Schwule Nazis? Ein brisantes Thema für die rechtsextreme Szene

Homosexualität  und Rechtsextremismus? Klingt nach einem unvereinbaren Begriffspaar – tatsächlich aber gibt es schwule und lesbische Neonazis. Vor allem männliche Homosexualität gehört zu den Themen, die am kontroversesten innerhalb der Szene diskutiert werden: von der offenen Forderung nach der Ermordung Homosexueller bis hin zu einer "bedingten Tolerierung".

Von Alice Lanzke

Verfolgt, deportiert, ermordet: Tausende Homosexuelle wurden im Dritten Reich Opfer der Nationalsozialisten. Lange blieb diese Verfolgung aus dem öffentlichen Gedenken in Deutschland ausgespart. Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker war einer der ersten, der 1985 zum 40. Jahrestag des Kriegsendes auch Homosexuelle in das Gedenken miteinbezog – mit dem "Denkmal für die im Nationalsozialismus verfolgten Homosexuellen" in Berlin entstand 2008 ein sichtbares Zeugnis dieses veränderten Bewusstseins.

Unverändert blieb dagegen die Haltung der rechtsextremen Szene gegenüber Homosexualität, die nicht dem völkischen Ideal entspreche: Schwule und Lesben werden als "entartet" tituliert, ganz dem Vokabular des Dritten Reichs entsprechend. Dem völkischen Weltbild der Nazis zufolge sind Familien aus Vater, Mutter und (möglichst vielen arischen) Kindern das Ideal – entsprechend gilt Homosexualität, insbesondere bei Männern, als ideologisch verwerflich.

Homosexualität im Nationalsozialismus

So weit, so bekannt – und doch gibt es auch schwule und lesbische Nazis, teilweise geoutet, teilweise nicht. Ein brisantes Thema mit heftigen Debatten innerhalb der Szene. Gerade Schwul-Sein gilt unter Rechtsextremen als "unmännlich" und als Schwäche. Entsprechend stellt sich ein Großteil der heutigen Nazis entschieden gegen Homosexualität: Auf einschlägigen Internetseiten oder in entsprechenden Foren fordern sie gar die Wiederholung der Verfolgung aus dem Dritten Reich, mit anderen Worten die Ermordung von Schwulen und Lesben. "Schwul" wird auf diesen Seiten als Schimpfwort benutzt. Homophobie ist eine Ausprägung rechtsextremen Gedankenguts.

Umso paradoxer erscheint die Tatsache, dass es auch homosexuelle Nazis gibt – und gab: So war SA-Chef Ernst Röhm selbst schwul, damals ein offenes Geheimnis. Erst als er Hitler politisch im Weg stand, instrumentalisierte dieser das Wissen um dessen Homosexualität, um letztlich auch Röhms Ermordung zu rechtfertigen. Die Hetze gegen und Verfolgung von Schwulen nahm nach dem Tod Röhms drastisch zu – so wurde mit der systematischen Internierung und massenhaften Ermordung von Schwulen in Konzentrationslagern begonnen.

Das Beispiel Michael Kühnen

Ein Beispiel aus der jüngeren Vergangenheit für Homosexualität in der rechtsextremen Szene ist der Fall Michael Kühnen: Kühnen gehörte in den 1970er und 80er Jahren zu den bedeutendsten Neonazi-Größen in Deutschland und gründete 1977 eine neonazistische NSDAP-Aufbauorganisation namens "SA-Sturm Hamburg" mit, aus der dann die Organisation Aktionsfront Nationaler Sozialisten (ANS) hervorging. Die ANS wurde 1983 verboten. In der Folge war Kühnen an der Gründung der Gesinnungsgemeinschaft der Neuen Front (GdNF) und der Wehrsportgruppe Werwolf beteiligt.

1979 wurde Kühnen u.a. wegen Volksverhetzung zu vier Jahren Haft verurteilt. In dieser Zeit spaltete sich die GdNF: Kühnens interner Rivale Jürgen Mosler erklärte, jeder Schwule sei ein "Verräter am Volk" und mitverantwortlich für die Ausbreitung von Aids. Daraufhin outete sich Kühnen öffentlich und trat aus der GdNF aus.

Noch heute ist Michael Kühnen bei der Frage nach Homosexualität in der rechten Szene eine zentrale Figur: Nach seinem Outing entwickelte er eine Theorie der Männerbünde und propagierte die Vereinbarkeit von Homosexualität und nazistischem Gedankengut. Seine Argumentation: Schwule würden sich im kriegerischen Kampf besser eignen, da sie sich im Gefecht nicht um ihre Familie zu kümmern bräuchten und sich so besser auf ihre Kameraden konzentrieren könnten.

