Was ernten Menschen, die Kritik an einem rassistischen Logo üben? Nun, zum Beispiel solchen "Humor" mit Anders Bering Breivik, der 2011 in Utoya 77 Menschen aufgrund seiner rassistischen und islamfeindlichen Ideologie ermordete.
Screenshot Facebook "Das Logo muss weg"

Shitstorm gegen Anti-Rassismus-Kampagne in Mainz: Wenn Rassist_innen die Masken fallen lassen

In Mainz gibt es einen Dachdecker, Fassnachts-Sänger und CDU-Stadtrat , der heißt Thomas Neger, wofür er nichts kann, und sein Betrieb hat ein mit rassistischen Stereotypen arbeitendes Logo, das sein Großvater vor 80 Jahren entworfen hat, für dessen heutige Verwendung er aber sehr wohl etwas kann. Nachdem er in der Vergangenheit bereits mehrfach darauf angesprochen wurde, dass sein Logo Schwarze Menschen in Deutschland verletzt - öffentlich etwa 2014 vom Fachschaftsrat Ethnologie der Universität Mainz - sagte er in einem Interview, wenn ihn auch nur einer Schwarzer Mensch kritisch auf das Logo ansprechen würde, würde er es ändern. Dies haben einige Engagierte nun mit einer Facebook-Seite zu bebildern versucht, die Schwarze Menschen zeigte, die sich gegen das Logo aussprachen. Das Ausmaß der Bedrohung, der sie nun ausgesetzt sind, ahnten sie nicht - etwa vom Kreisvorsitzenden der Jungen Union.

Von Milla Frühling

Zuletzt waren Thomas Neger und sein Logo im Februar in den Medien, weil der Fassnachts-Sänger "Willi Windhund" es im Karneval 2015 zum Anlass genommen hatte, in einer Büttenrede wider die "Politische Korrektheit" möglichst oft das N**-Wort zu verwenden (netz-gegen-nazis.de berichtete).

Da die Versuche einzelner Schwarzer Menschen, ihre Betroffenheit beim Dachdecker Neger auszudrücken, allerdings bisher nicht zu einem Sinneswandel führte, hatten sich nun Studierende eine kleine Facebook-Kampagne ausgedacht: Schwarze Studierende schrieben auf ein Plakate Argumente, was sie am Logo stört, und stellten Fotos davon auf die Facebook-Seite "Das Logo muss weg": Damit offen zu sehen war, dass nicht einige, sondern ziemlich viele Schwarze Menschen von den kolonialistischen Stereotypen des Logos getroffen fühlten. Die Kritik wurde klar und sachlich formuliert.

Sie ahnten nicht, was auf sie zukommen sollte.

Thomas Neger selbst reagierte - dies noch erwartbar - nicht amüsiert auf die Facebook-Seite. In einem Eintrag auf der Facebook-Seite seines Unternehmens beschimpfte er die Initiator_innen als "Spinner" und führt aus: 


Auszug des Facebook-Screenshot, inzwischen gelöscht

Dies kann für sich selbst stehen: Wer also eine andere Meinung hat, hat die falsche... Dies alles aber noch im Rahmen des demokratischen Diskurses. Auf der Facebook-Seite von "Das Logo muss weg" ging es allerdings schnell weitaus weniger zivilisiert her: Ein Shitstorm von Rassist_innen und Menschenfeind_innen überzog die Seite. Unter den Fotos wurden die darauf abgebildeten Schwarzen Student_innen beleidigt, so dass etliche sich so bedroht fühlten, dass sie ihre Fotos vom Netz nahmen. Um sich die Qualität der Beiträge vorzustellen, hier einige Screenshots, dokumentiert von "Das Logo muss weg" (Alle Screenshots von der Facebook-Seite "Das Logo muss weg", nach Dokumentation gelöscht, um den Rassismus nicht so im Internet stehen zu lassen).

Das Bild zeigt Anders Behring Breivik, den Islamfeind, der 2011 in Norwegen aufgrund seiner rassistischen Ideologie 77 Menschen erschoss.

Rassistische Bilder wurden auch gern gepostet.

Expliziter geht es kaum.

Ach, vielleicht doch.

Dabei kann man doch auch ein rassistisches Bild verwenden und sagen, man solle "in Baströckchen durch die Stadt getrieben" werden.

