Rassisten in Regenjacken: Zwei unserer "Lieblingsplakate" bei der "Pegida"-Demonstration am 22.12.2014 in Dresden. Wer die "Hassprediger" sind, würden die Herren sicher anders beantworten als wir.
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Pegida in Dresden: Zu Gast beim Hass

Bei "Pegida" in Dresden versammeln sich junge und alte Wutbürger und Wutbürgerinnen, junge Männer in Kampfsportmarken neben alten Männern in un-farbenen Funktionsjacken, dazwischen Glitzermützen-Frauen mit Kerzen im Glas, auch einige verstörte Kinder sind dazwischen. Es sind Dresdner und Sachsen, aber auch Hasstouristen aus anderen Bundesländern: Sie alle sehen sich stoisch auf dem dunklen Theaterplatz eine "Show" an, die auch "Politically Incorrect News - Das Musical" heißen könnte. Und sie brüllen, wenn man sie auffordert. Denn wenn sie nicht stumpf stehen, dann sind sie voll Hass. Eine Reportage aus der Kälte. Mit Fotoschau.

Von Simone Rafael

Dresden ist schön in der Vorweihnachtszeit. Leuchtende Weihnachtsmärkte, leckerer Glühwein - und dazwischen wohnt montags der Hass. Viele Leute sind in der Altstadt am 22.12.2014 unterwegs, die meisten bereiten ihr Weihnachtsfest vor, aber tausende haben auch politische Gründe, hier zu sein: Sie wollen zu "Pegida", der rechtspopulistischen, islamfeindlichen Kundgebung der "Patriotischen Europäer gegen Islamisierung des Abendlandes" - oder zur Gegendemonstration. Auch wir von netz-gegen-nazis.de wollen erkunden, wie die Stimmung in Dresden ist. Als erstes fällt auf: Zur Gegendemonstration zu kommen, ist schwer. Aus der Altstadt gibt es nur einen Durchgang zum Kundgebungsplatz, dem Schloßplatz, an allen anderen Stellen hat die Polizei abgeriegelt - Ermutigung zivilgesellschaftlichen Protests sieht anders aus. Zu "Pegida" auf den Theaterplatz zu kommen, ist dagegen leicht: Keine Sperren, keine Kontrollen, hereinspaziert. 

Diese Mischung ist nicht bunt

Um 17 Uhr ist der Theaterplatz noch leer, um 18.15 Uhr dann aber schon ausgesprochen voll: Ein bisschen ungemütlich ist es selbst in diesem milden Dezember an diesem Montagabend, da kommen die "Pegida"-Fans nicht zu früh, aber leidlich pünktlich. Auf dem Platz: Die Mischung aus Wutbürger_innen, die als "bunt" zu bezeichnen eine Farce wäre. Nicht nur wegen ihrer Gesinnung, sondern auch optisch. Es dominieren weiße Männer - die alten in beige-schlamm-grauen Jacken mit unförmigen Mützen auf dem Kopf, die jungen in schwarzen Funktionsjacken oder solchen von Kampfsport-Firmen, gern mit Mützen, die in den "Reichsfarben" schwarz-weiß-rot geringelt sind oder sie als Fans von "Dynamo Dresden" ausweisen. Manche tragen auch offen "Thor Steinar", dann ist wenigstens die Intention des Trägers klar. Die - zahlenmäßig geringer ausfallenden - Frauen auf der Demo changieren zwischen Girlie und Mutti, erstere mit taillierten Steppjacken und Glitzermützchen, letztere haben sich die "Pegida"-Weihnachtstexte schön laminiert, damit keine Flecken darauf kommen. Ein paar bedauernswerte Kinder müssen auch hier in der Kälte verharren und sich langweilen. Ja, einige der "Pegida"-Teilnehmer sehen aus wie Durchschnittsdeutsche. Andere wie Mitläufer auf Nazi-Demos. Und wieder andere wie die, die die Nazi-Demos organisieren.

Defence League- und Länderfahnen

Noch stehen sie alle stoisch, still, wartend um das Reiterstandbild von König Johann herum, einige sind auch drauf geklettert. Es ist windig, da sind alle Fahnen gut zu erkennen, ein beliebtes Accessoire hier: Die Deutschland-Fahnen, vielleicht noch von der WM übrig geblieben, die Länder-Fahnen - Berlin, Brandenburg, Hamburg, Bayern, Schweden - Fahnen der islamfeindlichen "English Defence League" und ihres deutschen Ablegers, der "German Defence League". Viele der Damen haben Kerzen im Glas mitgebracht, schützen sie vor dem Wind: Weihnachtliche Besinnlichkeit, passend zum Motto der heutigen "Pegida"-Kundgebung, denn heute sollen Weihnachtlieder gesungen werden.