Hypermaskulinität als Legitimation

Obwohl Kühnen 1991 starb, werden seine Thesen noch heute unter Neonazis diskutiert – denn entgegen der allgemeinen Vorstellung ist der Umgang mit Homosexualität in der Szene wesentlich widersprüchlicher als gedacht. Das zeigte nicht zuletzt die Dokumentation "männer helden schwule nazis" von Rosa von Praunheim aus dem Jahr 2006. In dem Film erklärt Alexander Schlesinger, Mitglied einer rechtsextremen Partei und offen homosexuell, er sehe keinen Widerspruch zwischen sich und dem in der Szene gängigen Männlichkeitsbild: Männliche Tugenden wie Härte und Kraft stünden schließlich weiterhin im Zentrum seines Begehrens. "Wir Schwulen streben ja vielfach einem Männlichkeitsideal nach. Ich persönlich bin ein sehr intoleranter Schwuler. Ich kann mit diesen Tatütata-Huschen überhaupt nichts anfangen. [...] Ich bin ja nicht schwul geworden, um auf so was Feminines abzufahren. Ich bin schwul geworden, um auf Kerle zu stehen", so Schlesinger.

Den zentralen Punkt im Umgang mit Homosexualität im Rechtsextremismus formuliert in der Dokumentation der Nazi-Skinhead André. Er sagt, dass "der Kampf gegen Schwule nicht unbedingt ein Kampf gegen Männer ist, die mit Männern ins Bett gehen, sondern ein Kampf gegen die Unmännlichkeit". Dazu stellen Robert Claus und Yves Müller in ihrem Aufsatz "Männliche Homosexualität und Homophobie im Neonazismus" fest: "Homophobe Abgrenzungen zu empfundener Unmännlichkeit, Schwäche und femininen Attitüden bei Schwulen sind zentral in der Reflexion ihres eigenen Begehrens. Homosexualität wird mit Hilfe von Hypermaskulinität legitimiert." Mit anderen Worten: Nur weil ein Nazi schwul ist, bedeutet dies in der Szene nicht, dass er Homosexualität grundsätzlich verteidigt.

Anschlussfähig zur Mitte der Gesellschaft

Ähnlich analysiert auch Ulrich Overdieck in seinem Aufsatz "Männlichkeitskonstruktionen in Diskursen der extremen Rechten", dass Homosexualität vor allem in zwei Varianten diskutiert wird: entweder als verweiblichte, extrovertierte, schwache und damit ablehnungswerte Form oder in einer (hyper)maskulinien Variante – letztere sei dann auch die, die für einen kleinen Teil der rechtsextremen Szene "tolerierbar" sei. So betonen schwule Neonazis ihre eigene Männlichkeit oder die ihrer Partner, überhöhen sie gar, um nicht als "schwach" wahrgenommen zu werden.

Trotz der überraschenden Toleranz bei einigen Neonazis: Klar ist, gerade anlässlich des Internationalen Tages gegen Homo- und Transphobie, dass die meisten Rechtsextremen Homosexualität vehement ablehnen, sie als pervers und widernatürlich diffamieren. Regelmäßig werden Schwule und Lesben Opfer rechter Gewalt. Die Verwendung des Begriffs "schwul" als Schimpfwort macht das mehr als deutlich – problematisch aber ist, dass sich Neonazis damit durchaus anschlussfähig zur Mitte der Gesellschaft präsentieren. Denn noch immer wird auf Schulhöfen, in Sportvereinen usw. "schwul" als Beleidigung benutzt, als Teil des alltäglichen Sprachgebrauchs. Noch deutlicher wird die Ablehnung etwa bei den Protesten in Frankreich gegen die Homo-Ehe oder beim erbitterten Kampf der CDU gegen die steuerliche Behandlung von gleichgeschlechtlichen Beziehungen in Deutschland. Umso wichtiger ist es, Homophobie (oder eher Hetero-Sexismus, denn dieser Begriff ist in den meisten Fällen treffender) als Ausprägung rechtsextremen Gedankenguts zu begreifen und zu verurteilen – und damit wiederum klar Position gegenüber neonazistischem Gedankengut zu beziehen.

Literaturtipps zum Thema:

  • Amadeu Antonio Stiftung/Heike Radvan (Hrsg.): "Gender und Rechtsextremismusprävention", Metropol Verlag 2013 (darin der Aufsatz von Ulrich Overdieck)
  • Robert Claus, Esther Lehnert, Yves Müller (Hrsg.): "Was ein rechter Mann ist … Männlichkeiten im Rechtsextremismus", Karl Dietz Verlag 2010 (darin der Aufsatz von Robert Claus und Yves Müller)

Mehr Infos bei netz-gegen-nazis.de:

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