Unser Lieblingsargument. Klar, vor 80 Jahren in Deutschland gab es keinen... Moment?

 

Auch auf der Facebook-Seite der Thomas Neger GmbH verlief die Diskussion durchaus deftig und ist ein Paradebeispiel für gelebten Alltagsrassismus in Deutschland:

Screenshots Facebook; alles Kommentare zum Posting oben und mit
diesem gelöscht

Doch so ein Shitstorm reichte den Gegner_innen der Antirassismus-Kampagne offenbar nicht aus: Sie verabredeten sich, die Seite gezielt bei Facebook zu melden:


Screenshot Facebook

Leider war dies erfolgreich: "Das Logo muss weg" wurde gesperrt. Begründung: "verstößt gegen die Gemeinschaftsregeln", postet einer der Melder triumphierend auf der "Thomas Neger GmbH"-Facebookseite (übrigens ein Fan von Marine Le Pens "Front National"). Eine genaue Begründung wurde bisher trotz mehrfacher Nachfrage bei Facebook nicht gegeben. 

Manchen der Menschen, die offenbar auch schon das Nachdenken über Rassismus als Affront empfinden, reichte eine Kritik an der Aktion aber offenbar nicht aus: In Facebook-Gruppen wie "Pro Thomas Neger Logo Mainz" postete etwa Felix Maximillian Leidecker, Kreisvorsitzender der Jungen Union Mainz, die Adresse eines Menschen, den er als einen der Initiatoren der Aktion auszumachen glaubt. Dies ist als offene Bedrohung zu werten - und außerdem strafbar, weil es nicht den Nutzungsbedingungen der Quelle entspricht, die er genutzt hatte. Auch wenn Leidecker aktuell noch bei Facebook tönt: "Nur, damit ihr alle mal seht, wie diese Leute verfahren.... "Getroffene Hunde..." sagt man ja im Volksmund. Sollen sie mich verklagen- ist mir völlig egal..." Er sollte sich lieber einen Anwalt besorgen - wie übrigens auch diejenigen, die sich zu Gewaltaufrufen und Beleidigungen hinreißen lassen, denn was offline strafbar ist, ist auch online strafbar (Anzeigen nehmen die Onlinewachen des Polizei entgegen). Als Vertreter eines demokratischen und fairen Diskurses hat sich Leidecker damit sowieso schon selbst disqualifiziert.

Screenshot Facebook

Die Initiator_innen des Seite "Das Logo muss weg" sind von diesem Shitstorm, der bis auf Ebene persönlicher Bedrohung geht, schwer betroffen. Auch verstehen sie nicht die Entscheidung von Facebook, die antirassistische Kampagnenseite zu löschen, während massiv rassistische und bedrohende Kommentare online gelassen werden.

Um den Ton und Tenor ihrer Kritik zu zeigen, die ja nun nicht mehr im Internet zu finden ist, dokumentiert netz-gegen-nazis.de hier die auf Facebook veröffentlichte Antwort auf den "Spinner"-Post von Thomas Neger:

"Hallo Herr Neger,
Sie haben heute einen emotionalen Text auf Ihrer Facebook-Seite veröffentlicht, in dem alle, die Kritik an dem Logo äußern, beschimpft werden.
https://www.facebook.com/ThomasNegerGmbh/posts/777227119022118
Das ist schade, Sie bezeichnen darin uns und all die Leute, die der Meinung sind, dass spätestens im Jahre 2015 so ein rassistisches Logo nicht sein muss (in den 50er Jahren war es auch schon rassistisch) als dumme "Spinner", die "die Menschen" "bevormunden" wollen.

Wir wollen aber niemanden bevormunden. Im Gegenteil, wir wollen, dass alle Menschen frei von Angst, Diskriminierung und Abwertung ihr Leben leben können. Das Logo ist aber ein Teil von genau solch einer Diskriminierung. Teil eines Gedankensystems, das Leute dazu treibt, auf dieser Facebook-Seite damit zu drohen, uns "im Baströckchen durch die Stadt zu jagen" und vieles mehr. Wie Sie ja selbst zugeben, verstehen Sie das Problem nicht. Daher machen wir uns zum sehr oft wiederholten Mal die Mühe, es Ihnen näherzubringen. Es geht nicht um den Namen, der der Allgemeinen Zeitung Mainz zufolge vom Namen Näher abgeleitet wurde.

