Leipzig: Wer einfach nur ohne Diskriminierungen Sport treiben will, ist schon Exot

Die Aktiven vom Fußballverein "Roter Stern Leipzig" wollen einfach nur Fußball spielen, ohne sich ständig mit Rassismus, Homophobie oder Sexismus auseinandersetzen zu müssen, und organisieren sich entsprechen. Dafür sind sie nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009. Dass dieses Anliegen im Fußball immer noch nicht nur ungewöhnlich, sondern auch gefährlich ist, zeigte jüngst der Übergriff von 50 Neonazis auf Mannschaft und Fans in Brandis.

Von Jan Schwab

„Wir hatten einfach keinen Bock mehr auf diese Diskriminierung“, erzählt Adam Bednarsky, wenn er an seine frühere Zeit in diversen Fußballvereinen zurückdenkt. Der Leipziger Sozialwissenschaftler wollte in der Freizeit eigentlich nur Sport treiben – ohne sich jeden Tag rassistische, frauenfeindliche oder homophobe Sprüche anhören zu müssen. Gar nicht so einfach, denn Diskriminierung ist im Fußballsport, insbesondere in den unteren Ligen, immer noch weit verbreitet und wird mancherorts gar als „normal“ betrachtet, ganz nach dem Motto: „Das gehört doch dazu!“ Und wer sich offen dagegen ausspricht, gilt am Ende als Spielverderber. Damit wollten sich Bednarsky und einige seiner Fußballkollegen nicht mehr abfinden, sie hatten anderes im Sinn. 1999 gründeten sie den Fußballverein „Roter Stern Leipzig“ – und der unterscheidet sich in vielerlei Hinsicht von herkömmlichen Vereinen: es gibt sowohl Männer- als auch Frauenteams, einmal pro Woche wird in gemischten Teams gespielt, sexistische und schwulenfeindliche Sprüche werden nicht toleriert, Rassismus natürlich auch nicht, und Entscheidungen trifft der Verein nach dem Konsensprinzip. Hierarchische Strukturen? Fehlanzeige.

Ziemlich ungewöhnlich, oder? „Naja“, sagt Adam Bednarsky und lacht, „in gewisser Weise natürlich schon, aber wir kommen ja alle aus dem klassischen linksalternativen Spektrum, daher haben wir zum Beispiel gesagt: Wenn wir uns schon engagieren, dann aber bitte mit flachen Hierarchien.“ So treffen sich Bednarsky und seine Mitstreiter jeden Donnerstag, um in einem Plenum aktuelle Themen zu diskutieren: „Ich mache das jetzt seit über zehn Jahren – nicht alle haben das mit dem Plenum durchgehalten, aber ein harter Kern von etwa fünfzehn Leuten ist regelmäßig dabei“, erzählt Bednarsky stolz. Und zu diskutieren gibt es viel: Wie zum Beispiel umgehen mit sexistischen Äußerungen mancher männlicher Kollegen? Oder welche Vorbereitungen sind noch für die Teilnahme an der Mondiali Antirazzisti, einem alljährlich in Italien ausgetragenen antirassistischen Fußballturnier, zu treffen?

"Gerade 12- oder 13-Jährige bringen aus ihrem Umfeld Schmähungen mit aufs Spielfeld"

Die Prinzipien, für die der „Rote Stern“ steht, werden im Trainingsbetrieb rigoros umgesetzt. Besonders im Jugendtraining, so Adam Bednarsky, müssten er und seine Kollegen die Augen und vor allem Ohren immer offen halten, damit Diskriminierung keine Chance hat: „Gerade 12- oder 13-Jährige bringen aus ihrem sozialen Umfeld, aus der Schule und dem Elternhaus, häufig Schmähungen mit aufs Spielfeld, da versuchen wir als Trainer einzugreifen und klarzustellen, dass bei uns Äußerungen wie ‚Nigger’ oder ‚schwule Sau’ keinen Platz haben“. Die Eltern, erzählt Bednarsky, wüssten schon, warum sie ihre Kinder ausgerechnet zum Training beim „Roten Stern“ schicken. Lange vorbei sind die Zeiten, als der Verein in Leipzig noch als „Schreckgespenst“ galt: „Die Leute wissen inzwischen, dass wir wichtige Arbeit leisten und keine linksautonomen Krawallbrüder sind“. 2001 nahm der „Rote Stern“ gemeinsam mit dem FC Sachsen Leipzig an den FARE (Football Against Racism in Europe)-Aktionswochen teil. Ein absolutes Novum damals, denn das war das erste Mal überhaupt, dass sich in Ostdeutschland jemand daran beteiligt hatte.

