Soziale Netzwerke gegen Nazis – ein Fazit

Heute ist die Aktionswoche "Soziale Netzwerke gegen Nazis" zu Ende gegangen. 57 beteiligte soziale Netzkwerke, 345.300 Gruppenmitglieder und tausende begeisterter Zuschriften sowie hunderte hasserfüllter Zuschriften von rechtsaußen sprechen aber eine deutliche Sprache: Das Thema Neonazis und rechtsextreme Einstellungen im Web 2.0 bewegt viele und muss weiter bearbeitet werden.

Von Simone Rafael


So sah die Kampagne "Soziale Netzwerke gegen Nazis" in den beteiligten 57 sozialen Netzwerken aus.

Die Idee

Die Idee zur Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ entsprang aus meiner praktischen Arbeit als Journalistin des Internetportals www.netz-gegen-nazis.de. Seit 2009 bin ich mit netz-gegen-nazis.de in verschiedenen sozialen Netzwerken unterwegs – und probiere dort, ob und wie sich soziale Netzwerke für die Informations- und Aufklärungsarbeit zum Thema Rechtsextremismus eignen, die meine Aufgabe bei der Amadeu Antonio Stiftung ist. Die Amadeu Antonio Stiftung fördert Projektarbeit für demokratische Kultur und sieht Öffentlichkeits- und Medienarbeit als einen zentralen Faktor, um im Bewusstsein zu halten, dass Rassismus, Antisemitismus, übersteigerter Nationalismus oder NS-Verherrlichung nicht nur bedeutungslose Ticks Einzelner sind, sondern das gesamte gesellschaftliche Klima vergiften. 149 Menschen wurden seit 1990 von Neonazis getötet. Jeden Tag werden in Deutschland Menschen von Neonazis und Rassisten bedroht, angegriffen und verletzt. Oft geschieht dies wenig beachtet von der breiten Gesellschaft, weil die Angriffe etwa Migranten und Flüchtlinge treffen, die keine Stimme in der Öffentlichkeit haben, alternative Jugendliche, denen die Erwachsenen kaum zuhören, oder Menschen, denen vorgeworfen wird, sie hätten die Gewalt „provoziert“, weil sie sich etwa gegen Nazis engagiert hätten.

Netzwerke-Arbeit

Über diese Entwicklungen berichtet netz-gegen-nazis.de also. Um solche Informationen an Mann und Frau zu bringen, sind soziale Netzwerke überaus nützlich - ein sehr viel größerer Interessentenkreis kann zuverlässig und regelmäßig mit Nachrichten versorgt werden, die zudem oft an Ort und Stelle diskutiert werden können. Auf der anderen Seite ziehen unsere Profile bei Facebook oder in den VZ-Netzwerken nicht nur die Userinnen und User an, die auf der demokratischen Seite stehen, sondern immer wieder auch Rassisten, Antisemiten und Neonazis, die versuchen, vernünftige und angeregte Diskurse zu zerstören und zu dominieren, nicht-rechte Userinnen und User lächerlich zu machen oder zu bedrohen. Wer sich dann daran macht, diese Vorkommnisse in Netzwerken zu melden, macht oft eine zweischneidige Erfahrung: Ist der Melde-Button erst einmal gefunden, bekommt man in der Regel keine Reaktion, ob der Nutzer oder Beitrag gelöscht wurde – und erst recht nicht, wenn das nicht der Fall war. Kein Wunder, dass immer wieder auch von Leserinnen und Lesern die Frage an die Redaktion von netz-gegen-nazis.de herangetragen wurde: Bringt das überhaupt etwas?

Kein Betreiber leugnete Rechtsextremismus als Problem

Ich trug diese Frage an verschiedene Betreiber sozialer Netzwerke heran und stellte fest: Kein einziges Netzwerk leugnete, dass Rechtsextremismus auf ihrer Plattform ein gravierendes und bekanntes Problem sei. Das ist eine gute Grundlage zum Handeln und längst nicht in allen gesellschaftlichen Bereichen normal. Im Umgang mit rechtsextremen Einstellungen setzen die meisten Netzwerke auf Löschungen, Verbote, Software, die unerwünschte Begriffe und Nicknames filtert und verbietet – und machen die Erfahrung, dass das zwar verhindert, dass „Adolf Hitler“ Mitglied wird, nicht aber „Ady H.“. Die Ideologie ist also zwar zeitweise weniger sichtbar, aber dadurch nicht bearbeitet oder gar verschwunden. Die Auseinandersetzung mit rechtsextremen Inhalten ist mühsam – und dies nicht nur, weil es so viele Inhalte sind, die jeden Tag in soziale Netzwerke eingestellt werden. Die Betreiber sozialer Netzwerke können also an der Verbesserung der Bedingungen auf ihrer Plattform arbeiten – sie bleiben aber darauf angewiesen, dass sie Nutzerinnen und Nutzer haben, die aufmerksam gegenüber menschenfeindlichen Umtrieben sind und bereit, diesen entgegen zu treten. Dies wird umso wichtiger, je mehr auf die Neonazis merken, wie gut sie über soziale Netzwerke mit Menschen in Kontakt treten können – und oft genug auf rassistische oder andere menschenfeindliche Ressentiments oder zumindest Demokratieverunsicherung stoßen, an die sie anknüpfen können.

