Rechtsextremismus kompakt in Stichworten und Zahlen

Einmal kompakt zum Nachschlagen: Wie viele Rechtsextreme gibt es noch mal in Deutschland? Und wie viele Kameradschaften? Und...

Zusammengestellt von Simone Rafael

Was ist Rechtsextremismus?

Eine Einstellung, die die Gleichwertigkeit aller Menschen ablehnt, auf Ungleichwertigkeiten zielt.

Wichtigste Elemente:

Auswirkung rechtsextremer Einstellungen

Diese Ablehnung äußert sich als verbale Hetze, Anfeindungen, Bedrohungen und als Gewalt.

Organisierte Rechtsextreme

  • Rund 21.700 Menschen gehören in Deutschland zum rechtsextremen Spektrum (2012: 22.150, 2011: 22.400, 2010: 25.000, 2009: 26.600, 2008: 30.000)
  • Davon sind 7.000 in Parteien Mitglied (2012: 7.150, 2010: 9.600, 2009: 11.300)
  • 2.500 gehören zu rechtsextremen Organisationen (2010: 2.500, 2009: 2.500)
  • 5.500 gelten als „Neonazis“, die sich in Kameradschaften organisieren (2012: 6.000, 2011: 6.000, 2010: 5.600, 2009: 5.000)
  • 9.600 gelten als „gewaltbereit“ (2012: 9.600, 2011: 9.800, 2010: 9.500)

Rechtsextreme Einstellungsmuster

  • Nicht jeder der so denkt, handelt auch messbar entsprechend – wählt eine Partei, wird Mitglied einer Kameradschaft usw.
  • 2014 vertraten insgesamt rund 5,6 Prozent der Menschen in Deutschland rechtsextreme Einstellungen
  • Rechtsextreme Einstellungen werden von mehr Frauen als Männern vertreten - beim Wahlverhalten ist es umgekehrt.
  • Sie werden mehr von alten als jungen Menschen vertreten - beim Wahlverhalten ist auch das umgekehrt.
  • Rechtsextreme Einstellunge werden mehr von Menschen aus bildungsfernen Schichten als Menschen aus gebildeten Schichten
  • und mehr von Menschen aus dem ländlichen Raum als von Menschen aus Großstädten
  • Oliver Decker, Elmar Brähler und Johannes Kiess untersuchen alle 2 Jahre rechtsextreme Einstellungen in Deutschland. Die Ergebnisse 2014:

    Geschlossenes rechtsextremes Weltbild    5,6 % (2002: 9,7 %)
    Ausländerfeindlichkeit                            18,1 % (2002: 26,9 %)
    Chauvinismus                                          13,6 % (2002: 18,3 %)
    Antisemitismus                                          5,1 % (2002: 9,3 %)
    Befürwortung einer Diktatur                       3,6 % (2002: 7,7 %)
    Sozialdarwinismus                                      2,9 % (2002: 5,3 %)
    Verharmlosung des NS                                2,2 % (2002: 4,1 %)
    Abwertung von Flüchtlingen                     55 - 76 %
    Abwertung von Roma                                47 - 55 %
    Abwertung von Muslimen                          36 - 42 %

Rechtsextreme Organisationsformen

Parteien der rechten Szene

  • NPD
    - 5.500 Mitglieder (2012: 6.000, 2011: 6.300, 2010: 6.600, 2009: 6.800)
    - „Nationale Sozialisten“, offen NS-verherrlichend, Ziel: „Systemüberwindung“, enge Zusammenarbeit mit der freien, gewaltbereiten Szene
    - Spezialität: Kommunalpolitik, Instrumentalisierung sozialer Fragen
    - sitzen aktuell im Landtag in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern, rund 330 Kommunalmandate
    - Untergruppen: Ring Nationaler Frauen (100 Mitglieder), Junge Nationalisten (380 Mitglieder)
     
  • Die Rechte
    - 500 Mitglieder (2012: 150)
    - Rechtsextrem, entstanden aus dem Kameradschaftsspektrum
    - Landesverbände in Baden-Württemberg, Berlin, Brandenburg, Hessen, Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Rheinland-Pfalz, Sachsen
    - 1 Kommunalmandat in Dortmund
     
