Muttis Liebling. Nein. Leider doch NPD-Pressesprecher Frank Franz in Biedermann-Dress.
Screenshot Facebook

Nazi-Strategien in sozialen Netzwerken: Bürgerlichkeit

Wenn Nazis unter sich kommunizieren, wetteifern sie um die krassesten Bilder und Einträge. In sozialen Netzwerken versuchen sie allerdings auch, mit nicht-rechten Menschen in Kontakt zu kommen. Eine Strategie der Ansprache: Bürgerlichkeit.

Von Johannes Baldauf
 
Die „Deutsche Stimme“, das Presseorgan der NPD, veröffentlichte 2010 einen Artikel, in welchem sie ihrer Leser/innenschaft Empfehlungen für den Auftritt in Sozialen Netzwerken gibt: Bürgerlich und integer soll dieser sein, möglichst offen einsehbar gehalten und bei der Angabe von Informationen sehr ausführlich. Das soll nicht-rechten Besucher*innen Berührungspunkte aufzeigen und Sympathien wecken. Denn der NPD geht es im Web 2.0 darum, neue Leute anzusprechen und anzuwerben. Erst menscheln Rechtsextreme, um dann für die eigene menschenverachtende Ideologie einzunehmen. 
 
Entsprechend wird diese Strategie vor allem persönlich von Parteivertreter*innen der NPD betrieben. Frank Franz, mittlerweile Pressesprecher der NPD, kann durch die Umsetzung dieses Konzepts im Dezember 2011 2750 Fans seiner Seite auf Facebook verzeichnen. Zum Vergleich: Der SPD-Vorsitzende Sigmar Gabriel hat zeitgleich auf Facebook knapp 5600 Fans. Übrigens hat Franz noch ein zweites, szeneinternes Profil, über dass er weniger diplomatisch agiert und noch einmal tausende Menschen erreicht. Franz lässt seine Fans über die Wahl seines neuen Profilfotos abstimmen und veröffentlicht Fotos, die ihn bürgernah auf Volksfesten zeigen. Er gibt sich als Anti-Politiker, der gegen „die da oben“ wettert, und gratuliert „allen deutschen Müttern“ zum Muttertag.
 

Nette Mutti? NPD-Aktivistin Stella Hähnel gibt sich auf den ersten Blick unpolitisch.

Der NPD-Bundesvorsitzender Holger Apfel (5.000 „Freunde“ und 3.600 „Fans“ auf Facebook im November 2011) postet in Sozialen Netzwerken gern Fotos, die ihn mit seiner pausbäckigen blonden Frau und den drei kleinen Kindern zeigen – ein harmloser Familienvater, der hauptberuflich Rassismus, Antisemitismus und Demokratiefeindlichkeit in Deutschland verbreitet und anstachelt. Neben „Roland Kaiser“ und den „Scorpions“ hört er gern „MANOWAR“ und präsentiert sich als Mann von nebenan. Die Strategie ist nicht nur im Netz erfolgreich, sie verhalf der NPD auch in Sachsen und Mecklenburg-Vorpommern zu ihren wiederholten Wahlerfolgen und Landtags-Einzügen. Die Nazis präsentieren sich als bürgernah und ansprechbar. Der Bezug zu Gewalttaten und Volksverhetzung soll so verschleiert werden – trotz der vielen Verurteilungen, die NPD-Funktionär/innen immer wieder kassieren. Das Netz fungiert als Experimentierfeld der Rechtsextremen. Hier können die NPD-Funktionär/innen mit Menschen in Kontakt kommen kann, die niemals freiwillig einen NPD-Stand aus nächster Nähe begutachten würden. Außerdem lassen sich Ideen und Strategien testen – innerhalb der eigenen Szene und außerhalb. Denn oft dürften solche harmlos daherkommenden Nazis eine ganze Weile in nicht-rechten Gruppen mitdiskutieren bis die Administrator/innen merken, wer dort auf ihrer Pinnwand sein Gift versprüht. 
 
 
Dieser Text ist ein Auszug aus der Broschüre vonwww.netz-gegen-nazis.de und no-nazi.net: "Zwischen Propaganda und Mimikry - Neonazi-Strategien in Sozialen Netzwerken". Sie steht hier zum Download bereit. Die Printausgabe ist leider bereits vergriffen. Über das Projekt no-nazi.net bieten wir auch Workshops zum Thema "Nazis in Sozialen Netzwerken" an.
 
Mehr aus der Broschüre auf netz-gegen-nazis.de:
 

 

drucken