Ziele der Aktion

Ein erster Schritt, um das Problem zu berarbeiten, ist die Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“. Eine Woche lang sagen soziale Netzwerke ihren Nutzerinnen und Nutzern: Wir wollen hier keine Neonazis, Rassisten, Antisemiten, die andere aufgrund ihrer menschenverachtenden Ideologie abwerten und ausgrenzen – setzt mit uns ein Zeichen und helft uns, deren Treiben in diesem Netzwerk klare Grenzen aufzuzeigen. Durch die Positionierung der Betreiber sollten nicht-rechte User bestärkt und Rechtsaußen-Nutzern klargemacht werden, dass sie nicht erwünscht sind. Das ist wichtig, weil es die demokratischen Stimmen ermutigt und denjenigen, die sich selbst durch ihre Ideologie aus dem demokratischen Spektrum ausschließen, eine klare Grenze zeigt. Eine Konzentration auf eine Aktionswoche sollte für entsprechende mediale Aufmerksamkeit für die Gefahr des Rechtsextremismus im Web 2.0 sorgen. Längerfristig soll die Aktionswoche Betreiber und Usern Mut machen, über neue, kreative Wege im Umgang mit Rechtsextremismus 2.0 nachzudenken - da sind wir nämlich noch am Anfang.

Wie war es?

Die Aktionswoche fand vom 11. bis zum 17. Oktober 2010 statt – anfangs in zwanzig sozialen Netzwerken. Aufgabe einer Aktionswoche kann nur "Awareness Raising" sein: Aufmerksamkeit auf ein Thema lenken, es Menschen ins Bewusstsein bringen. Dies hat so gut funktioniert, dass es unsere Erwartungen bei weitem übertroffen hat. Hunderte Presse- und Internetartikel und rund fünfzig Radio- und Fernsehberichte – bis zur 20 Uhr-“Tagesschau“ – haben über die Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ berichtet, die sozialen Netzwerke haben die Aktion auf ihren Startseiten und Newslettern bekannt gemacht und mit Gruppen begleitet. 37 weitere große und kleine Netzwerke und Foren haben sich in der Aktionswoche angeschlossen und hinter die Ideen von „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ gestellt. Beeindruckende 345.300 Menschen haben sich bis zum Montagmorgen durch ihre Teilnahme in den Gruppen für die Aktion und damit für demokratische Kultur und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus ausgesprochen. Tausende begeisterter Kommentare bestärkten uns und die sozialen Netzwerke, dass den Nutzerinnen und Nutzern dieses Thema wichtig ist und der Wunsch besteht, daran weiter zu arbeiten. Es wurde über Facetten diskutiert und gestritten, wie es für eine lebendige Demokratie wichtig und notwendig ist – auch wenn das die Moderatorinnen und Moderatoren der Gruppen oft an den Rand des Machbaren brachte.

Denn eines zeigte die Aktionswoche ebenfalls: Wie viel in den sozialen Netzwerken zu tun ist. Auch Nazis, Rassisten und Antisemiten mit Mitteilungsbedürfnis strömten in die Gruppen zur Aktion, um zu agitieren, zu pöbeln, rechtsextreme Musik zu posten oder lautstark zu beklagen, wie stark ihre Meinungsfreiheit beschnitten werde, wenn sie nicht unbehelligt den Holocaust relativieren oder nicht jeden, der sich gegen Rechtsextremismus aussprach, als „Linksextremisten“ diffamieren durften – was übrigens sogar so lächerlich weit geht, dass selbst bei Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner von der CSU nicht Halt gemacht wurde, weil sie „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ durch ein Grußwort unterstützt hatte. Etliche soziale Netzwerke machten sich entsprechend des Kampagnenmottos daran, diese Nutzerinnen und Nutzer zu verwarnen und auszuschließen - zum Wohle ihrer User, die ernsthaft an einer Auseinandersetzung über die Themen interessiert sind, die Deutschland aktuell politisch bewegen.