  • Pro Köln Pro NRW Pro Deutschland
    - Der Verein "Pro Köln" hat 220 Mitglieder, die Partei "Pro NRW" 1.000 Mitglieder (2012: 1.000)
    - Rechtspopulistisch, rassistisch
    - Spezialität: Islamfeindschaft
    - Schwerpunkt ist Nordrhein-Westfalen, streben aber bundesweite Kandidaturen an
     
  • Der III. Weg
    - gegründet 2013
    - Kleinstpartei aus dem Kameradschafsspektrum des "Freien Netzes Süd"
     
  • Republikaner
    - 6.700 Mitglieder (2009)
    - Bis 2006 als rechtspopulistisch-nationalistische Partei vom Verfassungsschutz beobachtet
    - danach Bekenntnis zur Demokratie, rechtskonservativ, aktuell bedeutungslos

Rechtsextreme Organisationen insgesamt (außer Parteien)

gesamt: 225 rechtsextremistische Organisationen und Personenzusammenschlüsse ohne Parteien (2011: 225; 2010: 217, 2009: 193)

davon

  • subkulturell geprägt: 1 (2009: 1)
  • Neonazi-Gruppen: 153 (2009: 132)
  • Sonstige: 63 (2009: 60)

Kameradschaften, "Freie Kräfte"

„Freie Kameradschaften“ (auch „Freie Kräfte“ genannt):

  • Lockerer regionaler Zusammenschluss von Rechtsextremen, die für Aktionen gemeinsam in Erscheinung treten.
  • Geben sich radikaler, moderner, offener, aktionistischer, militanter als Parteien.
  • Schließen sich zu „Kameradschaftsverbänden“ oder „Aktionsbündnissen“ für größere Aktivitäten zusammen.
  • identitätsstiftende Sammelbegriffe : "Freie Nationalisten“, „Nationaler Widerstand".
  • Rund 153 in Deutschland (2009: 132).

Aktivitäten von Kameradschaften

  • Organisation von Aufmärschen und Konzerten
  • Gewalttaten
  • Propaganda vor Ort, z.B. Flyer, Aufkleber verteilen, z.T. auch logistische Hilfe für rechtsextreme Parteien
  • Propaganda im Internet
  • Terroristische Aktionen
  • Aufbau einer „rechtsextremen Parallelwelt“: eigene ZeitungenVersände, Clubs, Partys, Tanzgruppen, Handwerksbetriebe

Autonome Nationalisten

  • Aktuelle Spielart der „Freien“ Nazi-Szene, stark jugendkulturell-erlebnisorientiert und gewalttätig
  • Übernahme linker (linksautonomer) Symboliken, Ausdrücke, (Protest-) Songs, um attraktiver und moderner zu wirken – inhaltlich aber nicht weniger gefestigt, was z.B. NS-Verherrlichung , Antisemitismus, Demokratiefeindlichkeit angeht
  • Anti-Antifa-Arbeit: Ausspionieren und Bedrohen „politischer Gegner“
  • rund 900 Personen (2010: 1.000; 2009: 800, 2008: 500)
  • neue Themen, z.B. Anti-Globalisierung, Anti-Krieg, Tier- und Umweltschutz
  • Laut Verfassungsschutzbericht 2014 Wandel von einer eigenen Gruppierung zu einer "Trendmarke", die überall in der Neonazi-Szene übernommen wird

Bürgerinitiativen

  • Versuch der Neonazis, durch ein bürgerlich-gemäßigtes Auftreten mehr Zulauf zu bekommen
  • Beispiele rechtsextremer Gründungen / Dominanzen: „Bürgerinitiative Schöner Wohnen in Wolgast“ (gegen eine Flüchtlingsheim)
  • "Initiative für eine gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See“ (Versuch, über den Anti-Gentechnik-Ansatz Kontakt zu Menschen außerhalb des rechtsextremen Spektrums zu bekommen)

Vereine

Rechtsextreme Aktivitäten

Parlamente

  • Aktuell ist die NPD nicht im Bundestag vertreten.
  • Aber dafür ist die NPD in 2 Landtagen vertreten (Sachsen, 8 Mandate, Mecklenburg-Vorpommern, 6 Mandate)

