Gedenktafel, die in Greifswald, in unmittelbarer Nähe zur Mensa, an die Ermordung von Eckard Rütz durch Neonazis erinnert.
Hao Xi / CC-by-sa 3.0/de

Marginalisiert in Leben und Tod – Wohnungslose als Opfer rechter Gewalt

Am 23.10.2014 wird ein 55-jähriger Ruander in einer städtischen Unterkunft für Wohnungslose im hessischen Limburg brutal von drei Männern zu Tode geprügelt. Polizei und Staatsanwaltschaft gehen von einer rassistischen Motivlage der Täter aus – am selben Tag wurden zwei von ihnen beim Zeigen des Hitlergrußes fotografiert. Die Tat reiht sich ein in eine lange Reihe von Morden an Wohnungslosen durch Neonazis. Sozialdarwinismus ist ein zentraler Baustein neonazistischer Ideologie. Jedoch finden Obdachlose als Opfergruppe rechter Gewalt kaum Beachtung. Selten wird ihnen gedacht, über ihr Leben kaum berichtet. Zynisch: Vor allem Nazis versuchten zuletzt, diese Morde lokal erneut zu nutzen.

Von Joschka Fröschner

Wenig ist bekannt über das, was sich in der Nacht zum 23.10.2014 in einer städtischen Unterkunft für Wohnungslose im hessischen Limburg abgespielt hat. In der Gemeinschaftsküche der Einrichtung schlugen und traten drei Täter abwechselnd so lange auf einen Mann aus Ruanda ein, dass dieser wenig später an seinen inneren Blutungen starb. Drei Tatverdächtige, zwischen 22 und 43 Jahren, konnten schnell ermittelt werden. Einer von ihnen beging in Untersuchungshaft Selbstmord. Polizei und Staatsanwaltschaft kommunizierten schon am Anfang der Ermittlungen, dass es klare Anhaltspunkte für eine rassistische Motivation der Täter gebe.

Hitlergrüße vor der Tat

Woran genau sich dies festmacht, ob die Täter womöglich Kontakte in die organisierte Neonaziszene haben, ist nicht bekannt. Kürzlich sickerte aber durch, dass zumindest zwei der Täter am Tag der Tat beim Zeigen des Hitlergrußes fotografiert wurden. Noch weniger als über die Geschehnisse in Limburg weiß man in der Öffentlichkeit allerdings über das Opfer der Mordtat: Nur sein Alter und seine Nationalität sind bekannt: 55 Jahre alt, aus Ruanda. Über sein Leben und seine Geschichte wird nichts berichtet. Dies ist nichts Neues, wenn Wohnungslose Opfer rechter Gewalt werden. Von einigen obdachlosen Todesopfern existieren bis heute nicht einmal Fotos und komplette Namen.

Sozialdarwinismus als Ungleichwertigkeitsideologie

Seit 1990 wurden 167 Wohnungslose von Täter_innen außerhalb der Wohnungslosenszene getötet, so die Statistik der „Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe“ (BAGW). Davon finden sich 28 Opfer auch in der Chronik von „Tagesspiegel“ und „Zeit“ zu Todesopfern rechter Gewalt. Wahrscheinlich aber ist die Anzahl von Todesopfern rechter Gewalt unter Wohnungslosen deutlich höher, da sich die BAGW-Chronik ausschließlich auf Presseauswertungen stützt, schreibt der Historiker Lucius Teidelbaum in der Zeitschrift „Lotta“. Deutlich ist: Die Gewaltbereitschaft gegenüber Wohnungslosen ist sowohl in der rechten Szene als auch in der Gesamtgesellschaft äußerst hoch.

Säuberung des Volkskörpers

Die sozialdarwinistische Abwertung von Obdachlosen war bereits im Nationalsozialismus ein Teil von Programmen zur „Sozialhygiene“: „Alles Schädliche und Faule, alles was schwach und krank und verdorben ist, muss aus dem gesunden Volkskörper rücksichtslos herausgeschnitten werden“, war die Maxime der Nationalsozialisten. Die Säuberung des Volkskörpers von „Schädlingen“ mündete in der Verfolgung und Internierung von „Asozialen“. Seinen Höhepunkt erreichte die Verfolgung von Wohnungslosen, Menschen mit geistiger Behinderung und aus anderen sozialen „Randgruppen“ mit der Aktion „Arbeitsscheu Reich“ im Jahr 1938. Dabei wurden mehr als zehntausend Menschen verhaftet und in Konzentrationslager verschleppt. Hunderte Frauen wurden zwangssterilisiert, in den Lagern kamen viele Wohnungslose ums Leben.

