Produzieren Nazis Bioessen?

Wer Bio-Produkte kauft, kann sich nicht sicher sein, wen seine Einkäufe da unterstützen: Es gibt tatsächlich völkisch-nationalistische Biobauern, die mit nett-nachbarschaftlichem Auftreten auf NPD-Stimmenfang gehen. Proteste führten bisher bei den Bioprodukte-Vertrieben nicht wirklich zu Reaktionen. Betrachtungen aus Mecklenburg-Vorpommern.

Das Interview führte Simone Rafael.

Eine Arbeitsgruppe, die sich beim Bildungsträger „Soziale Bildung e.V. [SoBi]“ in Rostock eigentlich mit dem Thema Grüne Gentechnik in Mecklenburg Vorpommern beschäftigt, wurde im Rahmen ihrer Recherchearbeit auf das Thema „Rechte Ideologien und Biolandbau“ aufmerksam. (Zur Verwendungen des Begriffs „Rechte“ siehe Nachbemerkung – gemeint sind Menschen mit völkisch-bündisch-nationalistisch-rasstistischem Gedankengut). Mit Simone Rafael sprachen Anja Czerwinski und Linda Wiesenberg.

Gibt es Neonazis im Biolandbau?

Freunde haben uns darauf aufmerksam gemacht, dass es auch Rechte gibt, die ein starkes völkisches und nationalistisches Gedankengut aufweisen, und in der Anti-Gentec-Szene aktiv sind, um dort rechtes Gedankengut zu verbreiten.

Sind das viele?

Es gibt hier völkische Rechte in jedem Handwerk, warum nicht in der Landwirtschaft? Ja, es gibt etliche, gerade aus dem NPD-nahen Umfeld. Ein Beispiel ist die "Initiative für eine gentechnikfreie Region Nebel/Krakow am See“, die von Helmut Ernst mitbegegründet wurde und deren Sprecher er war. Er ist NPD-naher Autor für die „Deutsche Stimme“ und die „Junge Freiheit“. Entsprechend kam anfänglich auch rund die Hälfte der Mitglieder aus dem rechten Spektrum.

Die NPD Mecklenburg-Vorpommern hat aktuell (02/2010) auf der Startseite gleich einen Aufmacherartikel „Gentechnik geht alle an“. Interessant dabei ist: Erst nach rund zwei Dritteln des Textes wird dem Leser oder der Leserin klar, aus welcher Richtung der Autor dieses Textes kommt. Erst im letzten Absatz tritt die völkisch-nationale Ideologie offen zutage.

"Wer sich für den Fortbestand unseres Volkes einsetzt und auch wem das Wohl der „Weltbevölkerung“ am Herzen liegt, muß sich auch mit den Fragen der Nahrungsmittelsicherheit auseinandersetzen. (…) Denn bisher sieht es so aus, daß der einzige Nutzen der Gentechnik darin besteht, daß internationale Saatgut-, Chemie- und Pharmakonzerne damit unvorstellbare Profite erwirtschaften. Und gerade für uns Volkstreue steht nicht die Profitmaximierung im Mittelpunkt unseres Wollens, sondern der Nutzen für unser Volk. (…)" (Zitat NPD MV)

Die Neonazis haben also andere Hintergedanken, wenn sie sich gegen Grüne Gentechnik engagieren?

Ja, die haben einen ganz eigenen Schlüssel. Sie finden Gentec schlecht, weil es schlecht fürs „Volk“ ist und für den „Volksboden“, im Sinne von Blut und Boden. Es sind völkisch-nationalistische Argumentationen. Das sind Themen etwa von Raimund Borrmann, der „Umweltsprecher“ und Landtagsabgeordneter der NPD Mecklenburg-Vorpommern ist.

Reagiert die Umwelt- oder Anti-Gentec-Szene auf solche Übernahme- oder Annäherungsversuche?

In der Krakow-Nebel-Region gab es 2007 Proteste, als die NPD-Mitgliedschaft des Sprechers klar wurde, andere Bündnisse und Parteien haben sich geweigert, mit denen zusammen zu arbeiten. Helmut Ernst ist dann vom Vorsitz zurückgetreten. Aber das Problem ist: Oft sind es ja die Neonazis, die Aktionsbündnisse gründen, selbst Aufrufe starten. Das ist auch nicht aufgesetzt, das sind wirklich überzeugte, ökologieinteressierte, umweltbewusste Menschen – aber sie verfolgen eine völkisch-nationale Zielsetzung.

Gibt es denn wirklich auch völkisch-rechte Biobauern?

Man muss nur einmal – mit ein bisschen Vorkenntnis – in die Produzenten der großen Bioprodukte-Vertreiber wie „Biopark e.V.“ etc. gucken, da findet man viele einschlägig NPD-nahe, bekannte Namen wie Helmut Ernst oder Huwald Fröhlich*. Die produzieren Fleisch, Milch, Gemüse, die ganze Bandbreite.

Gibt es darauf Reaktionen?

