Medizinische Versorgung ist ein Menschenrecht - auch für Papierlose

In Deutschland leben rund 1 Millionen Menschen einen beschwerlichen und angstbestimmten Alltag ohne gültige Papiere. Damit sie in Dresden wenigstens zum Arzt gehen können, gibt es das "Medinetz Dresden": Das Projekt von Medizinstudenten und -studentinnen, die Papierlosen bei der Arztsuche unterstützen, ist nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009.

Von Simone Rafael

Um einen Handyvertrag zu unterschreiben, um bei der Post ein Paket abzuholen, um in der Disko das Alter nachzuweisen, brauchen Menschen – Ausweispapiere. Rund 1 Millionen Menschen in Deutschland haben aber keine und leben ohne gültige Aufenthaltsdokumente in ständiger Angst vor Entdeckung. Eine Anspannung, die gesundheitliche Folgen hat: Viele Einwanderer ohne Papiere gehen höchstens im größten Notfall zum Arzt. Das Risiko einer möglichen anschließenden Abschiebung erscheint bedrohlicher, als beispielsweise einen schlecht verheilten Armbruch, anhaltende Schmerzen oder Entzündungen in Kauf zu nehmen.

Ein Menschenrecht?

„Dabei ist eine angemessene medizinische Versorgung ein Menschenrecht“, sagt Puneh Arazm empört. Die 25-jährige Medizinstudentin engagiert sich deshalb beim Medinetz Dresden. Zum Verein gehören rund 15 Studentinnen und Studenten, die eine medizinische Versorgung für Menschen ohne Papiere und Krankenversicherung möglich machen. Eine von Arazms Kolleginnen ist die 20-jährige Karoline Andrä: „Ärztinnen und Ärzte haben eine besondere soziale Verantwortung, deshalb helfe ich hier.“
Praktisch vermittelt das Medinetz Dresden die Hilfe suchenden an Ärzte und Krankenhäuser, die bereit sind, Menschen ohne Papier zu behandeln. Die zu finden, ist nicht unaufwändig: Bei dem Aufbau des Versorgungsnetzes meldeten sich anfangs von 400 angeschriebenen Ärzten im Großraum Dresden lediglich 12 zurück, die an einer Mitarbeit interessiert waren. „Strafbar macht sich damit niemand“, sagt Puneh Arazm, „aber die Ärzte bleiben auf den Behandlungskosten sitzen“. Deshalb werben die Mitglieder des Medinetz Dresden durch selbstorganisierte Veranstaltungen wie etwa Kleinkunstabende Spendengelder ein, um teurere Behandlungen wie etwa Geburten und Operationen zu ermöglichen.

Vermittlung und Begleitung

Zugleich werden Kontakte zu Initiativen, Flüchtlingsräten und Ausländerrat gepflegt, damit die Betroffenen vom Medinetz erfahren. Die angehenden Ärztinnen und Ärzte bieten in der
wöchentlichen Sprechstunde oder am Bereitschaftstelefon an, einen Termin bei einem
mitarbeitenden und geeigneten Facharzt zu vereinbaren. „Meist muss das sehr schnell gehen“, sagt Puneh, „oft kommen die Menschen erst, wenn es gar nicht mehr anders geht, weil sie so viel Angst haben.“ Wenn nötig, besorgen die Medinetz-
Mitglieder einen Dolmetscher für den Arztbesuch oder begleiten die Patienten zum Arzt oder zur Hebamme.

Schwierige Erfahrungen

Oft ist das ein längerer Prozess. Zu Karoline Andrä kam ein Mann mit einer seltenen Augenkrankheit, der kaum noch sehen konnte. „Leider haben wir bisher keinen Augenarzt, der uns unterstützt“, sagt sie. So waren bisher nur eine Diagnose am Telefon und das Verschreiben von ein paar Augentropfen möglich. „Trotzdem ist er dankbar, dass wir uns für ihn bemühen“, sagt Karoline. Puneh Arazm engagiert sich seit drei Jahren für das Projekt und sagt: „Am meisten bewegen mich die Fälle, in denen wir nicht helfen können. Wenn die Menschen etwa durch die Situation psychisch so krank sind, dass sie nicht mehr in der Lage sind, Termine einzuhalten, dazu obdachlos, so dass wir sie nicht erreichen können, sondern einfach hoffen müssen, dass sie wiederkommen…“ Sie sieht die schwierigen Situationen aber als Vorbereitung auf ihren beruflichen Alltag als Ärztin.

Oft entwickelt sich über das Erlebte das Engagement der Medinetz-Mitarbeiter über das rein Medizinische hinaus. „Wenn man in diesem Bereich eine Weile arbeitet“, sagt Puneh Arazm, „wächst auch das Bedürfnis, die Gesamtbevölkerung über die Probleme der Menschen ohne Papiere aufzuklären.“ Das hat sich das Medinetz Dresden als zusätzliche Aufgabe für das kommende Jahr vorgenommen.

Die Menschenrechtsinitiative "Medinetz Dresden" ist nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie", der jährlich von der Amadeu Antonio Stiftung, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Freudenberg Stiftung verliehen wird. Die Preisverleihung ist am 9. November 2009 in Dresden. Netz-gegen-Nazis.de stellt ihnen die 10 nominierten Projekt vor.

Die zehn nominierten Projekte sind:

• AG Kirche gegen Rechtsextremismus, ein Projekt der Evangelischen, Erwachsenenbildung Sachsen (Dresden)

Bürgerinitiative „Demokratie anstiften“ (Reinhardtsdorf-Schöna / Kleingießhübel)

Deutsch-polnisches Schülerbegegnungsprojekt Auschwitz, ein Projekt des Beruflichen Schulzentrums Wurzen (Wurzen)

Hillersche Villa – Soziokultur im Dreiländereck e.V. (Zittau)

Medinetz Dresden e.V. (Dresden)

Oberlausitz – neue Heimat e.V. (Löbau)

Peer Leadership – Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie, ein Projekt des RAA Sachsen e.V. (Dresden)

• Roter Stern Leipzig ’99 e.V. (RSL) (Leipzig)

Schülerinitiative gegen die NPD und andere Nazis (Dresden)

Soziokulturelles Zentrum in Mügeln, ein Projekt des Vive le Courage e.V. (Mügeln)

Im Internet:

| www.medinetz-dresden.de
| demokratiepreis-sachsen.de
| amadeu-antonio-stiftung.de

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