Es geht um die Kombination Ihres Namens mit diesem Logo, das genau solch ein Äffchen, eine Karikatur eines Schwarzen Menschen im Geiste des Kolonialismus zeigt, die auch der Begriff "Neger" bezeichnet. Dieser Begriff ist eine schwere Beleidigung für Schwarze Menschen und jedes Mal, wenn dieses in Mainz omnipräsente Logo Leuten begegnet, die mit diesen Beleidigungen seit dem Kindergarten konfrontiert werden, ist es für sie ein Schlag ins Gesicht. Das ist Ihnen nicht bewusst, das zeigen Sie mit Ihrem Verhalten in den letzten Monaten mehrfach sehr deutlich.

Sie brauchen sich auch nicht auf "Tradition" herausreden, denn in diesem Land war es vor 80 Jahren auch "Tradition", Juden umzubringen. Homosexualität war in Deutschland einmal illegal, es ist dennoch menschenverachtend, Homosexuelle, Transsexuelle oder andere von der "Norm" abweichende Menschen abzuwerten, auszugrenzen oder in den Selbstmord zu treiben. Das passiert noch heute. In Deutschland. Es gab auch eine Zeit, da durften Frauen nicht ohne Erlaubnis ihres Ehemanns arbeiten, wählen durften sie auch nicht. Alle Traditionen sind menschengemacht und wenn diese Traditionen andere verletzen oder eine Idee unterstützen, die in extremster Form zu Mord führt (NSU z.B., viele Angriffe auf Flüchtlingsunterkünfte usw.), dann gehören sie
abgeschafft. Ganz einfach. Und es ist schlichtweg nicht von höchster Relevanz, was irgendwelche Nichtbetroffenen zum N-Wort bzw. Logo sagen. Auch wenn als Alibi Schwarze angeführt werden, die sich nicht daran stören, ist das noch lange kein Beweis für dessen Harmlosigkeit. Das beweisen die vielen Stimmen, die das Logo eben als so rassistisch erkennen, wie es ist.

Das Niveau von Diskussionen über Rassismus ist in Deutschland im Vergleich zu z.B. Frankreich, Großbritannien oder den USA relativ niedrig. Niemals wäre es in den genannten Ländern möglich, als Politiker, der eine Firma mit solch einem Logo leitet, für die Partei der Bundesregierung im Stadtrat einer Landeshauptstadt zu sitzen. Das ist völlig undenkbar. In Deutschland sind wir leider noch nicht so weit und müssen daher auch solche Diskussionen immer noch führen. Die Publikative.org hat dazu auch einen ausführlichen Text geschrieben, in dem auch die Firma N. vorkommt: www.publikative.org/2015/03/22/internationaler-tag-gegen-nicht-existenten-rassismus/

Ein paar Leute von uns waren auch schon im letzten Jahr dabei, als wir versucht haben, mit Ihnen Kontakt aufzunehmen. Das hat nicht funktioniert, Sie haben deutlich gemacht, dass Sie de facto kein Interesse an einem Austausch haben, haben nicht geantwortet, nicht reagiert. Wir haben vor einigen Wochen auch Kontakt aufgenommen und eine Nummer hinterlassen, da haben Sie auch keine Anstalten gemacht, etwas zu tun. Alles, was jetzt passiert, hätten Sie längst verhindern können, indem Sie das Mindestmaß an Höflichkeit aufbringen, das Menschen in der Regel möglich ist: Auf Kritik kann man reagieren, indem man mit den Leuten spricht, die diese äußern. Sie verweigern sich aber diesem Dialog und beleidigen lieber. Das ist sehr schade. Und es schadet ja ganz offensichtlich auch Ihnen ziemlich. 

Es wäre beispielsweise auch eine Geste der Reflexion, wenn Sie nicht, wie in Ihrem Statement heute genau diesen Begriff schon wieder für Schwarze Menschen benutzen, der im Zentrum der Kritik steht. Wie sehr muss Ihnen denn an einer Eskalation gelegen sein, wenn Sie derart wenig einlenken?