Manchmal. Im Kreis Güstrow / Koppelow haben sich einige völkisch-nationalistische, NPD-nahe Familien niedergelassen – zu diesem „Siedlungsprojekt“ hatte 2005 sogar die „Deutsche Stimme“ aufgerufen. Nachbarn fingen an, das Treiben der Neonazis kritisch zu sehen, haben die Lokalzeitung und auch Ökolandbau-Läden über diese Erzeuger informiert. Das Problem ist: Das sind in der Regel keine „platten rechten“ Menschen, deshalb ist es manchmal auf den ersten Blick schwierig, ihre Gesinnung zu erkennen. Erst in intensiveren Gesprächen stößt man auf völkische, ethnopluralistische Argumentationsweisen oder erfährt, wenn man über Parteien spricht, dass sie NPD wählen. Zunächst erscheinen sie bloß als traditionsbewusst.

Wie reagieren Biomärkte oder Bioproduktnetzwerke auf Beschwerden wegen solcher Erzeuger?

Vielen Menschen fällt das erst einmal nicht auf. Die ganze ökologische Bewegung hat, auch wenn wir sie heute oft anders wahrnehmen, zutiefst konservative Wurzeln. Die ersten Umweltschützer im 19. Jahrhundert hatten einen romantisch-antimodernem Hintergrund, im Dritten Reich wurden diese Gedanken völkisch aufgeladen zu den Ideen von „Blut und Boden“. Nach 1945 waren es zunächst konservative Kirchenkreise, die sich um Umweltschutz sorgten. Es gibt also Anknüpfungspunkte für extrem Rechte. Manche Käufer oder Anbieter sind schockiert, wenn sie erfahren, dass sie rechte Erzeuger unterstützen. Allerdings gibt es Käufer oder auch Biomärkte, die es wissen und ignorieren – aus Gleichgültigkeit, aus Hilflosigkeit, oder weil sie meinen: „Aber als Mensch ist der doch so nett.“

Hat es also auch strategische Gründe, dass sich NPD & Co. im Umweltschutzbereich engagieren?

Es ist ein Thema, das in die heutige Lebenswelt passt. Ökologie oder auch Biopolitik interessiert viele. Die lokalen „Autonomen Nationalisten“ aber auch die „Jungen Nationalen“ in Rostock verwenden Umwelt- und Tierschutz-Themen besonders gern für ihre Flyer und Aufkleber, um junge Menschen anzusprechen.

Neben die Neonazis denn nur Themen anderer Umweltschutzgruppen auf – oder haben sie eigene Aspekte?

Die Neonazis sehen eine andere Ursache für die heutigen Umweltprobleme. Ihrer Meinung nach ist die Zuwanderung Schuld, die eine „identitäre Entfaltung des Volkes“ verhindert, zu Überbevölkerung führt und die Leute von ihrer „Scholle“ entfremdet – völkisch-rassistische Argumente.

Was setzt Ihr dem entgegen?

Wir machen Workshops und Diskussionen, um die Menschen zum Nachdenken und wenn möglich auch zum Handeln zu bringen. Wir klären auf, dass es rechtesextreme Produzenten im Biolandbau gibt – denn das ist vielen nicht bewusst. Dann machen wir klar: Wer sich Bio und fair ernähren möchte, aber dabei keine NPD-nahen Produzenten unterstützen möchte, muss aktiv etwas tun. Wir diskutieren: Welche Macht habe ich als Verbraucher oder Verbraucherin? Wenn ich zum Händler, zum Vertrieb gehe? Wieviel Transparenz will ich? Daraus entwickeln sich Strategien für die konkrete Situation vor Ort.

Mehr Info im Internet:

| keine-gentechnik.de/fileadmin/files/Infodienst/Dokumente/09_10_27_nazis_im_maisfeld.pdf

| Störungsmelder: Braune Ökosiedler

Nachbemerkung zur Verwendung des Wortes „Rechte“: Den Interviewten ist es wichtig, auf den Rechtsextremismus-Begriff zu verzichten, da Lesenden oft Gewaltbereitschaft und Randphänomene damit assoziieren. Deshalb wird im Interview der Begriff „Rechte“ genutzt und ist folgendermaßen gemeint: Bei den rechten Ökobauern handelt es sich aber nicht um Leute, die durch Gewalttaten oder Aufrufen dazu auffällig geworden wären. Sie sind eher als völkisch-bündisch bezeichnen mit nationalistischen und faschistischen Zügen zu beschreiben. Sie vertreten völkisches, nationales, ethnopluralistisches, antisemitisches, rassistisches Gedankengut, viele sind auch NPD-nah einzuschätzen, trotzdem ist nicht nachzuweisen, wie viel Menschen tatsächlich auch jetzt noch aktive Mitglieder sind. Die Gefahr im Biolandbau geht eben nicht von den „extremen Rechten“, sondern von den „sympathischen, umgänglichen, umweltbewussten, engagierten“ Menschen aus, die sich erst beim genaueren Betrachten als rechts entpuppen, weil sie nicht damit hausieren gehen.

* Wie der Geschäftsführer Jochen Dettmer von "Neuland" netz-gegen-nazis.de mitteilte, war der Betrieb von Huwald Fröhlich bis zum 31.12.2008 "Neuland"-Betrieb und wurde gekündigt, als der Bioprodukte-Vertrieb von dessen politischen Hintergrund erfuhr: "Wenn wir gewusst hätten, dass er zur Nazi-Szene gehören würde, hätten wir ihn schon eher gekündigt. Wir bitten um Korrektur im Interview, damit nicht der Eindruck entsteht, NEULAND würde das tolerieren." Gern geschehen und danke für die Aufmerksamkeit!

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