Mangelnde Anerkennung der NS- Verfolgung

Nach 1945 wurden die als „asozial“ Verfolgten von Entschädigung und Anerkennung weitestgehend ausgeschlossen. Die an ihnen verübten Verbrechen galten nicht als „NS-spezifisches Unrecht“. Das Nichtanerkennen der Verfolgung und die verweigerte Aufarbeitung tragen zu einer Kontinuität der Stigmatisierung und Ausgrenzung von Wohnungslosen bis in die heutige Zeit bei. Heutzutage erfährt die  Abwertung von Wohnungslosen durch kapitalistische Verwertungslogik eine verstärkte Legitimation:  Der Wert eines Menschen richtet sich zunehmend nach seiner ökonomischen „Nützlichkeit“. Wer nichts „leistet“ ist auch nichts wert – aus objektiv vorhandener Ungleichheit wird eine angeblich vorhandene Ungleichwertigkeit.

Abwertung von Wohnungslosen ein deutscher Zustand

Diese Ansicht ist in der deutschen Bevölkerung weit verbreitet. Wilhelm Heitmeyers Studie „Deutsche Zustände“ zufolge wünscht sich etwa ein Drittel der Befragten die Vertreibung von Obdachlosen aus Fußgängerzonen, 34 % bezeichnen Obdachlose als ihnen „unangenehm“ (Zahlen von 2010). Die Abwertung von Langzeitobdachlosen ist noch deutlich stärker ausgeprägt. Aus wirtschaftlicher Schwäche wird charakterliches Versagen konstruiert. Dieser Diskurs wird zumeist von Politiker_innen noch befeuert, wenn etwa Franz Müntefering während seiner Amtszeit als Bundesminister für Arbeit und Soziales verlangt: „Wer nicht arbeitet, soll auch nicht essen!“

Sozialdarwinismus der Tat

Aus diesem Sozialdarwinismus des Wortes folgt bei Gewaltverbrechen gegen Wohnungslose ein „Sozialdarwinismus der Tat“, wie Teidelbaum ihn bezeichnet. Der Ausschluss von Wohnungslosen, der diskursiv bereits gerechtfertigt ist, wird durch die praktische „Säuberung“ der Gesellschaft von „unerwünschten Elementen“ vollzogen. Die meisten Morde werden von Tätergruppen verübt, zu einem überwiegenden Teil männlich und jung. Auffällig ist auch die besondere Brutalität, mit der oft vorgegangen wird. Sie zeugt von einer Entmenschlichung der Opfer, und der Überzeugung der Täter, dass Wohnungslose „unwertes Leben“ darstellen:

„Der hatte es nicht anders verdient“

In der Nacht zum 1. August 2008 legt sich Hans-Joachim Sbrzesny zum Schlafen auf eine Parkbank in der Nähe des Dessauer Hauptbahnhofs. Wegen einer psychischen Erkrankung lebt und schläft Sbrzesny immer wieder im öffentlichen Raum. Gegen 1 Uhr nachts finden ihn dort die beiden Neonazis Sebastian K. (23) und Thomas F. (34). Sie stellen ihre Fahrräder ab und schlagen dem wehrlosen 50-Jährigen mit Fäusten ins Gesicht. Als Sbrzesny am Boden liegt, treten sie ihm auf den Kopf. Sebastian K. schlägt mehrfach mit einem über fünf Kilogramm schweren Metallmülleimer auf den Oberkörper des Opfers ein. Sbrzesny erleidet Quetschungen an Herz und Lunge und verstirbt noch am Tatort. Die Täter werden in derselben Nacht in unmittelbarer Tatortnähe verhaftet. F. ist als Teilnehmer von NPD-Veranstaltungen bekannt und hat sich den Schriftzug „White Power“ auf den Körper tätowieren lassen. Im Prozess sagt ein Zeuge aus, Sebastian K. habe ihm während der Untersuchungshaft erzählt, Sbrzesny sei ein „Unterbemittelter“ gewesen, der es „nicht anders verdient“ habe. In seinem Urteil erkennt das Gericht keine rechte Tatmotivation. Anlass des Mordes sei Sebastian K.‘s „schlechte Laune“ gewesen.