Kommunalpolitik

  • Die NPD ist mit rund 330 Mitgliedern in Kommunalparlamenten in 14 Bundesländern (alle außer Bremen und Hamburg) vertreten
  • Pro NRW ist mit 17 Personen in Kommunalparlamenten in Nordrhein-Westfalen vertreten

Soziale Frage / "Kümmerer"

  • Bürgerbüros
  • Hausaufgabenhilfen für Schüler
  • Feste in ländlichen Gegenden, wo es wenig Aktivitäten gibt
  • Engagement in Bürgerinitiativen

Jugend- und Subkulturen

  • 182 rechtsextreme Bands in Deutschland kennt der Verfassungsschutz (2011: 178, 2010: 165, 2009: 151)
  • Rechtsextreme Liedermacher und Liedermacherinnen: 23 (2011: 22, 2010: 29, 2009: 33)
  • 78 rechtsextreme Konzerte (2012: 82, 2011: 131, 2010: 128, 2009: 125)
  • Rechtsextreme Liedermacher-Abende: 47 (2012: 17)
  • Rechtsextreme Bands oder Gruppierungen gibt es in nahezu allen jugendlichen Subkulturen, neben Rock, Heavy Metal, Volksmusik, Liedermacher z.B. HipHop, Techno; aktuell besonders verbreitet: NS-Hatecore (NSHC), NSBM (National Socialist Black Metal)

Erlebniswelt / Parallelwelt Rechtsextremismus

  • - 87 rechtsextreme Versände und Musikvertriebe (2008: 68)
  • - 28 rechtsextreme Verlage: bringen 91 rechtsextreme Publikationen heraus, die mindestens quartalsweiseerscheinen; auch Bücher, DVDs
  • - Clubs und Partys
  • - Hobby: Tanzgruppen, Geschichtsvereine
  • - Handwerksbetriebe, Bauernhöfe

Internet

  • 2013: Mehr Aktivitäten in Sozialen Netzwerken als Internetseiten (2012: 950 rechtsextreme Internetseiten, 2011: 1.600, 2010: 1.872)
  • Websites von Gruppierungen und Parteien, Informationsportale
  • Einfacher Zugang zu rechtsextremer Musik, Videos, Propagandamaterial
  • Auch skurrile Zugänge (Humor, Sprühschablonen, Nazi-Flirtbörsen)
  • Beiträge in Sozialen Netzwerken: 2013: Zu viele, um sie zu zählen (2009 = 2.000 beobachtete Beiträge, 2010 = 6.000 beobachtete Beiträge).

Schule

  • - Spezielle Angebote, um Schüler zu begeistern: Schulhof-CDs mit rechter Musik, Comics, (Schüler-) Zeitungen
  • - Mailings oder Briefe an Schülervertreter*innen
  • - Engagement in sozialen Netzwerken im Internet, die Schüler besuchen

Demonstrationen

  • Gesamt 2013: 241 (2012: 211, 2011: 167, 2010: 148, 2009: 143)
  • Von der NPD angemeldet: 95 (2012: 116)
  • Von Neonazis angemeldet: 85 (2012: 95)
  • Von Pro NRW angemeldet: 30 (zumeist klein)
  • Von "Die Rechte" angemeldet: 31 (zumeist klein)

Straf- und Gewalttaten

  • 184 Todesfälle rechtsextremer und rassistischer Gewalt nach 1990 (Zählung der Amadeu Antonio Stiftung; Innenministerium: 63)
  • Rechtsextreme Straftaten: 16.557 (2013: 17.134, 2012: 17.134, 2011: 16.142, 2010: 15.905, 2009: 19.468; 2008: 20.422)
  • Davon rechtsextreme Gewalttaten: 801 (2012: 802, 2011: 755, 2010: 762, 2009: 959; 2008: 1.113), davon 704 Körperverletzungen
  • Propagandadelikte: 11.639 (2012: 12.216, 2011: 11.401, 2010: 11.384, 2009: 13.295)
  • Volksverhetzung: 2.931 (2012: 2.789, 2011: 2.464, 2010: 2.279, 2009: 2956)
  • In absoluten Zahlen gab es 2013 die meisten rechtsextrem motivierten Gewalltaten in NRW (192), es folgen Berlin (81), Niedersachsen (73), Sachsen (67), Bayern (66), Sachsen-Anhalt (58), Brandenburg (44) und Thüringen (44), Rheinland-Pfalz (36), Baden-Württemberg (35), Hamburg (32); Mecklenburg-Vorpommern (31), Schleswig-Holstein (26), Hessen (12), Saarland (2) und Bremen (2).

