Screenshot von amazon.de: Rechtsextreme nutzen gezielt die Kommentarspalten, um Propaganda zu verbreiten.
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Rechtsextreme Kommentare machen Amazon zur Plattform für rechte Propaganda

Ein T-Shirt mit der Aufschrift “Black Metal gegen Antifa“ oder eine Live-DVD der Band “Kategorie C“? Mit wenigen Klicks bestellbar. Amazon macht rechte Propaganda einer breiten Käufer*innen-Schicht bequem verfügbar – und schützt seine User*innen nur unzureichend gegen die Agitation von Rechtsextremen, die zunehmend und gezielt die Kommentarspalten des Versandhändlers kapern.

Von Joschka Fröschner

Das der Versandhändler Amazon immer wieder einmal Erzeugnisse verkauft, die rechtsextremes Gedankengut verbreiten, ist bekannt. Das American Jewish Committee  stellte 2009 gar eine Strafanzeige gegen das Versandhaus. Eine neue Dimension erlangt die Thematik allerdings dadurch, dass rechtsradikale Nutzer*innen mittlerweile die Bewertungsfunktion der einzelnen Artikel nutzen, um gezielt für ihre Sache Stimmung zu machen. Trotz aller Kritik hält Amazon an der Position fest, ausschließlich strafrechtlich relevante Veröffentlichungen nicht zu vertreiben, da die Möglichkeit der Prüfung aller Inhalte nicht gegeben sei. Dies bestätigte auch Amazons Pressesprecherin Christine Höger gegenüber dem Blog „Störungsmelder“: „Amazon ist ein Händler, keine Regulierungsinstitution. Deswegen werden Kunden bei uns auch in Zukunft Titel finden, in denen bedenkliche Inhalte bezüglich des Nationalsozialismus geäußert werden.“ Gegenüber netz-gegen-nazis.de war Amazon nicht in der Lage, zeitnah eine Stellungnahme abzugeben. Es ist wenig verwunderlich, dass sich auch heute noch jede Menge Publikationen aus dem Spektrum der „Neuen Rechten“ und aus dem Lager der NS-Revisionist*innen im Bestand von Amazon finden. In deren Kielwasser schwimmen neuerdings auch eine größere Anzahl sehr aktiver rechtsextremer Kommentator*innen, die die Bewertungs- und Kommentarfunktion der Artikel nutzen, um deren Inhalte zu bewerben. Dabei wird generell versucht, den Anschein zu erwecken, dass es sich bei einschlägigen Büchern um seriöse Publikationen handelt. Diese Problematik beschreibt auch einer der Kommentator*innen, die sich gegen rechte Hetze bei Amazon wehren: “Die Rezensions- und Kommentarspalten von Amazon sind insofern eine Besonderheit, dass es nicht irgendein obskures Blut- und Boden-Forum ist, in das sich sowieso kein normaler Leser verirrt, sondern eins der größten deutschsprachigen Online-Foren. Wenn dort rechtsextreme Hetze und einschlägige Geschichtslügen unwidersprochen stehen, und dann noch mit massenhaft positiven Bewertungen und Hilfreich-Votes versehen sind, muss das jedem vielleicht etwas unerfahrenen Leser als seriös erscheinen”.

Antisemitische Propaganda – angeblich wissenschaftlich belegt

So werden antisemitische Kommentare, in denen etwa den Juden eine Mitschuld an ihrer Verfolgung im Dritten Reich gegeben wird, oder gar die Behauptung aufgestellt wird, dass das “Weltjudentum dem Deutschen Reich den Krieg erklärt” habe, bevor “auch nur einem Juden ein Haar gekrümmt” worden sei, mit Verweis auf wissenschaftliche Publikationen abgesichert. Ein Kronzeuge der Rechten ist hierbei der US-amerikanische Psychologe Professor Kevin B. MacDonald. Dieser vertritt unter anderem die These, dass Juden spezielle genetische Prädispositionen besäßen, die genutzt würden, um die Macht und das Selbstbewusstsein nicht-jüdischer Mehrheiten zu unterlaufen. In akademischen Zirkeln ist MacDonald weitestgehend isoliert, der akademische Senat seiner Universität hat sich von ihm distanziert, und laut der amerikanischen “Anti Defamation League” stehen seine Thesen in der Tradition antisemitischer Publikationen des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts. MacDonald publiziert unter anderem für den extrem rechten Verlag “Counter Currents Publishing”, dessen Veröffentlichungen ebenfalls über Amazon erhältlich sind. Auf der Verlags-Website finden sich unter anderem Huldigungen für Sir Oswald Mosley, dem Gründer der britischen faschistischen Parteien  “British Union of Fascists“ und  “National Socialist League“ oder für die griechische rechtsterroristische Bewegung “Goldene Morgenröte”. User*innen, die auf die Unhaltbarkeit der These hinweisen, dass der Antisemitismus während der NS-Zeit nur eine “Reaktion” gewesen sei, werden dann mit Verweis auf die “wissenschaftlichen Erkenntnisse” MacDonalds abgekanzelt- und ihnen nahegelegt, sie sollten sich mit dessen “Forschungen” auseinandersetzen.