Todesstrafe für Obdachlosigkeit?

Am 23. August 2008 schläft der 59-Jährige Karl-Heinz Teichmann auf einer Parkbank hinter der Leipziger Oper. Dort finden ihn zwei Neonazis, die zuvor auf einer von neonazistischen „Freien Kräften“ organisierten Demonstration unter dem Motto „Todesstrafe für Kinderschänder“ gewesen sind. Einer der Neonazis, der 18-Jährige Michael H., sagt Teichmann, dass er „nicht hier schlafen solle“. Dann schlägt er ihn mit der Faust und springt ihm ins Gesicht. Anschließend verlassen die beiden Neonazis den Park, um sich mit Freunden zu treffen. Eine halbe Stunde später kehrt Michael H. jedoch zurück, um Teichmann erneut zu verprügeln. Ärzt_innen stellen bei Teichmann später massive Kopfverletzungen, Prellungen am ganzen Körper, Brüche im Gesicht, eine Halswirbelfraktur und Hirnblutungen fest. Er stirbt am 6. September im Krankenhaus an seinen Verletzungen. Das Leipziger Landgericht verurteilt Michael H. wegen „heimtückischen Mordes“, wertet die Tat aber nicht als rechtsradikal motiviert. Für die Polizei ist es eine „normale Straftat unter Alkoholeinfluss“.

„Kein Recht, unter der strahlenden Sonne zu leben“

Die Begründungen von rechtsradikalen Mördern für ihre Verbrechen an Wohnungslosen gleichen sich: „Penner“ passen nicht ins Stadtbild, liegen „dem deutschen Steuerzahler auf der Tasche“,  „der Anblick passte nicht in mein Weltbild“, oder „So einer hat kein Recht, unter der strahlenden Sonne zu leben“. Trotz der besonderen Brutalität und der menschenverachtenden Begründungen erfahren die Mordtaten von Neonazis an Wohnungslosen wenig Aufmerksamkeit. Dies ist, bei der weiten Verbreitung sozialdarwinistischer Einstellungen in der Gesellschaft, kein Zufall. Das Recht, die Stadt von Obdachlosen zu säubern, dass die Täter für sich in Anspruch nehmen, wird vom Staat seit jeher in die Tat umgesetzt. Dies geschieht durch die Vertreibung von Wohnungslosen aus Fußgängerzonen und aus Bahnhöfen durch Polizei und Sicherheitspersonal, oder durch bauliche Maßnahmen, die es verhindern sollen, dass Obdachlose unter Brücken schlafen können, wie in Hamburg geschehen. Das hohe Ausmaß an Akzeptanz von struktureller Gewalt gegen Wohnungslose zeigt sich nicht zuletzt an dem fehlenden Aufschrei über Kältetote, die es jeden Winter in deutschen Städten gibt.

Staatlich sanktionierte Ausschlüsse

Staatlich umgesetzte oder sanktionierte Ausschlüsse führen letztendlich zur besonderen Verwundbarkeit von Wohnungslosen für Gewalttaten. Von Orten vertrieben, die durch hohes Menschenaufkommen Sicherheit bieten, bei gleichzeitigem chronischen Mangel an Unterkünften, müssen sie immer wieder vereinzelt an Plätzen schlafen, an denen sie nicht „sichtbar“ sind. So ist es wenig verwunderlich, dass die Tatorte von neonazistischen Morden an Obdachlosen immer wieder Parkanlagen und -bänke oder andere behelfsmäßige Schlafplätze sind. Und auch die Ermittlungsbehörden übersehen besonders häufig Neonazi-Angriffe auf Wohnungslose und andere sozial Benachteiligte. Dafür spricht zumindest ein Vergleich der staatlich erfassten Todesopfer rechter Gewalt mit denen der von „Tagesspiegel“ und „Zeit“ ermittelten. 70 Prozent der obdachlosen und sozial schwachen Todesopfer rechtsradikaler Gewalt sind in den offiziellen Statistiken nicht erfasst!

