Netzfundstück: Ich bin kein Rassist und kein Nazi!

Manchmal kommen schöne Beispiele aus dem Internet einfach auf die eigene Facebook-Seite. Hier ein schöner Diskurs zum Thema Feindlichkeit gegen Flüchtlinge, der sich unter einem Artikel entspann, den wir heute auf Facebook posteten. Diese Netzfundstück ist also von uns - und ein Lehrstück, wie eine schöne "Ich bin kein..., aber ..."-Diskussion funktioniert.

Von der Redaktion

Die Redaktion von netz-gegen-nazis.de postet einen Artikel auf Facebook: "Hass im Internet aktuell (2) – Wo kommt der Hass her?". Daraufhin wird kommentiert. Etwa von einer Userin 1:

Was macht Userin 1? 

  • Sie postet auf einer Anti-Nazi-Seite, unter einen Artikel der sich mit dem Thema Hetze gegen Flüchtlinge befasst, dass sie Flüchtlinge lästig findet, ja sogar hasst. Da fragt man sich doch: Warum?
  • Den Klassiker-Einstieg "Ich bin kein Nazi und kein Rassist" (sic, falsches Geschlecht!) hätte sie sich eigentlich sparen können - so macht sie es dem Mitdiskutierenden eigentlich viel zu einfach.
  • Rechtspopulistische Gesprächstaktik 1: Die Hetze gegen Flüchtlinge in vorgeblich eigenes Erleben gießen. In dem Dorf, in dem sie wohnt, marodieren "die Flüchtlinge" ständig abends durch die Gegend, klingeln an ihrer Tür und klopfen, wenn sie die Klingel abstellt. Merkwürdig an dieser Darstellung klingt: Dass dies ständig geschehen soll, und immer bei ihr. Und wenn sie das lästig findet, warum macht sie die Tür auf? Aber, sie versucht ihre Einleitung immerhin noch aufzunehmen, in dem sie zum Schluss schreibt, dass sie ja denselben "Hass" hätte, wenn es Deutsche wären (impliziert aber: Deutsche machen das nicht; außerdem ist nun "Hass" gefallen. Der ist also da).

Die Community reagiert (sehr schön), Userin 1 auch:

Was macht Userin 1?

  • Eine Userin 2 antwortet - Userin 1 verallgemeinert sofort: "Wie geil ihr doch seid" - sie gehört also auch qua Selbstbild nicht zu "uns" - was immer sie darunter versteht.
  • Ein bisschen kann man es ahnen, wenn sie schreibt: "ihr sagt ihr seid tolerant aber seit es gar nicht sonst würdet ihr meine Erfahrung tolerieren ohne mich zu beleidigen" (Fehler im Original). Dabei sind wir gar nicht tolerant, zumindest nicht gegenüber Menschen, die Rassismus, Rechtsextremismus, Antisemitismus oder ähnliches äußern. Allerdings ist die Frage, warum sie sich beleidigt sieht. Userin 2 hatte bisher ja nur moniert, es sei ein rassistischer Satzbeginn.
  • Interessant auch die Aussage, ihrer Umgebung gäbe es ja gleich "mehrere Flüchtlingslager". Sie wohnt in einem kleinen Ort in Schleswig-Holstein, wo es zumindest lauf offiziell zugänglichen Angaben nur ein Flüchtlingsheim in der nächstgrößeren Stadt gibt. Da müsse die Flüchtlinge extra in den Bus steigen, um bei Userin 1 zu klopfen! (Wir wollen nicht näher ins Detail gehen, aber offene Profile verraten so einiges - Stichwort Internetkompetenz).

  • Dabei ist das Leben in Userin 1' Darstellung wirklich schlimm - quasi organisierte Bandenkriminalität: Diese "Flüchtlinge", gut organisiert und schlauer als die Polizei! 
  • Schön: Jetzt wird Themenhopping versucht (zum Thema "Mutter in Deutschland"...) - das funktioniert auf Netz gegen Nazis jetzt nicht so gut. Geht keiner darauf ein.

Wer jetzt allerdings immer noch vermutet, Userin 1 wäre ernsthaft an einer Diskussion interessiert - einen solchen User gibt es nämlich auch, der sehr freundlich versucht, Userin 1darauf hinzuweisen, dass vielleicht nur ihr Ton etwas ungeschickt gewählt wäre - der wird von ihren nächsten Postings endgültig enttäuscht:

 

  • Wer ist also Schuld am Hass? Toleranzmenschen. Das sind offenbar "Wir". Im Gegensatz zu "ihr". 
  • Denn "Toleranzmenschen" machen jeden fertig, der ein Problem mit "Asylanten" (Wortwahl, sic!) hat. Deshalb muss man sich dann ja wenden "An andere die das Probelm verstehen an die die die selben Probelme haben" (Fehler im Original). Also müssen sich Rassistinnen an andere Rassisten wenden, weil sonst keiner ihre Probleme versteht? Nun, die Antwort ist vermutlich: Ja. Aber verantwortlich ist man dann schon selbst.

Aber falls gemeint war, Userin 1 würde gern über reale Probleme vor Ort sprechen und diese lösen:

  • Man löst keine realen Probleme, indem man im Internet gegen Flüchtlinge poltert.
  • Wenn Sie Hilfe und Beratung suchen, stellen Sie doch lieber eine Frage, als ein pöbeliges Statement auf eine Anti-Nazi-Seite zu schreiben. Fragen werden hier - in der NgN-Community und durch die Redaktion - durchaus gern beantwortet.
  • Engagieren Sie sich vor Ort, seien sie hilfreich und konstruktiv, vielleicht finden Sie dann eine gute Lösung?
     

P.S. Interessante Wendung dann: Userin 1 gibt, nachdem ihr viele andere User_innen widersprochen haben, an, sie habe ihre Statements nur gepostet, um mal zu zeigen, dass man auf provokative Äußerungen nicht ausgrenzend reagieren soll. Diese strategische Volte ist selbst mir neu; sollte sie dies ernst meinen, scheint mir die Taktik auch nicht sehr zielführend, zumal sie weiter rechtspopulistische Sprache verwendet. 

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