Neues Projekt: no-nazi.net – mit Social Media Jugendliche aktivieren

Die SPD beschließt: Thilo Sarrazin wird trotz seiner herabsetzenden rassistischen Thesen nicht aus der SPD ausgeschlossen. Interessiert das 13- bis 18-Jährige? In sozialen Netzwerken zeigt sich schnell, dass Jugendliche aller sozialen Herkünfte vielfältig politisch interessiert sind – und auch von allen politischen Seiten ansprechbar. Die Amadeu Antonio Stiftung hat deshalb im April 2011 ein neues Projekt gestartet, um mit Jugendlichen an der demokratischen Kultur des Internet zu arbeiten: Wir rufen das „no-nazi.net - Für Soziale Netzwerke ohne Nazis“ ins Leben.

Von Simone Rafael

Die Redaktion www.netz-gegen-nazis.de vermeldet die Sarrazin-Nachricht nach den Osterfeiertagen am 26. April 2011 um 9 Uhr. Bis 14 Uhr haben 51 Schülerinnen und Schüler die Meldung in der „Netz gegen Nazis“-Gruppe auf SchülerVZ kommentiert. Das Spektrum der Kommentare reicht von „Sauerei“ bis zu „das ist gut er hat nur statitiken aufgeführt und gesagt dass die östlichen ausländer nur nich nach deutschland solln wenn sie keine gesetze achten!!!! das ist nicht rassistisch!!!“, was wiederum gekontert wird mit „Vor allem, dass die meisten Statistiken nur ausgedacht wurden.“ (alle Fehler im Original). Eine lebhafte Diskussion, die das Interesse an einem gesellschaftspolitisch relevanten Thema ebenso dokumentiert wie das Halbwissen, mit dem diese und ähnliche Diskussionen von jüngeren – wie auch älteren – Menschen geführt wird. Derart lebhafte Diskussionen werden übrigens um alle aktuellen Meldungen geführt, die wir Tag für Tag im SchülerVZ vermelden - egal, ob es um rechtsextreme Demonstrationen, rassistische Gewalttaten oder gelungene Gegenaktionen geht.

Für Demokratie im Internet arbeiten

Aber wie lässt sich mehr Substanz in die Meinungsbildung bringen? Können Projekte im Internet und über das Internet mit Jugendlichen für eine demokratische Kultur arbeiten? Bleibt Engagement im Internet darauf beschränkt – oder hat es Effekte auch in der realen Welt? Diesen Fragen wird ein neues Projekt der Amadeu Antonio Stiftung mit dem Titel „no-nazi.net - Für Soziale Netzwerke ohne Nazis“ in den kommenden drei Jahren nachgehen. Möglich macht dies eine Förderung als Modellprojekt im Bereich Rechtsextremismus durch das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend.

Unsere Erfahrungen

„no-nazi.net“ fußt auf den Erfahrungen, die die Amadeu Antonio Stiftung mit ihren Informationsportalen www.mut-gegen-rechte-gewalt.de (seit 2002) und www.netz-gegen-nazis.de (seit 2009) im Internet und seit 2009 auch mit entsprechenden Präsenzen in den großen sozialen Netzwerken gemacht hat.

Das Internet erweist sich bei der Arbeit für eine demokratische Kultur und gegen Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus als hervorragendes Medium, um Informationen dauerhaft einem großen Publikum zugänglich zu machen, Interesse an der Arbeit aufrecht zu erhalten und Projekte deutschland- oder auch weltweit zu vernetzen. In den sozialen Netzwerken tragen Menschen ihre Interessen, Vorlieben und politischen Einstellungen via Gruppen-Zugehörigkeiten wie Buttons an der Jacke. Die positive Erfahrung: Auch so ein virtueller „Anti-Nazi-Button“ gehört für viele Userinnen und User zum guten Ton. Die netz-gegen-nazis.de-Kampagne „Soziale Netzwerke gegen Nazis“ erreichte im Oktober 2010 rund 600.000 Unterstützerinnen und Unterstützer. Diese Menschen organisierten sich in gleichnamigen Gruppen und sind bis heute intensiv in Austausch und Gespräch vertieft. Die Kampagne, an der sich über 60 große und kleine soziale Netzwerke beteiligten, erfüllte ihren angedachten Zweck: Aufmerksam machen auf das Thema „Nazis in sozialen Netzwerken“ und gemeinsam ein Zeichen setzen, dass auch im Internet Gleichwertigkeit und Menschenrechte als Grundlage des Handelns gelten sollen – und das es an allen Userinnen und Usern liegt, sich dafür stark zu machen.

Entscheidender Schritt nach vorn: Von der Aufmerksamkeit zur Aktivität

„no-nazi.net - Für Soziale Netzwerke ohne Nazis“ soll nun den entscheidenden Schritt weiter gehen: Lässt sich das Interesse am Thema auch in Aktivität verwandeln? Wie lassen sich gerade jüngere Menschen begeistern, wie können wir sie stärken und ihnen helfen, für ihre demokratischen Prinzipien einzustehen? In den kommenden drei Jahren will die Amadeu Antonio Stiftung Antworten auf diese Fragen erarbeiten. Dies wird über die Entwicklung von Tools und Aktionen in den sozialen Medien geschehen, die die Altersgruppe der 13- bis 18-Jährigen ansprechen sollen – und zwar nicht nur die bildungsnahen, sondern auch die bildungsferneren Jugendlichen. Stichprobenhafte Befragungen in der Zielgruppe haben ergeben: Diese jungen Menschen sind im Schnitt 3 Stunden am Tag online – und dabei permanent in den sozialen Netzwerken aktiv. Deshalb wollen wir sie dort abholen, ansprechen und begeistern.

Wir werden pädagogische Formen für die Arbeit im Internet entwickeln, mit denen ein Kreis interessierter Jugendliche online als „Web 2.0-Peer Leader“ geschult wird, um anderen Jugendlichen mit Rat und Tat in den sozialen Netzwerken zur Problematik Rechtsextremismus, Rassismus und Antisemitismus zur Seite stehen zu können. Außerdem sollen Wege erdacht werden, mit rechtsextrem orientierten Jugendlichen über das Internet zu arbeiten, die sich überraschend oft an „Netz gegen Nazis“ wenden, um nicht nur Konfrontationen zu suchen, sondern sich – in der Altersklasse 13 bis 18 – auch durch das eine oder andere Argument erreichen zu lassen.

Das Modellprojekt „no-nazi.net“ betritt damit ein völlig neues und innovatives Feld in der Arbeit gegen Rechtsextremismus und ist entsprechend interessiert an Mitstreiterinnen und Mitstreitern, die auch im Themenbereich aktiv sind oder es werden möchten. Wir freuen uns über pädagogische oder Social Media-Experten und –Expertinnen, über Wissenschaftler und Wissenschaftlerinnen, Internet-Aktivist_innen oder Projekte, die sich für unser Thema interessieren. Wenn Sie sich vorstellen können, unser Projekt zu begleiten oder zu unterstützen, nehmen Sie bitte mit uns Kontakt auf unter netz@amadeu-antonio-stiftung.de

Gefördert vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend im Rahmen des Programms TOLERANZ FÖRDERN, KOMPETENZ STÄRKEN

von der Freudenberg Stiftung und von Google.

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