Je älter, desto rechtsextremer

"Bewegung in der Mitte": Die Studie der Universität Leipzig untersucht, wie weit rechtsextremes Denken in der Gesellschaft verbreitet ist. Bei der Vorstellung der Studie in Berlin stellten die Wissenschaftler fest: Rechtsextremismus ist keine Frage des Alters.

Von Christoph Schulze

Rechtsextreme Einstellungen in der deutschen Bevölkerung haben insgesamt leicht abgenommen. Zu diesem Ergebnis kommt eine Studie der Universität Leipzig, die am Donnerstag der Öffentlichkeit vorgestellt wurde. Demnach haben aktuell 7,6 Prozent der Deutschen ein festes rechtsextremes Weltbild. Dem gegenüber stehen 8,6 Prozent aus der Vorgängerstudie von 2006.

Das ist erfreulich, aber freilich kein Grund zur Entwarnung. "Rechtsextreme Einstellung ist kein Randphänomen, sondern findet sich auch in der Mitte der Gesellschaft wieder", so die Autoren der Studie "Bewegung in der Mitte", Oliver Decker und Elmar Brähler. Sie betonen, dass Ausländerfeindlichkeit und Chauvinismus (also ein besonders aggressiver Nationalismus) nach wie vor hohe Zustimmung finden. Gut jeder fünfte (21,2 Prozent) der Befragten legt ausländerfeindliches Denken an den Tag. Und etwa jeder siebte (14,9 Prozent) stimmt nationalistischen Positionen zu. Im Osten Deutschlands ist die dort ohnehin besonders virulente Ausländerfeindlichkeit im Vergleich zu 2006 erneut angestiegen: Von 30,6 Prozent auf 32,6 Prozent.

Dabei geht es eher um Ressentiments denn um Realität: Bei einem realen Ausländeranteil von 1,8 Prozent in Ostdeutschland fanden ganze 46,7 Prozent der dort Befragten, dass ihre Heimat "durch die vielen Ausländer in einem gefährlichen Maß überfremdet" sei. "Ausländerfeindlichkeit ist die Einstiegsdroge in den Rechtsextremismus“, so die Wissenschaftler. Auch der Antisemitismus ist in Ostdeutschland angestiegen. Von 4,2 Prozent Zustimmung im Jahr 2006 kletterte der Wert auf aktuell 7,9 Prozent.

Dass die Studie bundesweit insgesamt eine leichte Abnahme rechtsextremen Einstellungen verzeichnet, ist vor allem auf positive Entwicklungen in Westdeutschland zurückzuführen. Dort sind viele Werte gesunken, beispielsweise Ausländerfeindlichkeit (von 26,7 Prozent auf 21,2 Prozent) und Chauvinismus (von 19,3 Prozent auf 14,9 Prozent).

Westdeutschland keine "Insel der Glückseligen"

Eine Sicht auf den Rechtsextremismus als rein ostdeutsches Problem sei allerdings unangebracht, so die Forscher. "Westdeutschland ist keine Insel der Glückseligen“, sagte Oliver Decker – man müsse vielfach weniger nach Ost und West sondern nach einzelnen Regionen differenzieren. Im Südwesten der Bundesrepublik seien rechtextreme Einstellungen ebenfalls weit verbreitet. Die Spitzenreiter – im negativen Sinn – beim Antisemitismus sind beispielsweise Bayern (16,6 Prozent Zustimmung) und Baden-Württemberg (13,3 Prozent). Bayern ist auch das Bundesland, in dem Chauvinismus am weitesten verbreitet ist: Bei 30,4 Prozent liegt der Zustimmungswert. Dicht auf folgen Mecklenburg-Vorpommern (27,6 Prozent) und Hamburg (24,5 Prozent). Die einfache Erklärung, dass nur in wirtschaftsschwachen Regionen Rechtextremismus gedeihen könne, kann also nicht ausreichen.

"Geschichtsmilieus, Erziehungsideale und Demokratieverständnis“, so die Leipziger Forscher, seien regional jeweils sehr unterschiedlich ausgeprägte Faktoren, die allesamt mit der Verbreitung von extrem rechten Denken zusammenhingen. Demokratie, verstanden als umfassende politische Teilhabe an gesellschaftlichen Prozessen, müsse erfahrbar gemacht und vermittelt werden – das sei eine notwendige und effektive Maßnahme gegen Rechtsextremismus, so die Forscher.

Je älter, desto rechtsextremer

Erkenntnisse, die bereits aus anderen Studien bekannt sind, wurden in der aktuellen erneut bestätigt: Wer arbeitslos ist, neigt eher zum Rechtsextremismus und wer eine guten Bildungsabschluss hat, stimmt rechtsextremen Aussagen eher weniger zu. Das Geschlecht spielt kaum eine Rolle, wenngleich bei Männern Rechtsextremismus geringfügig weiter verbreitet ist. Für die Forschung ebenfalls nichts neues, jedoch im Alltagsverständnis des Problems immer noch nicht angekommen: Rechtsextremismus ist mitnichten ausschließlich ein Problem der Jugend. Eher gilt: Je älter, desto rechtsextremer. Bei Befragten, die über 60 Jahre alt sind, ist rechtsextremes Denken grob etwa doppelt so häufig zu finden wie bei der Altersgruppe der 14- bis 30-Jährigen. Die rechtsextremen Parteien schaffen es bisher nur schlecht, ihr Wählerpotenzial auszuschöpfen. Die meisten Menschen mit rechtsextremem Weltbild wählen nicht NPD oder DVU sondern geben ihre Stimme den großen Volksparteien.

Die Studie wurde im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert-Stiftung erstellt. Rund 2400 Menschen bundesweit wurden befragt. Rechtsextremismus wurde von den Forschern als Phänomen gefasst, welches sich aus insgesamt sechs Dimensionen zusammensetzt: Befürwortung einer rechtsautoritären Diktatur, Chauvinismus, Ausländerfeindlichkeit, Antisemitismus, Sozialdarwinismus und Verharmlosung des Nationalsozialismus.

Zum Thema:

Die Studie "Bewegung in der Mitte" (Oliver Decker, Elmar Brähler, Berlin 2008) steht auf der Homepage der Friedrich-Ebert-Stifung kostenlos zum Download bereit. Auch die Vorgängerstudie "Vom Rand zur Mitte" (Oliver Decker, Elmar Brähler, Berlin 2006) ist dort zu finden.

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