"Politically Incorrect News - Die Show"

Und dann: Auftritt Lutz Bachmann. Die Stimmung steigt. Bachmann ist kein genialer Redner, weiß aber sein Publikum zu unterhalten. Was er - und einige Mitstreiter - am 22.12.2014 auf dem Theaterplatz veranstalten, könnte man auch "Politically Incorrect News - Die Show" nennen. Alle Lieblingsthemen von demokratiefeindlichen, rechtspopulistischen, islamfeindlichen Menschen kommen hier vor: Die schlimmsten Presseberichte über "Pegida" der Woche werden prämiert - garniert mit den hier beliebten "Lügenpresse"-Rufen. Schweigeminute für ermordete Kinder in Pakistan. Der Weihnachtsmann kommt auf die Bühne, nachdem doch die "Heuteshow" gesagt hatte, der Weihnachtsmann käme nicht zu "Pegida" - "Hier ist er!" Ohrenbetäubender Jubel. Bei den Weihnachtsliedern ist die Beteiligung - trotz vorher ausgegebener Textzettel - nicht ganz so groß. Es gibt aber einen Vorsänger, der gleicht das auch. Hetze gegen Gauck und Merkel - "Lügenstaat!" Islamische Lieder im Weihnachtsgottesdienst - "Wir sind das Volk". Die Bedürfnisse werden bedient. Ein holländischer Redner spricht über die angebliche Gefahr der "Islamisierung". Der französischstämmige Leipziger Stephane Simon ist für die Hetze da: Bei seinen Themen, seinem sexistischen und rassistischen Vokabular, seiner Stilisierung als Verfolgter in einem unfreien Land, seinem Antiamerikanismus - er ist aus der "Friedensbewegung" bekannt, berichtet #Pegida-Watch - ist der Rechtsextremismus dann nicht mehr weit. Da muss selbst ein Pegida-Moderator kommentieren: "Das war jetzt etwas heftig." Pause. "Aber es stimmt ja." Jubel.

Sie brüllen. Was würden sie noch tun?

Simon erreicht auch den Orgasmus der Veranstaltung. Die Abstände zwischen den "Lügenpresse"-, "Wir sind das Volk"- und "Lügenstaat"-Runden werden immer kürzer. Man muss sie sich vorstellen wie verbale La-Ola-Wellen, sie schwellen an, erreichen kurz Orkanstärke, flauen dann schnell wieder ab. Je mehr Schreirunden es gibt, desto aggressiver werden die Stimmen. Schließlich brüllt Simon: "Und wir wollen lieber Syrer als die deutschen Idioten von der rotlackierten SAntifa da drüben!" Da gibt es kein Halten mehr vor Begeisterung. Wir stehen in der Mitte der Menge, es ist gruselig. Wenn der jetzt den rechten Arm heben würde, wären hier - im emotionalen Ausnahmezustand der Situation - sicherlich viele dabei. Auf alle Fälle die Mutti mit den laminierten Liedtexten hinter uns. Wenn er zu Gewalt aufrufen würde, auch - das wäre eher was für die kurzrasierten, aufgepumpten Herren vor uns. Er ist so schlau, es nicht zu tun. Ich frage mich, ob die Menschen an den Rändern der Veranstaltung hier ahnen, was die Menschen in der Mitte brüllen und mit welchem Hass. Später stehen wir am Rand. Dort brüllen sie auch. Auch dort gucken sie uns an, wenn wir es nicht tun. Das Erlebnis heißt "Hass". Hass auf alles, was als "anders" definiert wird. Oder, so hat man manchmal den Eindruck: Das, was hier als "anders" präsentiert wird. Mitdenken ist nicht so beliebt. Sonst würden die Widersprüche auffallen.

Immerhin...

Immerhin ist die Gegendemonstration gut zu hören. Sie besteht - im Gegensatz zum Hasstourismus bei der "Pegida" - aus Dresdnerinnen und Dresdnern, denn hier ist zwei Tag vor Weinachten kaum noch jemand angereist. Die demokratische Gegenwehr ist von hier. Immerhin hat die Semperoper ihre Außenbeleuchtung abgeschaltet - und auf der dunklen Fassade projiziert "Dresden für alle" Botschaften gegen die "Pegidas", die diese auch wirklich wurmen. Immer wieder versuchen sie, Fahnen vor den Projekt zu halten - vergeblich. Diese Zeichen, die den Hasspredigern auf dem Theaterplatz zeigen, dass sie eben nicht "das Volk" sind, so sehr sie es auch brüllen, sind sehr wichtig.

Hasstourismus

Deprimierend ist der konzentrierte, dumme Hass auf dem Theaterplatz trotzdem, auch wenn er sich so schnell in alle Winde verstreut, wie er gekommen ist. Die Menschen nehmen ihn mit in ihre Heimatorte, verbreiten ihn dort. Die Anzahl der Übergriffe auf Flüchtlinge und Migranten steigt schon wieder in Deutschland. Im Zug zurück nach Berlin sitze ich neben zwei Männern, einer Typ Handwerker, der andere Typ Vorarbeiter. Er schwärmt am Telefon seiner "Maus" vor: "Es gab alles. Die Lügenpresse-Chöre! So laut. Und so viele Menschen. Ja! Und 'Wir sind das Volk', toll. Sowas gibt es in Berlin nicht." Möge es noch lange so bleiben.

Die Polizei spricht von 17.500 "Pegida"-Teilnehmern und 4.500 Gegendemonstranten. "Dresden nazifrei" von 10.000 "Pegidas" und 7.000 bis 10.000 Gegendemonstranten. Die Wahrheit liegt vermutlich dazwischen, ist bei dieser Menge an Menschen allerdings schwer zu schätzen. Zu viele "Pegidas" waren es allemal.

P.S. Ebenfalls für den 22.12.2014 hatte eine Facebook-Gruppe namens "BerGiDA" zu einer Kundgebung am Brandenburger Tor angerufen. Laut Polzeiangaben erschienen dort 5 Menschen, die sich aber nicht einmal trauten, sich als "BerGIDA" zu erkennen zu geben (rbb).

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