| Chronik rechtsextremer Gewalt auf mut-gegen-rechte-gewalt.de und ab 2014 auf netz-gegen-nazis.de

Sport

  • Überschneidungen zwischen der Hooligan-Szene im Fußball und Rechtsextremen
  • Wahrnehmungs-Problem: Oft erscheint politisch motivierte Gewalt als „Rivalität unter Fans“
  • Fanclubs und Vereine werden z.T. auch gezielt unterwandert, es gibt sogar rechtsextreme Fußballvereine
  • Rassismus und Antisemitismus sind in unteren Ligen Alltag
  • Deutscher Fußballbund engagiert sich, um dem entgegen zu treten

Warum werden Menschen rechtsextrem?

Darüber forscht die Wissenschaft noch kontrovers und kommt auf diverse Faktoren, die als sich ergänzend verstanden werden müssen.

Als Grundmuster ist zu erkennen: Wer selbst keine Anerkennung erfährt, versucht sie sich dadurch zu besorgen, dass er andere abwertet, um sich selbst aufzuwerten. Außerdem bieten rechtsextreme Einstellungen mit ihrem starren Weltbild scheinbar einfache Erklärungsmuster für komplexe Lebensprobleme, denn Schuld ist immer jemand anders. Dazu kommt, Menschen als ungleichwertig anzusehen und sich daraus das Recht abzuleiten, anderen Gruppen Menschenrechte abzusprechen - sogar durch Gewalt und Mord.

Rechtsextreme Einstellungen helfen:

  • sich in einer komplexen Welt zu orientieren und einen Platz zu finden
  • eine Identität zu finden
  • sich eine komplexe Welt zu erklären
  • Verantwortung für Probleme auslagern und abschieben zu können

Rechtsextreme Welterklärungsmuster liefern einfache scheinbare Verantwortliche für Probleme wie

  • das Gefühl eines sozialen Abstiegs
  • das Gefühl, unbedeutend zu sein und nur noch als Randgruppe wahrgenommen zu werden
  • das Gefühl, nicht mehr zur Gesellschaft zu gehören
  • das Angst vor einer unsicheren gesellschaftlichen wie wirtschaftlichen Zukunft.
  • Wer andere abwertet, fühlt sich selbst dadurch aufgewertet.

Dazu kommt die Unzufriedenheit mit wirtschaftlich-sozialen und politisch-kulturellen Verhältnissen (Einheit, Demokratie, Zukunftspersepktive). Und als Persönlichkeitseigenschaften Ich-Schwäche, Autoritarismus, Dogmatismus und Konventionalismus.

Gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit in Europa

  • Europaweit gibt es hohe Zustimmungsraten zu
    Islamfeindlichkeit (50%)
    Fremdenfeindlichkeit (50%)
    Antisemitismus (40%)
    Rassismus (30%)
  • In den östlichen Ländern Europas (untersucht wurden Polen und Ungarn) waren die Zustimmungsraten eher überdurchschnittlich.
  • Deutschland liegt im Mittelfeld.

Quellen:
- Verfassungsschutzbericht 2013 (pdf zum Download)
- Verfassungsschutzbericht 2012 (pdf zum Download)

- Verfassungsschutzbericht 2010 (pdf zum Download)
- Verfassungsschutzbericht 2009 (Download)
- Pressematerialien zur Vorstellung der Studie "Deutsche Zustände. Band 8", hrsg. von Wilhelm Heitmeyer
- Studie "Europäische Zustände" von Andreas Zick
- diverse Presseberichte
"Kleine Anfragen" im Bundestag von Petra Pau
- Richard Stöss: Rechtsextremismus im Wandel. Friedrich-Ebert-Stiftung Berlin, 2010.
- Oliver Decker, Elmar Brähler: Die stabilisierte Mitte. Rechtsextreme Einstellungen in Deutschland 2014 (pdf zum Download)

Mehr auf netz-gegen-nazis.de:

| Artikel zu Verfassungsschutzberichten

Erstveröffentlicht am 30.05.2010. Zuletzt aktualisiert am 19.06.2014

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