Rechtsextreme interessieren sich für die Electro-Szene – aber diese nicht für sie

Immer wieder versuchen Rechtsextreme, auf Jugendkulturen Einfluss zu nehmen. Sogar innerhalb der elektronischen Musikszene, die bekannt ist für Weltoffenheit und Toleranz, gab es Versuche von Seiten der Rechtsextremen, rassistische und ausgrenzende Ideologie zu verbreiten. Die Anknüpfungspunkte sind allerdings weit hergeholt und werden innerhalb der Szene kaum geteilt.

Von Dana Fuchs

„The Loveparade is not dead“ – Unter diesem Motto wurde in Bremerhaven für den 1. Mai 2011 eine Demonstration angemeldet. Noch rechtzeitig bemerkte die Stadtverwaltung allerdings, dass der Demo-Anmelder zur rechtsextremen Szene gehört. Unter dem Deckmantel der tragischen Geschehnisse in Duisburg versuchte dieser, eine in rechtsextremen Kreisen übliche 1.Mai-Demo zu veranstalten.

In Duisburg selbst versucht momentan die rechtspopulistische Bürgerbewegung „Pro NRW“ die Opfer der Loveparade für ihre eigenen Zwecke zu nutzen. Mit plumpen Parolen mischen sich die Rechtspopulisten in die aktuelle Diskussion ein und fordern unter anderem die Amtsenthebung des Oberbürgermeisters Adolf Sauerland (CDU).

Rechtsextreme interessieren sich für die Electro-Szene – aber diese kaum für sie

Dieses Vorgehen ist eine oft verwendete Strategie unter Rechtsextremen – immer wieder benutzen Neonazis Debatten über bestimmte Ereignisse zur Verbreitung ihrer eigenen Thesen.
Neben aktuellen politischen Themen, werden allerdings auch immer wieder Jugendkulturen oder Musikrichtungen dazu verwendet, um rechtsextreme Meinungen zu verbreiten und so neue Anhänger zu gewinnen. „Rechtsextreme bedienen sich gerne bei allen Musikrichtungen, um Jugendliche durch Musik auf ihren Gesinnungsweg zu locken“, sagt Monika Kruse, bekannte DJane der elektronischen Musikszene. So gab es auch in der Electro-Szene immer wieder Versuche rechtsextremer Einflussnahme, obwohl sie grundsätzlich für Weltoffenheit, Toleranz und Akzeptanz bekannt ist. Die Wahrnehmung rechtsextremer Aktivitäten ist allerdings durchaus unterschiedlich. Grundsätzlich ist es hier aber eher ein Randproblem.

Der bekannte DJ Dr. Motte verneint im Interview mit netz-gegen-nazis.de das Vorhandensein von Rechtsextremen in der Szene komplett. DJ Doorkeeper beschreibt dagegen in dem Szene-Magazin „Groove“ andere Beobachtungen. In den letzten Jahren hat er eine leichte Verschiebung des Klimas und der Ästhetik in den Clubs nach rechts wahrgenommen.

„Weder amerikanisch noch schwarz noch britisch dominiert“

Auch die Rechtsaußen-Zeitung „Junge Freiheit“ (JF) griff in den letzten Jahren immer wieder das Thema Electro-Szene auf. So kürte sie Ernst Jünger, Autor des Weltkriegs-Tagebuchs „In Stahlgewittern“, zum „ersten deutschen Raver“. In einem anderen Artikel gibt es eine einladende Beschreibung des „Berghain“, eines beliebten Szene-Clubs in Berlin. Warum sich die Junge Freiheit für die Elektro-Szene interessiert und hier Potenzial sieht, beschreibt sie in einem weiteren Artikel folgendermaßen: „Eines ist jedenfalls klar. Die neu entstehenden Subkulturen sind alles andere als links politisiert. Sie definieren ihre ‚Gegner’ auch über die staubtrockene, problembeladene Betroffenheitskultur der Alt-68er-Autoritäten“. Die Redakteure der JF sehen die Electro-Szene als modernen Aufruf gegen 68 und linke Ideale: DJs werden zu „Schamanen“, die in den Clubs, den „heiligen Tempeln“, eine „freie Zone“ errichten und über die aufgelegten Platten „Kommandos“ an die Zuhörer richten. Electro-Veranstaltungen als „Rausch der Masse“, auf denen sich die Besucher als „Stamm, als Sippe – gar als Kampfesgemeinschaft wider der Gesellschaft“ fühlen, so zumindest sieht die „Jungen Freiheit“ die Szene. Ähnlich euphorisch äußert sich Christian Böhm-Ermolli, ehemaliger Funktionär des Ring freiheitlicher Jugend, in der „Jungen Freiheit“ über die Electro-Szene: Techno ist „die erste Jugendkultur im deutschen Raum seit dem Zweiten Weltkrieg, die weder amerikanisch noch schwarz noch britisch dominiert ist“.

