Visualisierung, wo es völkische Siedlungen in Deutschland gibt, aus der Broschüre "Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum" der Amadeu Antonio Stiftung.
Amadeu Antonio Stiftung

Warum völkische Siedler/innen in den ländlichen Raum ziehen

In ganz Deutschland gibt es "völkische Siedlungsbewegungen": Menschen, die der Blut-und-Boden-Ideologie der Nationalsozialisten anhängen und versuchen, im ländlichen Raum ihr Ideal einer homogenen, nicht durch Vielfalt gestörten "Volksgemeinschaft" zu leben. Doch was zieht die rechten Familien und Freundeskreise ausgerechnet dort aufs Land, wo andere flüchten, weil Infrastruktur und Entfaltungsmöglichkeiten gering sind?

Von Anna Schmidt

Gerade auf dem Land versuchen völkische Rechte, Raum einzunehmen, um sich ein Gebiet zu schaffen, in dem sie ohne äußere Einflüsse nach ihren Vorstellungen leben und ihre Kinder aufziehen können. Im städtischen Umfeld kommen sie viel häufiger mit einer modernen, demokratischen Lebenshaltung in Berührung, die sie eigentlich ablehnen: In den Städte ist der Umgang mit unterschiedlichen  Lebensentwürfen gewohnter, weil mehr Menschen mit verschiedenen kulturellen Hintergründen zusammenkommen. Traditionelle und vor alle antimoderne Einstellungen finden weniger Zustimmung. Entsprechend schreibt Dominik Schwarzenberger in der „Hier & Jetzt“, der Zeitschrift der „Jungen Nationaldemokraten“ (JN, Jugendorganisation der NPD): „Der Individualisierungsgrad und die fremdländische Bevölkerungsdichte sind in den Städten höher als in ländlichen Regionen. Die Bewohner ländlicher Gebiete können besser improvisieren und sich eher unabhängig versorgen.“ Und auch die vermeintliche Bedrohung des „deutschen Volkes“ wird in diesem Zusammenhang relevant. So heißt es weiter: „In existenzbedrohenden Krisen werden Familien und sonstige Gemeinschaften gestärkt und das Unattraktive Mitteldeutschland wird folgerichtig zum Rückzugsgebiet, die Entvölkerungstendenz umgekehrt.“ (2013).

 

© Amadeu Antonio Stiftung

Das Krisenszenario, das hier beschreiben wird, ist nicht neu. Dieses Vorgehen wurde schon seit Anfang der 1990er Jahre in der rechten Szene unter dem Konzept der „National befreiten Zonen“ diskutiert. Und auch seit dieser Zeit erwerben völkische Rechte zunehmend Immobilien auf dem Land, um sich dort im Kreis ihrer Parteikolleg/innen, „Kameraden“ und Verwandten anzusiedeln. Der Politikwissenschaftler und Rechtsextremismus-Experte Gideon Botsch führt aus: "Es gibt eine Tendenz in der rechten Szene , aufs Land zu gehen, um sich dort zu verankern. Ein Teil der Szene sieht dort bessere Handlungsmöglichkeiten, weil die Grundstückpreise niedriger sind, die Schulen einen geringeren Ausländeranteil aufweisen und es eine geringere Kontrolldichte durch eine kritische Öffentlichkeit und eine wachsame Zivilgesellschaft gibt.“ Die völkischen Siedler/innen haben für diese Entwicklung Vorbildcharakter. Sie stammen aus dem Kernbereich der rechten Szene, sind häufig in völkischen Sippen aufgewachsen, wurden dort geschult und haben eine sehr gefestigte Weltanschauung. Sie sehen sich als Vorreiter der völkischen Strömung, die langfristig an der Rettung des deutschen „Volkes“ arbeitet. Es geht ihnen darum, anderen vorzuleben, was sie für richtig halten.

Ihr Konzept ist praxisorientiert und zukunftsgerichtet. Ein sehr starkes Sendungsbewusstsein und das Gefühl des Auserwähltseins tragen dazu bei, dass sie schon fast missionarisch auftreten. Ihre Ideale vertreten sie nicht aggressive gegenüber anderen, sondern verbreiten sei eher unauffällig in Form einer sehr unnachgiebigen Welterklärung. Die völkischen Siedlungsprojekte sind kein Kurzzeitphänomen, sondern auf eine langfristige Beeinflussung der Alltagskultur ausgerichtet.  Sie finden sich in ganz Deutschland: Die Siedler/innen haben sich bekanntermaßen in Bayern, Hessen, der Lüneburger Heide, Mecklenburg-Vorpommern, Sachsen-Anhalt, Sachsen und Schleswig-Holstein niedergelassen, aber auch in den anderen Bundesländern werden sie vermutet. Sie sind bisher wenig aufgefallen und es gibt keine offiziellen Statistiken über sie, doch Beratungsstellen erhalten zunehmend besorgte Anfragen von Menschen, die mit den Siedler/innen zu tun haben.

Manche ländliche Gebiete – besonders in Ostdeutschland – sind finanziell für das Siedlungskonzept von Vorteil, weil Immobilien dort sehr günstig erworben werden können. Die völkischen Siedler/innen kaufen alte Bauern- und Gutshöfe zu günstigen Preisen, setzen sie wieder in Stand und engagieren sich gleichzeitig im Alltagsleben angrenzender Dörfer und Gemeinden. Als Bio-Landwirt/innen, (Kunst-)Handwerker/innen oder Hebammen scheinen sie einen Harmlosen alternativen Lebensstil zu führen, der der allgemein beliebten Idee eines ökologisch orientierten Landlebens entspricht. Auch wenn sie einen Gegenentwurf zur demokratischen Gesellschaft leben wollen, ziehen sie sich nicht vollkommen zurück, sondern versuchen durchaus, ihre Ideen in das dörfliche Zusammenleben hineinzutragen, um sich dort auszubreiten. Ihre sehr praxisorientierte Lebensweise hilft den Siedler/innen, an vorhandene Sozialstrukturen anzuknüpfen: Nachbar/innen und Dorfbewohner/innen helfen sie mit ihrer zupackenden Art, alten Hausmittelchen und handwerklichem Geschick. Über ihre vielen Kinder entsteht schnell Kontakt zu Anwohner/innen, anderen Eltern und Erzieher/innen. Gerade in gering bewohnten Orten, die von Verwaltungsstrukturen vernachlässigt werden und denen es an sozialen und kulturellen Ereignissen mangelt, können die Siedler/innen leicht eine einflussreiche Position einnehmen.

Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre:

Amadeu Antonio Stiftung (Hrsg.): Völkische Siedler/innen im ländlichen Raum. Basiswissen und Handlungsstrategien. Berlin 2014. Als pdf zum Download auf der Website der Amadeu Antonio Stiftung, www.amadeu-antonio-stiftung.de

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