Sie behaupten regelmäßig Sachverhalte, die offensichtlich nicht stimmen. Zum einen gibt es seit vielen Jahren Kritik an diesem Logo, auch im letzten Jahr war das mitnichten das erste Mal. Tahir Della von der Initiative Schwarzer Menschen in Deutschland hat sich im Tagesspiegel auch schon zum Rassismus im Logo geäußert: www.tagesspiegel.de/weltspiegel/mainz-wie-es-ringt-und-lacht-ist-das-firmenlogo-vonthomas-neger-rassistisch/11367512.html .Schon in den 80er Jahren wurde das Logo als rassistisch kritisiert, ebenfalls von der ISD. Sogar Stefan Raab hat verstanden, wie rassistisch allein der Begriff des N-Worts ist: tvtotal.prosieben.de/videos/Stand-Up-16022015--/21367/ Die VICE hat berichtet: www.vice.com/de/read/das-firmenlogo-der-firma-neger-ist-genauso-uncool-wie-blackfacing-441 SWR-Fernsehbericht: www.swr.de/landesschau-aktuell/rp/mainzer-dachdecker-firma-neger-ist-das-neger-logorassistisch/-/id=1682/did=15245012/nid=1682/12m6qp2/ Jungdemokrat_innen/Junge Linke mit vielen Hintergründen: http://mz.jd-jl-rlp.de/?p=37

Momentan nicht mehr zu finden ist der journalistisch fragwürdige Bericht im Hessischen Rundfunk von letztem Jahr, in welchem Sie meinten, man müsste das Logo mit Humor nehmen. Die damaligen Initiator_innen der Kritik, die Fachschaft Ethnologie der Uni Mainz, wurden nicht interviewt. 

An all die Leute, die meinen, im Internet ihren Rassismen und Gewaltfantasien freien Lauf lassen zu können: Wir sind sehr gewillt, Recht und Ordnung auch zu denen zu bringen, die meinen, sie seien unangreifbar. Und das sind, nach den Drohungen und Beleidigungen zu urteilen, doch so einige. Fühlen Sie sich mal nicht zu sicher und überlegen Sie lieber zwei Mal, was Sie schreiben. Screenshots sind gespeichert und gehen an die Behörden. Wir werden ab sofort zum Schutz der Betroffenen so verfahren, dass Beleidigungen gespeichert und gelöscht werden, die entsprechenden Profile werden gemeldet und verbannt. Was hier gepostet wurde, wird zur Dokumentation aber wieder hochgeladen. Sie können gern immer noch diskutieren, ein paar ganz wenige tun das bisher auch. Und es darf auch kontrovers werden, aber wer mit nichts als Beleidigungen und Drohungen hier hereintritt, wird geblockt. Die Beleidigungen werden jetzt nicht wiederholt, die meisten sind auch schon gelöscht, aber vor Gericht werden Sie im Zweifelsfall die Möglichkeit haben, sich noch einmal damit zu beschäftigen. 

Es gab schon Urteile, die bestätigt haben, dass das N-Wort eine Beleidigung darstellt.

"Beachtenswert ist die Entscheidung des Gerichts, die Beleidigungen »N****« als fremdenfeindlich und herabwürdigend einzustufen. Obwohl immer wieder auf den beleidigenden Charakter und die koloniale Herkunft des Begriffs verwiesen wird, waren Ermittlungsbehörden und Gerichte nicht immer bereit, diese Beschimpfung als rassistisch zu bewerten und als Beleidigung zu verfolgen." blog.derbraunemob.info/2009/04/15/landgericht-neuruppin-n-wort-eideutig-beleidigung/

Herr Neger, Sie haben es in der Hand. Wir sind immer noch bereit zu einem Dialog, Sie sollten dieses Angebot zur Befriedung des Konflikts in Ihrem eigenen Interesse annehmen. Und uns besser nicht weiter beleidigen, das fällt alles auf Sie zurück.

Das Team von "Das Logo muss weg"
(das solange anonym bleibt, wie hier Drohungen eingehen)"

Update 15:28 Uhr:

Die Seite "Das Logo muss weg - Für eine Welt ohne Rassismus" ist wieder online bei Facebook, kann besucht und geliked werden!

| www.facebook.com/DasLogomussweg

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