Und die Rechtsextremen lernen: Aus der Kampagne "Keine Gnade für Kinderschänder" wurde "Deutschland gegen Kindesmissbrauch" - die rechtsextreme Intention und Werbung bleibt aber gleich. Das kleine Foto ist eine Kampagne von NPD-Mann Frank Franz.
Screenshot Facebook

Neonazi-Kampagnen in Sozialen Netzwerken (4): „Keine Gnade für Kinderschänder“

Mit keinem Thema gelingt der rechtsextremen Szene der Schulterschluss zur Mehrheitsgesellschaft so problemlos wie beim Engagement gegen sexuellen Kindesmissbrauch - besonders im Internet finden sie damit viele "Freund*innen". Dabei geht es den Neonazis nicht um das Engagement für Kinder - sondern um Rassismus und Demokratiefeindlichkeit, wie üblich.

Von Joachim Wolf

Die Facebook-Gruppe „Planung von Demos / Flashmobs gegen Kindesmissbrauch“ schreibt: „Die Intention ist bewusst politisch neutral und richtet sich an jeden der in diesem Lande etwas verändern möchte“. Unter den Unterstützer/innen dieser Gruppe: Ein junger Mann, der sich mit seiner Freundin abbildet; eine junge Frau, die sich mit ihrem kleinen Kind zeigt. Auf den ersten Blick wirkt die Seite eine harmlos, vielleicht sogar unterstützenswert. Doch zu den Administrator/innen der Gruppe gehören im Juli 2011 unter anderem NPD-Kader Rene Despang und die als rechtspopulistische Rapperin „Dee Ex“ bekannte Mia Herm. Ein Mitglied der Gruppe nennt sich „Deutsche Rache“. Unter den 810 Mitgliedern der Gruppe sind aber auch viele Nutzer/innen, die in ihrem Profil keinerlei Hinweise auf eine rechtsextreme Einstellung vorweisen. Das Engagement gegen Kindesmissbrauch ist eines der wichtigsten Kampagnenthemen der rechtsextremen Szene, um nicht-rechte User/innen anzusprechen. Es gelingt den Nazis erschreckend oft, sensible und emotionale Themen zu besetzen, indem sie sich zunächst unauffällig geben und ihr eigentliches Gedankengut erst später zur Schau stellen.

Andere Gruppen haben deutlichere Namen: „Todesstrafe für Kinderschänder“, „Stoppt Tierversuche, nehmt Kinderschänder“ oder „Tötet die Kinderschänder“. Letztere zeigt in ihrem Profil offen das Transparent einer „Freien Kameradschaft“ bei einer Neonazi-Demo. Diese Gruppen haben weniger Mitglieder als die verdeckten Kampagnenseiten der Neonazis. Trauriger Spitzenreiter der Teilnehmeransprache bisher ist eine Online-„Veranstaltung“ bei Facebook mit dem Titel „Kinder sind Zukunft- stoppt Missbrauch an Kindern“. Diese erreichte mit harmlosem Kinderbild in sonnigen Farben als Profilfoto über 212.000 Unterstützer/innen. Und nicht nur das: 53.000 Nutzer/innen gaben an, vielleicht teilnehmen wollen, über 732.000 Antworten standen noch aus. Hier wurde enorm fleißig eingeladen.

Erstellt wird diese „Veranstaltung“ von den Macher/innen der Seite „Keine Gnade für Kinderschänder“ – die bisher erfolgreichste aller Rechtsaußen-Kampagnen in der Online-Welt. Auf der Pinnwand distanzieren sich die Macher/innen zunächst von der rechtsextremen NPD. Wenig später posten sie allerdings Artikel der rechtsextremen Seite „Deutschland Echo“, in denen die meisten Täter einen Migrationshintergrund zu haben scheinen – was nicht der Realität entspricht. Dazu kommen Songs zum Thema von rechtsextremen Musiker/innen wie Annett Müller oder Sleipnir. Im nächsten Schritt zeigen sich die Macher/innen als große Fans der NPD-Kader Holger Apfel und Franz Frank. Diese werden als „Macher“ inszeniert, deren Texte dringende Leseempfehlungen wären. Einher geht der Vorwurf, alle Parteien außer der NPD täten nichts zum Thema. Frank Franz stellt, dazu passend, auf seiner Facebook-Seite seine neue Postkarte gegen Kindesmissbrauch vor. Dazu schreibt er: „Übrigens ist die Karte ‚Finger weg‘, die viele als Profilbild nutzen und gegen mich hetzen von der NPD Saar. Ich habe sie erstellt. Wir werden sie erneut in einer Auflage von mindestens 50.000 Stück drucken.“ Tatsächlich ist die NPD-Herkunft der Karte ohne das Eingeständnis des rechtsextremen Kaders nur schwer zu erkennen. Eine Nutzerin schreibt daraufhin an die Pinnwand: „Ehrlich gesagt bin ich jetzt irritiert, weil ich nicht von der NPD bin, absolut nicht, das Thema ok, die Partei nein danke!“ Ein Beispiel dafür, wie die Unterwanderungstaktik der Rechtsextremen funktionieren kann. Aber auch dafür, wie schnell sich Nutzer/innen von der NPD und ihren Aktionen distanzieren.

Um über die Intention der Macher/innen von „Keine Gnade für Kinderschänder“ aufzuklären, informiert eine Vielzahl demokratischer Nutzer/innen über die Hintergründe der Seite und meldet sie bei Facebook. Viele Gruppen-Mitglieder bleiben allerdings erschreckend lang zumindest gleichgültig gegenüber der rechtsextremen Agitation – bis die Seite „Keine Gnade für Kinderschänder“ im November 2011 von Facebook gelöscht wird. Ein wichtiges Zeichen, leider nur von kurzer Dauer: Die Nachfolgeseite heißt noch unauffälliger „Deutschland gegen Kindesmissbrauch“, gefällt auch schon wieder rund 5.000 Nutzer/innen – obwohl auch diese Gruppe offen Rechtsextremes postet wie Aktionen der NPD-Frauenorganisation „Ring nationaler Frauen“, Kameradschafts-Aufkleber oder das Bild „Diese Person unterstützt den [rechtsextremen] Gedenkmarsch 13. Februar Dresden“. 

 

 
Dieser Text ist ein Auszug aus der neuen Broschüre von www.netz-gegen-nazis.de und no-nazi.net: "Zwischen Propaganda und Mimikry - Neonazi-Strategien in Sozialen Netzwerken". Sie steht hier zum Download bereit. Die Printausgabe ist leider bereits vergriffen. Über das Projekt no-nazi.net bieten wir auch Workshops zum Thema "Nazis in Sozialen Netzwerken" an.
 
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