Norwegen klagt gegen Thor Steinar

Die in der Neonazi-Szene beliebte Modemarke benutzt die Fahne des Landes

Von Johannes Radke

Berlin - Das Land Norwegen hat wegen „widerrechtlicher Verwendung staatlicher Hoheitszeichen“ Anzeige gegen die umstrittene Modemarke Thor Steinar erstattet. Damit will das Land verhindern, dass die bei Neonazis äußerst beliebte Marke weiterhin die norwegische Flagge auf ihre Textilien druckt und für Werbezwecke missbraucht. Laut dem deutschen Markengesetz dürfen offizielle Staatssymbole nicht zur Kennzeichnung von Waren oder Dienstleistungen benutzt werden.

„Wir wollen, dass unsere Staatsflagge, als Symbol des demokratischen Norwegens, nicht weiter in Verbindung mit dem rechtsextremen Milieu gebracht wird“, sagte der Gesandte des Staates Norwegen, Andreas Gaarder, dem Tagesspiegel. „Jetzt liegt die Entscheidung bei der deutschen Justiz.“ Gaarder lobte zudem ausdrücklich das zivilgesellschaftliche Engagement von Anwohnern und Politikern gegen die Modemarke und ihre Läden. In mehreren Städten gab es in den letzten Monaten Proteste gegen Geschäfte, die Thor-Steinar-Textilien anbieten. Oft handelt es sich dabei um rechtsextreme Szeneläden.

„Ich begrüße es, dass die norwegische Regierung gegen Thor Steinar aktiv geworden ist“, sagte der Bundestagsabgeordnete Sebastian Edathy (SPD) dem Tagesspiegel. Er hoffe auf einen Erfolg des Verfahrens.

Bereits am 5. November wurde ein entsprechender Bußgeldbescheid über 2000 Euro an die Protex GmbH im brandenburgischen Königs Wusterhausen verschickt, die Thor Steinar vertritt. Das bestätigte das Bundesamt für Justiz am Dienstag. Geschäftsführer Uwe Meusel legte dagegen Widerspruch ein. Jetzt soll der Fall am 31. März vor dem Amtsgericht Potsdam verhandelt werden. Sollte das Gericht zugunsten des Staates Norwegen entscheiden, hätte das Urteil weitreichende Folgen für die Marke. Neben der Bezahlung des Bußgeldes, wäre es Protex dann ab sofort untersagt, die Norwegen- Fahne zu verwenden. „Es gibt dann nur zwei Möglichkeiten: Die Flagge abmachen oder, wo das nicht geht, das Kleidungsstück vernichten“, sagte ein Sprecher des Bundesamtes für Justiz. Der finanzielle Schaden für das Unternehmen wäre immens, da ein Großteil der Artikel mit der norwegischen Flagge verziert ist. Die Firma war für eine Stellungnahme nicht erreichbar.

Thor Steinar ist nach Einschätzung des Verfassungsschutzes Brandenburg „ein identitätsstiftendes Erkennungszeichen“ für Rechtsextremisten. Vor drei Jahren war das Runen-Logo der Marke aufgrund der Ähnlichkeit mit Symbolen aus dem Nationalsozialismus in Brandenburg, Berlin und Tschechien zeitweise verboten worden. Hunderte Textilien der Firma wurden damals beschlagnahmt. Daraufhin änderte Thor Steinar das Motiv.

Erst am Mittwoch hatte das Landgericht Magdeburg einem Ladenvermieter Recht gegeben, der den Mietvertrag mit Protex vorzeitig gekündigt hatte. Die Marke sei zwar nicht verboten, weise aber einen unstrittigen Bezug zur rechtsextremen Szene auf, lautete die Begründung. Durch die im Mietvertrag unvollständige Angabe des Sortiments habe Protex den Vermieter arglistig getäuscht, sagte Richter Thomas Burger. Der Mieter hätte dem Eigentümer mitteilen müssen, dass er Bekleidung der Marke Thor Steinar verkaufen wolle. Auch gegen ein weiteres Thor- Steinar-Geschäft in Leipzig läuft derzeit eine Räumungsklage. In Berlin-Mitte kündigte ein Vermieter nach breiten Protesten vergangene Woche der Protex GmbH die Geschäftsräume. Unbekannte hatten dort zuvor Farbbeutel und zwei mit Farbe gefüllte Glasflaschen gegen die Schaufenster geworfen.

Tagesspiegel-Artikel vom 15.02.2008

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