Ist Gabber rechtsextrem?

Ein Subgenre in der Electro-Szene, welches immer wieder mit rechtsextremen Einflüssen zu kämpfen hat, ist Gabber. Gabber ist ein extrem schneller und harter Sound und entstand in der niederländischen Hooligan-Szene. Martialisch wirkt auch das Aussehen der Genre-Anhänger: Sie sind meist kahlköpfig, tragen gern Bomberjacke.
Die politische Ausrichtung des Genres ist nicht ganz eindeutig. Auch in Internetforen löst diese Frage immer wieder eine hitzige Diskussion aus. So finden sich neben Einträgen wie: „Als gabber möchte ich sagen das es LEIDER einen rechten beigeschmack in unserer szene gibt. obwohl ich sagen muss kein RICHTIGER Gabber ist rechts“, auch welche die einen eindeutigeren Ton haben: „gabber ist nazi- und hooliganmusik. so ist das und so wird das auch immer sein. UND DAS IST GUT SO“.

Auch fallen immer wieder DJs in der Gabber-Szene auf, die mit rechtsextremen Assoziationen spielen oder einen rechtsextremen Hintergrund haben. Dazu zählen beispielsweise Komprex und Frazzbass mit dem Track „Die Nigga Die“, Powerstation Holocaust, DJ Skinhead, DJ Whipo (Kürzel für White Power), ADR (Aryan Dance Resistance), aber auch DJ Adolf. Spezialität von DJ Adolf sind verzehrte Hitler-Reden, die er unter seine Beats legt. DJ Vojeet bringt zwar Titel wie „Tausendjähriges Reich“ oder "Hitler 2010" heraus, weist aber einen rechtsextremen Hintergrund von sich. Dass die Hörerinnen und Hörer hier oft andere Assoziationen haben, zeigt dagegen ein verschwörungstheoretisch-antisemitischer Videoclip dazu auf Youtube.

Ob und wie verbreitet allerdings rechtsextreme Gabber-Musik ist, und wie sie in die Szene wirkt, ist unklar. Auch namhafte Künstler der elektronischen Szene sind vorsichtig in ihrem Urteil. So warnt Dr. Motte davor, alle Menschen über einen Kamm zu scheren und findet wichtig, nichts herbeizureden. Ähnlich sieht es Monika Kruse: „Zwar wird immer wieder gemunkelt, dass Gabber viele rechtsextreme Zuhörer hat, aber ich kenne auch viele, die diese Musik hören und weit weg von rechtsextremer Gesinnung sind“. Das rechtsextreme DJs in etablierten Clubs auftreten, kann sich Monika Kruse nicht vorstellen: „Das ist undenkbar. So etwas kann sich ein Veranstalter einfach nicht leisten“. Allerdings, räumt sie ein: „Gabber findet auch viel im Untergrund statt und da ist es natürlich schwer nachzuvollziehen, wer kommt und da feiert“.
Doch auch, wenn rechtsextreme Einflussnahme auf die Gabber-Szene gering sein mag: Gut, weil deutlich, ist immer eine aktive Positionierung. So wehren sich immer wieder Gabber-Anhänger gegen eine rechtsextreme Unterwanderung. So wurde vor einiger Zeit das Symbol „United Gabbers against Racism and Fascism“ entwickelt, damit Szene-Anhänger sich klar positionieren können. Außerdem entstanden einige Tracks gegen Rechtsextremismus, so unter anderem „Time to make a stand“ von Hardcore United. Zudem wird versucht, einer rechtsextremen Einflussnahme auf großen Gabber-Veranstaltungen wie dem Thunderdome oder dem Megarave-Festival entgegenzuwirken, indem das Zeigen jeglicher Zeichen der rechtsextremen Szene verboten ist.