Gedenken mit Hindernissen

Es ist auch die mangelnde Anerkennung, die ein adäquates Gedenken und Erinnern an wohnungslose Opfer rechter Gewalt erschwert. Noch dazu ist es durch die Stigmatisierung und Ausgrenzung von Wohnungslosen und sozial schwachen Menschen oftmals schwer, ihre Biographie und Geschichte in Erfahrung zu bringen, um ihnen auf diese Weise ein Gesicht zu verleihen.  Die Marginalisierung von Obdachlosen im Leben schreibt sich auf diese Weise auch nach dem Tod fort. Nur an wenigen Orten in Deutschland gibt es Gedenksteine und Veranstaltungen an Todestagen um ihnen zu gedenken. Wenn dies geschieht, dann häufig sogar gegen den Widerstand der Lokalpolitik. In Greifswald ist es der Initiative „Schon Vergessen?“ zu verdanken, dass regelmäßig dem 2000 von jungen Neonazis ermordeten Obdachlosen Eckard Rütz gedacht wird, in Neuruppin erinnert ein antifaschistisches Bündnis an Emil Wendland, der 1992 auf einer Parkbank schlafend von Neonazi-Boneheads erstochen wurde.

Instrumentalisierungsversuche von Rechts

In beiden Fällen versuchen mittlerweile auch Neonazis, das Gedenken auf zynische Art und Weise für sich zu vereinnahmen. Emil Wendland wurde nicht auf Grund der neonazistischen Gesinnung der Täter als Opfer ausgewählt, Schuld an seinem Tod sei „subkulturelle Perspektivlosigkeit“, schreiben die Freien Kräfte Neuruppin/ Osthavelland auf einem Flyer. In Greifswald legten Neonazis einen Kranz am Gedenkstein für Eckard Rütz nieder, und beklagten sich öffentlich über die Inschrift „Zum Gedenken an Eckard Rütz – am 25. November 2000 von drei Jugendlichen mit rechtsextremistischer Gesinnung ermordet“, die zur „Diskreditierung der Bewegung“ diene. Das lokale Neonazi-Newsportal „MuPInfo“ schwärmte für die NS-Politik gegenüber Obdachlosen, die im „obdachlos gewordenen Menschen zunächst einmal den Volksgenossen“ gesehen habe.

Mehr Engagement von Nöten

Diese unbeholfenen Instrumentalisierungsversuche können aber nicht darüber hinweg täuschen, dass die Abwertung und, wenn möglich, Vernichtung sozial schwacher Menschen ein fester Bestandteil neonazistischer Ideologie ist. Umso wichtiger ist es aber, dass klar Position gegen die Abwertungsmechanismen bezogen wird, die rechten Gewalttaten gegen Wohnungslose zu Grunde liegen. Außerdem braucht es mehr Recherche zu den Biographien der Opfer, die oftmals wegen mangelnder öffentlicher Finanzierung nicht durchgeführt werden konnte. Und natürlich braucht es noch mehr Menschen, die sich in lokalen Initiativen für die Rechte Wohnungsloser und für das Gedenken an Todesopfer rechter Gewalt einsetzen.

Mehr im Internet: 

| Chronik bei berberinfo.blogsport.de
Einzelne Biographien bei todesopfer-rechter-gewalt-in-brandenburg.de
| Einzelne Biographien bei www.rechte-gewalt-in-sachsen-anhalt.de
| Gedenkinitiative für Eckard Rütz und Klaus Dieter Gerecke: schonvergessen.blogsport.de
| Gedenkinitiative für Emil Wendland: jwp-mittendrin.de/blog/emil-wendland/
| Gedenkinitiative für Dieter Eich: niemandistvergessen.blogsport.eu
| Gedenkinitiative für Günter Schwanne: guenterschwannecke.blogsport.eu/ueber-guenter-schwannecke/
| Bundesarbeitsgemeinschaft Wohnungslosenhilfe e.V.www.bagw.de
| Lucius Teidelbaum „Penner klatschen“ –Über Obdachlosenfeindlichkeit niemandistvergessen.blogsport.eu/?p=1625
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