Auch Sexismus ist ein Thema

Mit der offenen Thematisierung von Sexismus tat sich der Verein anfangs nicht leicht, denn, so Bednarsky: „Es gibt wenige Bereiche, wo das ‚Männlichkeitsgehabe’ so groß ist wie im Fußball“. Die Diskussion wurde folglich auch innerhalb des „Roten Sterns“ nicht ohne Kontroversen geführt; anfangs wollten viele das Thema Sexismus noch nicht als Problem wahrnehmen, inzwischen ist es besser geworden. Eine direkte Folge davon, auch wenn der Verein keinen allzu großen Wert auf die Hierarchien legt: der „Rote Stern“ hat eine Frau als Vorsitzende.

"Mehr als Fußball" steht für Kultur und Information

Der „Rote Stern“ sieht sich nicht ausschließlich als Sportverein, sondern leistet darüber hinaus noch viel mehr, was schon sein Slogan „More than Soccer“ verdeutlicht. Die zum großen Teil ehrenamtlichen Mitglieder engagieren sich auch im kulturellen Bereich. Das ehrenamtlich geführte Fanprojekt „RSL-Fischladen“ organisiert Konzerte, Lesungen und Diskussionsabende, im Rahmen derer immer wieder auch über den geographischen und thematischen Tellerrand hinausgeschaut wird. So gab es 2009 zum Beispiel Vorträge zur Situation im ukrainischen Fußball oder über das Tabuthema Homosexualität im Profifußball.

Wertvorstellungen in die Bevölkerung tragen

Dem „Roten Stern“ ist es ein wichtiges Anliegen, seine Prinzipien und Wertvorstellungen aus dem Stadion heraus in die gesamte Bevölkerung zu tragen. Bednarsky sieht hier einen großen Vorteil gegenüber herkömmlichen Fußballvereinen: „Gesellschaftlich aktive Gruppen finden ansonsten kaum den Weg in den Breitensportfußball; genau hier setzen wir an und können meiner Meinung nach ein unglaubliches Potenzial ausschöpfen“. So bestehen etwa zahlreiche Kontakte zu Schulen und Jugendclubs, gerade auch im ländlichen Raum. Bednarsky und seine Mitstreiter haben Turniere in Oschatz und im Muldentalkreis organisiert und in Colditz, wo die Stadt ein geplantes antirassistisches Fußballturnier untersagt hatte, die Engagierten vor Ort beraten und unterstützt. Kooperationen wie diese sollen in Zukunft noch verstärkt und ausgebaut werden.

Ergänzung: Aktuell ist der Verein "Roter Stern Leipzig" in den Nachrichten, weil bei einem Bezirksligaspiel der Herrenmannschaft Ende Oktober 2009 in Brandis 50 Neonazis das Spielfeld gestürmt und Mannschaft und Spieler angegriffen haben: Drei Schwerverletzte. Mehr dazu hier.

Der Verein "Roter Stern Leipzig" ist nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie", der jährlich von der Amadeu Antonio Stiftung, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Freudenberg Stiftung verliehen wird. Die Preisverleihung ist am 9. November 2009 in Dresden. Netz-gegen-Nazis.de stellt ihnen die 10 nominierten Projekt vor.

Die zehn nominierten Projekte sind:

AG Kirche gegen Rechtsextremismus, ein Projekt der Evangelischen, Erwachsenenbildung Sachsen (Dresden)

Bürgerinitiative „Demokratie anstiften“ (Reinhardtsdorf-Schöna / Kleingießhübel)

Deutsch-polnisches Schülerbegegnungsprojekt Auschwitz, ein Projekt des Beruflichen Schulzentrums Wurzen (Wurzen)

Hillersche Villa – Soziokultur im Dreiländereck e.V. (Zittau) • Medinetz Dresden e.V. (Dresden) • Oberlausitz – neue Heimat e.V. (Löbau)

Peer Leadership – Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie, ein Projekt des RAA Sachsen e.V. (Dresden)

Roter Stern Leipzig ’99 e.V. (RSL) (Leipzig)

Schülerinitiative gegen die NPD und andere Nazis (Dresden)

Soziokulturelles Zentrum in Mügeln, ein Projekt des Vive le Courage e.V. (Mügeln)

Im Internet: | Roter Stern Leipzig - Vereinshomepage | demokratiepreis-sachsen.de | amadeu-antonio-stiftung.de

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