„Soziale Netzwerke gegen Nazis“ – drittgrößte Gruppe bei „wer-kennt-wen“

Im Oktober 2010 startete netz-gegen-nazis.de die Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ mit dem Ziel, gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus im Web 2.0 aktiv zu werden. Im sozialen Netzwerk „wer-kennt-wen“ hat die Kampagne großen Erfolg: Mit bald 400.000 Mitgliedern ist „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ dort die drittgrößte Gruppe.

Von Christine Lang

Am Anfang der Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ stand eine Aktionswoche vom 11. bis 17. Oktober 2010, die auf das Problem der Verbreitung rechtsextremer und rassistischer Inhalte in sozialen Netzwerken aufmerksam machen sollte. Zunächst schlossen sich 20 soziale Netzwerke der Kampagne an, 43 weitere kamen im Laufe der Zeit dazu. Allein die Aktionswoche war sehr erfolgreich. 345.000 User verschiedener sozialer Netzwerke nahmen daran teil und traten den entsprechenden Gruppen bei, außerdem erhielt die Kampagne tausende von begeisterten Kommentaren und stieß auf ein großes Medienecho. Doch wie geht es seitdem weiter?

Ein tolles Beispiel für ein längerfristiges Engagement gegen Rechtsextremismus in sozialen Netzwerken ist die Internetplattform „wer-kennt-wen“. Bereits während der Aktionswoche im Oktober 2010 wurden knapp 200.000 User von „wer-kennt-wen“ Mitglieder der Gruppe „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ – und waren dabei sofort sehr diskussionsfreudig: Nach wenigen Tagen gab es schon 17 Diskussionsforen, so genannte „Threads“, in denen Gruppenmitglieder Beiträge im Zusammenhang mit Rechtsextremismus und Rassismus posteten. Bald boten mehrere User freiwillig an, als Administratoren die Diskussionsforen zu betreuen und bei Verstößen gegen die Gruppenregeln vorzugehen. „Dankenswerter Weise“ betont die Initiatorin der Kampagne, Simone Rafael, die auch nicht mit einem so schnellen Anwachsen der Gruppe gerechnet hatte.

Inzwischen hat die Zahl der Gruppenmitglieder fast die 400.000er Marke erreicht. Damit ist „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ die drittgrößte Gruppe von „wer-kennt-wen“. Derzeit gibt es um die 40 offene Diskussionsforen zu verschiedenerlei Themen: von Thilo Sarrazin über Neonazis im Fußball und Musik von und gegen Rechts bis hin zu aktuellen Ereignissen wie dem Neonazi-Aufmarsch in Dresden. Regelmäßig veranstalten die Administratoren Umfragen unter den Gruppenmitgliedern, um neue Themen für die Diskussionsforen auszuwählen.

Laut eigenen Nachforschungen des Administratorenteams ist „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ nicht nur eine der größten, sondern auch eine vergleichsweise sehr aktive Gruppe bei „wer-kennt-wen“. Bis zu 500 Mitglieder beteiligten sich zum Teil fast täglich, zum Teil themenabhängig an den Diskussionen, dazu kämen mehrere tausend Mitglieder, die immer mal wieder in die Foren schauten, schätzt einer der Administratoren. Allerdings seien 95% der Gruppenmitglieder passiv und wohl vor allem der Gruppe beigetreten, weil sie damit den Button „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ für ihr Profilfoto bekamen und so ihr persönliches Statement zum Thema öffentlich machen konnten.

Doch auch auf Menschen mit rechten Einstellungen scheint die Gruppe „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ anziehend zu sein. Immer wieder werden Beiträge mit rechtsextremem Inhalt gepostet oder Mitglieder verlinken zu einschlägigen Internetseiten und Youtube-Clips. In solchen Fällen verfolgen die Administratoren eine klare Linie. Die Beiträge werden gelöscht und die User aus der Gruppe ausgeschlossen. Offensichtliche Neonazis werden auch an „wer-kennt-wen“ weitergemeldet – wenn sie durch ihre Profile oder Beiträge auf sich aufmerksam machen, denn ausschließen, dass Neonazis als passive und unscheinbare Gruppenmitglieder Diskussionen mitverfolgen, lässt sich leider nicht. „Wir verstehen uns nicht als Gruppe, die mit Nazis spricht, sondern die über Nazis spricht“, fasst ein Mitglied des Administratorenteams die Gruppenregeln zusammen.

Anders sieht es aus mit Usern, die rechtspopulistische, islam- oder integrationsfeindliche Klischees vertreten. Insbesondere Thilo Sarrazins Buch ist in den Foren stark debattiert. Die Administratoren schalten sich in diese Diskussionen auch selbst ein, recherchieren Informationen und antworten mit Gegenargumenten auf Beiträge, die rassistischen Thesen zustimmen.

In den Diskussionsforen bekommt man einen Eindruck von dem Engagement, das die ehrenamtlichen Administratoren in die Betreuung der Gruppe stecken. Neben der Moderation der Diskussionsforen stellen sie zusätzliche Informationen und Links zu den entsprechenden Themen für die anderen User zur Verfügung. Dabei sehen sie sich in einer Art Mittlerposition: „Viele Mitglieder, die sich gegen Rechtsextremismus engagieren wollen, wissen nicht unbedingt, woher man Infos bekommt, und diese Infos können wir weitergeben.“

Der Erfolg der Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ bei „wer-kennt-wen“ zeigt sich daher nicht nur in der reinen Größe der Gruppe. Die Arbeit eines engagierten Administratorenteams ist mindestens genauso wichtig, um über Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus in sozialen Netzwerken aufzuklären und sich aktiv dagegen einzusetzen.

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