Diffamierung bei Widerspruch

Andere Strategien von rechten Kommentator*innen auf “Amazon.de” sind allerdings vielfach konfrontativer. Ein User, der sich gegen die in einer Bewertung aufgestellte Behauptung verwahrt, Juden würden auf Grund der Lehre des Talmuds zur Pädophilie neigen, sieht sich nun seinerseits der Anschuldigung ausgesetzt, er selber würde Pädophilie “protegieren”. Dass die Verknüpfung von antisemitischer Hetze und dem Vorwurf der Pädophilie zufällig geschieht, darf bezweifelt werden. Schließlich ist die Forderung nach drastischen Strafen bei Kindesmissbrauch ein zentrales Vehikel für neonazistische Kampagnen, durch welches die breitere Bevölkerung erreicht werden soll. Desweiteren werden User*innen, die versuchen, rechte Propaganda als eben solche zu entlarven, unter anderem als “geisteskrank”, therapiebedürftig, und als die “wahren Faschisten” diffamiert. Auch zu subtilen Gewaltandrohungen ist es schon gekommen. So sollen die Gegner*innen der Rechtsextremen eingeschüchtert werden, um sie vom Kommentieren abzubringen. Ein rechter Kommentator zitiert unter ausdrücklicher Zustimmung aus dem angeblich autobiographischen Pamphlet von Jack Bernstein “Das Leben eines amerikanischen Juden im rassistischen, marxistischen Israel”: “Das Endziel der Zionisten ist eine Eine-Welt-Regierung unter der Kontrolle der Zionisten und der zionistisch ausgerichteten jüdischen internationalen Bankiers”. Diese klassische neonazistisch-antisemitische Verschwörungstheorie wird anschließend mit Verweis auf Bernsteins jüdischen Glauben verteidigt, und jegliche Kritik an ihr als antisemitisch bezeichnet und mit Strafanzeigen wegen angeblicher Volksverhetzung gedroht. Dabei ist offen, ob Jack Bernstein tatsächlich jemals existiert hat. Der Verdacht liegt nahe, dass das Buch einzig mit dem Ziel veröffentlicht wurde, antisemitischer Propaganda einen legitimen Anschein zu geben. Ursprünglich veröffentlicht wurde es nämlich im Verlag “Noontide Press”. Dessen Gründer Willis A. Carto ist vor allem für die Leugnung des Holocausts bekannt, und gilt als einer der einflussreichsten US-amerikanischen Antisemiten der vergangenen 50 Jahre. [Quelle: ADL]  In Deutschland wurde Bernsteins Buch beim Lühe-Verlag veröffentlicht, der hauptsächlich der Verbreitung der Ansichten der extrem rechten völkischen Ludendorffer dient. [Quelle: apabiz]

Auf die Diffamierungen ihrer User*innen und die Veröffentlichung rechter Propaganda auf ihrer Webpräsenz durch rechtsextreme Kommentator*innen reagiert Amazon spät oder gar nicht. Oben stehende Beispiele sind teilweise auch Monate später weder gelöscht noch moderiert worden – geschweige denn, dass einschlägig auffällige Kommentator*innen von Amazon gesperrt werden würden. Es stellt sich die Frage, ob hier für Amazon die Verkaufszahlen Vorrang vor dem Schutz anderer vor rechtsextremer Propaganda haben.

Vom NS-Revisionismus zum Überlebensmesser

Die Aktivitäten rechter Kommentator*innen beschränken sich nicht auf das Themenfeld “Antisemitismus”. Wer die Beiträge der betreffenden Rezensent*innen verfolgt, stößt auf eine ganze Melange klassisch neonazistischer Argumentationsstränge. So verkündet etwa ein User in seiner Rezension des Buches “Der Zweite Dreißigjährige Krieg 1914 - 1945: Der Untergang des Abendlandes”: “Die These von der Schuld Deutschland [sic!] am Zweiten Weltkrieg ist widerlegt!”. Ein weiterer Rezensent erklärt, dass einige Personen “die islam(ist)ische Masseneinwanderung förderten, “weil sie Deutschland und die deutsche Kultur hassen”, um gleich im Anschluss zur Sache zu kommen: “Viele Linksgrüne wissen sehr genau, dass ohne Deutschlands Standhaftigkeit in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts der Sozialismus (Stalin) Europa militärisch niedergeworfen hätte”. An anderer Stelle wird Bedauern über die Inhaftierung des Holocaustleugners Horst Mahler geäußert, welche als Anzeichen für eine “politisch korrekte Meinungsdiktatur” gesehen wird.