Aktiv werden Neonazis in der Electro-Szene selten gesichtet – und nicht geduldet

Ähnliches galt auch für die Loveparade: Parteien und anderen politischen Gruppen war es verboten, Flyer oder ähnliches zu verteilen. Doch nicht nur auf Großveranstaltung, auch beim Feiern in kleinen Clubs scheinen Neonazis eher seltene Gäste zu sein: „Auf Partys habe ich noch nie mitbekommen, dass Rechtsextreme darunter waren“, so Monika Kruse. Ähnliche Erfahrungen teilt Dr. Motte: „Bei mir ist so etwas noch nicht vorgekommen. Sollten wir so was mitkriegen, werden wir angemessen reagieren“.

‚Angemessen reagiert’ hat vor 10 Jahren auch Monika Kruse: Als es zur damaligen Zeit immer wieder zu Anschlägen gegen Asylbewerber und deren Wohnheime, aber auch gegen Kollegen kam, gründete sie die Initiative „No Historical Backspin“. Mit dem Projekt positionieren sich DJs und DJanes offen gegen Rechtsextremismus, Rassismus, Intoleranz und Gewalt. „Ich wollte mit der doch eher sprachlosen Musik eine Stimme erheben für Weltoffenheit und ein friedliches Miteinander“, beschreibt Monika Kruse ihre Gründungsmotivation. Das Konzept des Projektes ist seit der Gründung gleich geblieben: Bekannte DJs und Live Acts legen umsonst auf, um dann die Einnahmen Betroffenen rechtsextremer Gewalt zugute kommen zu lassen. Gespendet wird das gesamte Geld an den Opferfond CURA der Amadeu Antonio Stiftung. Die Charity-Partys finden vor allem dort statt, wo Jugendfreizeiteinrichtungen rar sind und meist von Neonazis geleitet bzw. okkupiert sind. „Solche ‚heißen Gebiete’ liegen leider meist in Ostdeutschland. Wir wollen die dort lebenden Jugendlichen unterstützen und ihnen zeigen, dass es auch andere Kulturen gibt. So nach dem Motto: Ihr müsst nicht mit Nazis feiern. Hier ist nicht alles rechts“.

„Ihr müsst nicht mit den Nazis feiern“

Neonazis sind in der elektronischen Musikszene eher als vereinzelte Fans vertreten und nehmen keinen großen Einfluss auf die Szene. Monika Kruse beschreibt die Situation folgendermaßen: „Ich denke, dass wir in der elektronischen Musikszene kein Problem mit Rechtsextremismus haben. Es gibt sicher Hörer und Produzenten mit rechtsextremer Gesinnung, aber die sind zum einen in der Unterzahl und zum anderen können sie sich aufgrund des Szenecharakters nicht offen zeigen“. Der Charakter der Szene ist sehr „liberal und open minded und in keiner Weise rechts: Die Künstler kommen auch aus allen Teilen der Welt. Dies übt einen großen Einfluss auf die Szene und ihre Hörerschaft aus“. Außerdem machten homosexuelle Raver einen großen Bestandteil der Szene aus. Zudem betont die Electro-Community immer wieder, dass es nicht um Ausgrenzung, sondern um ein Miteinander geht. So bemerkt auch Monika Kruse: „In der Szene ist jeder, egal welche Hautfarbe oder sexuelle Gesinnung er hat, eingeladen, mitzufeiern“. Einen ähnlichen Standpunkt vertritt auch Dr. Motte und stellt ganz klar fest: „Rechtsextreme gibt es bei uns nicht und wenn dem so sein sollte, ist das eine Minorität und verdient deshalb keine öffentliche mediale Plattform. Was allerdings nicht bedeutet, dass man das nicht trotzdem beobachten muss.“

Mehr dazu im Netz:

| No Historical Backspin

| www.gabbers-gegen-rassismus.de

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