden nach außen abgegeben. Es ist eine Veranstaltung von Nazis für Nazis – in einem abgesperrten Gebiet zur internen Identifikationsbildung, weniger, um neue Mitglieder zu werben.

Es werden Neonazis aus ganz Deutschland, wahrscheinlich auch darüber hinaus, erwartet. Aber wie sieht die rechte Lage vor Ort aus?

In Berga und Sangerhausen gibt es zwar eine Naziszene, diese wird eher mit kleineren Aktionen öffentlich aktiv.  Die letzte Großveranstaltung der Szene in Mansfeld-Südharz fand 2011 statt. 2013 hatten zwar die "Unsterblichen" eine Kundgebung veranstaltet, aber im Vergleich zu Veranstaltungen in anderen Orten, Städten und Bundesländern war das ziemlich mager: Zwei oder drei Personen, die mit Masken durch die Straßen laufen, das war es. Zuletzt trat die rechte Szene vor Ort am 1.Mai in Erscheinung: Auf einer DGB-Kundgebung kam es zu lautstarken Störungen durch Neonazis. Es gibt in Mansfeld-Südharz ein großes Demografie-Problem – und das bekommen auch die Neonazis zu spüren. Vertraut man deren Facebook-Profilen sind die aktuell in ihrer Familienphase. Daher kommt es zu einer Prioritätenverschiebung: Die rechte Gesinnung ist zwar noch da, aber selbst aktiv zu werden, große Aktionen durchführen, dazu fehlt derzeit offenbar die Motivation. Das macht die Veranstaltung am Samstag jedoch gleichzeitig so beliebt  bei den Neonazis vor Ort: Sie können passiv daran teilnehmen, die Veranstaltung wird von außen angeboten. Und da es ein "Familienfest" ist oder sein soll und sie in der Familienphase stecken, ist für jeden was dabei. Die NPD veranstaltet ein großes Fest – und stellt sich perfekt als Partei für die ganze Familie dar.

Welche Gegenproteste sind bisher geplant?

Die Veranstaltung war eigentlich für Sangerhausen geplant. Das Bündnis "Sangerhausen bleibt bunt", früher vorwiegend bestehend aus Verwaltungsmitgliedern, hat sich stark verändert, nachdem das rechte Fest hier angekündigt wurde. Vereine, Parteien, Gewerkschaften und die Kirchen haben sich stark engagiert. Für Sangerhausen ist nach wie vor unglaublich viel geplant: Eine Demonstration, eine Kirche wollte ein Kinderfest organisieren, eine andere Kaffee und Kuchen, außerdem ist eine Diskussion mit Politikern geplant. Außerdem ist für Freitag ein Konzert in der Waldmühle geplant – hier fanden zuvor die rechtsextremen Winter- und Sommerfeste von Enrico Marx statt. Diese Veranstaltungen finden alle nach wie vor dort statt – auch um die Plätze besetzt zu halten. Weber hat es vor zwei Jahren geschafft binnen eines Tages den Thüringentag von Nordhausen nach Sondershausen zu verlegen. Damit das hier nicht auch passiert, hat man sich entschlossen alle Veranstaltungen in Sangerhausen stattfinden zu lassen und zusätzlich Berga zu unterstützen

Nun wurde die rechte Veranstaltung jedoch kurzfristig nach Berga verlegt, eine kleine Gemeinde mit knapp 1.800 Einwohnern im Süden Sachen-Anhalts. Es ist eine riesige Herausforderung hier Gegenproteste zu organisieren, die deutlich machen, dass die Neonazis hier keinen Platz haben. Bisher ist für Freitag, den 09.08., ein Picknick im Gewerbepark geplant. Man möchte ein positives Signal setzen und klar machen, das jeder Ort, auch dieses Stück, ein Ort von Demokratie und Vielfalt ist. Hier soll am nächsten Tag auch die Nazi-Veranstaltung stattfinden. Außerdem wird es auch einen Kerzenmarsch durch Berga geben, an dem auch diejenigen, die Angst haben am nächsten Tag den Neonazis die Stirn zu bieten, teilnehmen können und ihre Unterstützung zeigen können. Im Vorfeld gab es zudem eine symbolische Resolution gegen das Konzert. Der Gewerbeverein Berga hat zudem einen Protestbrief an die Polizei geschrieben: Einerseits, um ihre Unzufriedenheit zum Ausdruck zu bringen, immerhin wurde die Veranstaltung über ihrem Kopf hinweg gestattet, obwohl ein Gefahrenpotenzial, auch für ihr Eigentum, besteht. Andererseits aber auch, um einer Wiederholung des rechtsextremen Festes in Berga entgegen zu wirken. In Zukunft sollen die Verantwortlichen besser zweimal nachdenken, bevor sie Berga als Veranstaltungsort wählen.

Am Tag der Veranstaltung selbst wird es eine Kundgebung am Bahnhof mit einem "Kuchenbasar" geben. Dieser wird vom ortsansässigen Arzt organisiert – was ich für eine ziemlich gute Idee halte, vor allem, weil er auch einen großen Einfluss in der Dorfgemeinschaft hat. Außerdem wird ein Friedensgebet abgehalten. Es wird auch ein Schwimmbadfest mit Infoständen in Berga veranstaltet, quasi als Alternative, vor allem für Kinder und Jugendliche, zum rechtextremen "Familienfest". Zudem gibt es inzwischen auch einen Infoflyer, den zwei Jugendliche aus Berga entworfen haben und der die Ortschaft informieren und mobilisieren soll. Auf der Bürgerversammlung am Montag waren etwa 250 Menschen – überraschend viel für eine so kleine Gemeinde. Auch dort wurde noch einmal mobilisiert und, vor allem, aufgeklärt. Man schwankt hier zwischen Ignorieren und Agieren: Die Einwohner haben Angst, nicht nur vor den Nazis, sondern auch vor linken Krawallmachern. Dennoch haben wir gerade in Anbetracht der Zeit wirklich viele Aktionen, die geplant sind. Das liegt vor allem am Engagement viele Einzelner. Parallel laufen hier viele Prozesse. Dafür, dass die Menschen hier zum ersten Mal mit einer solchen Situation konfrontiert werden, gehen sie ziemlich souverän damit um. Außerdem haben sich auch die Bündnisse vernetzt – nicht nur in Sachsen-Anhalt. Wir erwarten zum Beispiel auch Unterstützung aus Thüringen.

Und was ist Ihre persönliche Hoffnung für den Tag?

Ich hoffe, dass Berga selbst sich an den Gegenprotesten beteiligt und die rechte Veranstaltung nicht widerspruchslos hinnimmt: Friedliche Proteste, die aber ihre Wirkung nicht verfehlen und den Nazis zeigen, dass sie nicht erwünscht sind. Mein persönliches Worst-Case-Szenario wäre die Kriminalisierung der Gegenproteste durch einzelne Einwohnerinnen und Einwohner von Berga und der Polizei. Auch wenn das bei den bisher geplanten Aktionen eher unwahrscheinlich ist. Und zuletzt hoffe ich, dass die Nazis gehen – und nicht wieder zurückkommen.

Das Interview führte Sina Laubenstein.

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Sangerhausen bleibt bunt (Homepage und Facebook-Seite)

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