Wahre Begeisterungsstürme bei Rechtsextremen und eine Vielzahl von bewerbenden Rezensionen lösen die Veröffentlichungen der “Edition Antaios” aus, welche ebenfalls der Neuen Rechten zugeordnet wird. Zu den Veröffentlichungen gehören beispielsweise Texte  von Armin Mohler, einem Schweizer, der 1942 desertierte, um sich der SS anzuschließen. Nach dem Krieg arbeitete Mohler als Privatsekretär von Ernst Jünger, und ließ sich noch 1995  auf die Frage, ob er Hitler noch immer bewundere, mit der folgenden Antwort zitieren: “Was heißt bewundern? Er hat immerhin eine richtige Führung geschaffen. Die Kader, die er heranzog, hatten Stil.“ [Quelle: heise.de] Zu ihm heißt es in einem Kommentar auf Amazon: “Armin Mohler wollte Deutschland helfen.[...]. Ich stehe voll hinter ihm.”

Auch die anderen Titel der “Edition Anataios” sprechen oft für sich: “Die liberale Gesellschaft und ihr Ende: Über den Selbstmord eines Systems”, “Zurüstung zum Bürgerkrieg”, oder “Europa verteidigen. 10 Texte”. In letztgenannter Publikation kommt auch “Fjordman” zu Wort, jener Blogger, dessen islamfeindliche Texte der neonazistische Attentäter Anders Breivik zur Rechtfertigung seiner Morde in großem Umfang übernahm. So kann es auch nicht überraschen, dass User*innen, die sich durch die Publikationen von “Edition Antaios” und “Counter Currents Publishing” klicken, die Mitteilung erhalten: “Kunden, die Artikel gekauft haben, welche sie sich kürzlich angesehen haben, kauften auch: “39,4 cm Überlebensmesser”“. So harmlos, wie Amazon den Vertrieb rechter Propaganda findet, ist er also nicht.

Rechte Strategien und überforderte Moderation

Die Rezensions- und Kommentarbereiche von Amazon werden also gezielt für die Verbreitung rechtsradikaler Propaganda genutzt. Hierfür eignen sie sich besonders gut, weil es von der überwiegenden Mehrheit der User*innen kaum Widerspruch gibt, wie die Wenigen, die sich dort engagieren, feststellen müssen. Sie stoßen auch auf weitere Probleme: Wer auf Amazon gezielt für seine rechtsextreme Weltanschauung Werbung machen möchte, nutzt oft einen getarnten Account. Die Benutzer*innen, die zufällig auf solche Äußerungen stoßen und ihnen etwas entgegnen möchten, sind hingegen häufig unter ihrem Klarnamen registriert und daher angreifbar. Die rechten Kommentator*innen setzen darüber hinaus die Nutzerfunktionen der Amazon-Plattform strategisch ein. Neben des “Lobens” rechtsextremer Äußerungen durch das als “Hilfreich”-Bewerten wird durch negative Bewertungen dafür gesorgt, dass Kritik an rechter Hetze für andere User*innen ausgeblendet wird - weil sie angeblich nicht zur Debatte beitrügen. Trotzdem setzen sich einige User*innen ausdauernd mit der rechten Propaganda argumentativ auseinander, während Amazon sie dabei alleine lässt. Die Qualität der Moderation müsste, so ein kritischer User, massiv verbessert werden. Bisher seien viele Moderator*innen dort offensichtlich bei geschichtlichen und gesellschaftlichen Themen heillos überfordert. Zudem fehle ein fester Ansprechpartner seitens Amazon.de bei Problemen und Übergriffen, da bisher Beschwerden immer von unterschiedlichen Mitarbeiter*innen bearbeitet würden, welche auch daher nie für Rückfragen und Stellungnahmen zu erreichen seien. Ein weiterer User bemängelt, dass bei Amazon nichts ohne Druck von außen ginge, während die Seite sukzessive von “Rechten” gekapert werde. Dadurch entstehe eine - vom Namen her - unverfängliche Plattform für rechte Stimmungsmache.

In Anbetracht der hier dokumentierten Vorgänge muss man den beiden Usern zustimmen. Es besteht die unbedingte Notwendigkeit, dass Amazon – über die Frage des Vertriebs rechter Publikationen hinaus – Position gegen rechte Hetze auf ihren Seiten bezieht, diese verhindert,  und somit Maßnahmen dafür ergreift, dass User*innen in Zukunft besser vor antisemitischen und neonazistischen Ausfällen geschützt werden.

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