Wie geht es weiter?

Es ist also geglückt, Aufmerksamkeit darauf zu lenken, dass Neonazis, Rassisten und Antisemiten in sozialen Netzwerken daran arbeiten, ihre menschenverachtende Ideologie als vermeintlich akzeptabel zu etablieren. Über Rassismus, Antisemitismus, Neonazismus in sozialen Netzwerken (und im Leben) aufzuklären, Methoden zu entwickeln, um Unbedarfte zu schützen und Unentschlossene argumentativ von der Demokratie zu überzeugen, ist dagegen eine lebensbegleitende Aufgabe, die nie zu Ende gehen wird. Demokratie muss im Alltag mit Leben gefüllt werden - hier muss auch um sie gestritten werden. Wenn wir durch die Aktionswoche tausenden Menschen klar machen konnten, dass sie im Leben und auch im Internet gebraucht werden, damit das kein formaldemokratischer, sondern auch ein wirklich demokratischer Raum ist, in dem Menschenrechte als Handlungsgrundlage zählen, haben wir viel gewonnen.

Mehr Schritte sind nötig

Es ist allerdings ein erster Schritt. Es liegt in der Hand der Userinnen und User, wirklich aktiv zu werden, über den Klick in die Gruppe hinaus. Es liegt in der Hand der Netzwerke, ihren (kritischen) Userinnen und Usern zu beweisen, dass sie „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ ernst meinen und entschlossen gegen Rechsextremismus auf ihren Plattformen vorgehen. Dazu gehört auch, die Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen der Kundenbetreuung im Thema fit zu machen – und überhaupt genügend Mitarbeiter zu haben. Mit diesem Problem kämpft etwa Facebook, das in Deutschland stetig an Bedeutung gewinnt, ohne derzeit der damit verbundenen gesellschaftlichen Verantwortung gerecht werden zu können. Immerhin drang unsere Aktion bis zum US-Unternehmenssprecher vor, der gegenüber dem Handelsblatt sagte, man sei in Deutschland noch im Aufbau, werde aber in Zukunft durchaus an solchen Aktionen teilnehmen. Das lässt hoffen.

Netz-gegen-Nazis.de wird natürlich weiter berichten und aufklären. Außerdem wollen wir mit interessierten Netzwerkbetreibern eine Arbeitsgruppe bilden, um neue Methoden im Umgang mit Neonazis, Rassisten und Antisemiten in sozialen Netzwerken zu erarbeiten. Ich habe während der Aktionswoche Kontakte zu vielen spannenden Menschen bekommen, die am Thema arbeiten wollen - ich hoffe, dass wir gemeinsam auf immer neue Ideen kommen, wie wir für demokratische Kultur und Werte begeistern können. Das Internet bietet fantastische Möglichkeiten für wichtige Themen, viele Menschen relativ unkompliziert zu erreichen. Das müssen wir einfach für die Arbeit gegen gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit ausnutzen.

Dafür ist eine Vernetzung derjenigen nötig, die im Internet gegen Rechtsextremismus aktiv sind oder es werden wollen - online können Mailinglisten oder Diskussionforen, offline Treffen oder einer Tagung Möglichkeiten zum Austausch und Ideen-Spinnen geben. Wir überlegen aktuell, wie das praktisch zu ermöglichen ist. Die Arbeit von netz-gegen-nazis.de ist spendenfinanziert, das heißt, wir müssen von Jahr zu Jahr sehen, dass es uns weiter gibt, und das bestimmt auch ein bisschen die Möglichkeiten, was wir tun können - bis zu einem gewissen Grad lassen sich Dinge ehrenamtlich stemmen, aber nicht komplett. Ich hoffe aber das Beste - wir haben ja gerade durch die Beteiligung an der Aktionswoche eine eindrucksvolle Demonstration erhalten, wie vielen das Thema am Herzen liegt - und an den zahlreichen hasserfüllten Reaktionen von rechtsaußen auch, wie viel noch zu tun ist.

Vom 11. bis 17. Oktober 2010 lief die Kampagne "Soziale Netzwerke gegen Nazis"

| www.soziale-netzwerke-gegen-nazis.de

Die Kampagne auf netz-gegen-nazis.de:

| Soziale Netzwerke gegen Nazis - 11.10. bis 17.10.2010

| Neonazis im Netz 2.0

| Viel Beteiligung bei "Soziale Netzwerke gegen Nazis"

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