Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken (1): Die „Unsterblichen“

Auch wenn weiß maskierte Neonazis mit Fackeln zuletzt auf Faschingsumzügen in Konstanz und Essen mitliefen, sind die "Unsterblichen", wie sich die Kampagne nennt, leider nicht nur ein Karnevalsverein, sondern eine derzeit sehr beliebte Nazi-Organisationsform: Spontan, erlebnisorientiert, oft schwer polizeilich zu verfolgen. Blogs und Soziale Netzwerke sind der Kitt der Aktion: Hier werden die als Flashmobs organisierten, dezentralen Aktionen bundesweit dokumentiert und gefeiert.

Der virtuelle Button zeigt eine weiße Maske auf schwarzem Hintergrund. Darunter steht auf der Seite „PicBadges“, wo jede/r User/in kostenlos solche Buttons erstellen kann, nur der Slogan: „Werde unsterblich“. Weiter nichts. In Sozialen Netzwerken haben vor allem Neonazis diesen „virtuellen Anstecker“ an ihr Profil geheftet. Zu den Buttons passt die rechtsextreme Facebook-Seite „Habe den Mut“. Hier sieht man eine ganze Gruppe von schwarz gekleideten Personen, die solche weißen Masken tragen. Dort findet sich auch ein Video, das auf den Hintergrund von Symbol und Video verweist: Die neonazistische Kampagne „Die Unsterblichen“.

Die Videos dieser Kampagne sind professionell gemacht und kursieren zahlreich im Internet. Sie zeigen nächtliche Aufmärsche von Neonazis, monumental gefilmt: Mit Fackeln ziehen schwarz gekleidete Rechtsextreme durch deutsche Städte, rufen Parolen, zünden Silvester-Raketen und bengalische Lichter. Fast alle tragen dabei weiße Masken. Unterlegt sind die Videobilder mit martialischer Musik. All dies soll Jugendliche ansprechen – die unangemeldeten nächtlichen Aufmärsche versprechen eine Art neonazistisches „Abenteuer“. Diese Form des Aktionismus ist neu und wirkt vielleicht modern – doch dahinter steckt die alte völkisch-rassistische Ideologie der Neonazis. Auf einem Transparent im Video ist zu lesen: „Damit die Nachwelt nicht vergisst, dass du Deutscher gewesen bist“. Wie dieses „Deutsch-Sein“ definiert wird, zeigt ein Blick auf die Kampagnen-Internetseite der „Unsterblichen“: Dort beklagt man „das Schandwerk der Demokraten“, das „zum Tod des deutschen Volkes“ führen würde. Im Folgenden ist vom „Lebensraum“ und dem „genetischen Erbe“ eines Volkes zu lesen - und davon, dass „immer dann, wenn Völker dieses genetische Erbe durch die Vermischung mit anderen Völkern aufgegeben“ hätten, diese „in der Geschichte untergegangen“ seien. Zum Hintergrund: Neonazis beklagen gerne den sogenannten „Volkstod“, also das angebliche „Aussterben“ der rein biologistisch definierten „Deutschen“ und geben den „Demokraten“ (für die Rechtsextremen bezeichnenderweise ein Schimpfwort) die Schuld daran. Offen zutage tritt der völkisch aufgeladene Rassismus spätestens dann, wenn es im Text weiter heißt: „man vergleiche die gut erhaltenen Büsten altertümlicher Herrscher mit dem Aussehen der heutigen Griechen und Italiener“. In dem kurzen Frage-Antwort-Text (von einem Grundsatztext oder Manifest kann bei allem Pathos keine Rede sein!) auf der Kampagnen-Seite außerdem behandelt: die aktuelle Finanzkrise, das Thema „Alt-Werden“ und die weit verbreitete Politikverdrossenheit. Also durchaus Themen, die Jugendliche ansprechen. Doch kein Thema kommt ohne die völkisch-rassistische Ideologie der Neonazis aus. „Angehörigen fremder Völker“ wird unterstellt, sie seien im Schnitt „viermal so kriminell wie Deutsche“ und sie würden „30 Prozent der gesamten Hartz-IV-Leistungen“ beziehen. Dies sind die „klassischen“ Themen der Rechtsextremen: „Ausländerkriminalität“ und die angebliche massenhafte „Ausnutzung“ von Sozialleistungen durch Migrant/innen. Somit sind die „Unsterblichen“ bei allem Aktionismus „alter Wein in neuen Schläuchen“. Zumal die weißen Masken keine Erfindung, sondern nur eine Übernahme sind. Bekannt wurde sie durch die „Überflüssigen“ – eine linke Bewegung, die sich unter anderem gegen prekäre Arbeitsbedingungen bei Jugendlichen richtet. Auch die Internet-Aktivist/innen von „Anonymous“ und die finanzmarktkritische „Occupy“-Bewegung tragen weiße Masken. (jw)

Dieser Text ist ein Auszug aus der neuen Broschüre von www.netz-gegen-nazis.de und no-nazi.net: "Zwischen Propaganda und Mimikry - Neonazi-Strategien in Sozialen Netzwerken". Sie steht hier zum Download bereit und kann - solange der Vorrat reicht - per Mail bestellt werden unter: netz@amadeu-antonio-stiftung.de. Versand gegen Portokosten. Über das Projekt no-nazi.net bieten wir auch Workshops zum Thema "Nazis in Sozialen Netzwerken" an.


Leider nicht nur ein Karnevalsverein: "Unsterbliche" laufen beim Faschingsumzug mit und verteilen Flugblätter

Nachtrag vom 05.03.2012:
Zuletzt sind Nazi-Demonstrant/innen mit weißen Masken und "Volkstod"-Parolen am 24.02.2012 auf dem Fasnachtsumzug in Konstanz und am 28.02.2012 in Essen-Rüttenscheid im Karnevalsumzug mitgelaufen. Sie haben polizeilich wenig zu befürchten, wie jetzt eine Polizeirazzia gegen Teilnehmende einer "Unsterblichen"-Demonstration in Hamburg zeigte.

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