Nazi-Demonstration in Magdeburg 2012
Miteinander e.V.

"Magdeburg wird für die Nazis so wichtig wie Dresden"

Am Samstag findet in Magdeburg der bundesweit größte Naziaufmarsch statt. Im Interview mit netz-gegen-nazis.de spricht Pascal Begrich, Geschäftsführer von Miteinander – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V., über die Bedeutung der Demo für die rechtsextreme Szene und die Verbindungen zwischen den verschiedenen Gegenprotesten.

netz-gegen-nazis.de: Was erwarten Sie für die Neonazi-Demonstration am kommenden Samstag?

Pascal Begrich: Die Veranstalter haben überregional mobilisiert, weshalb wir davon ausgehen, dass 1.000 bis 1.500 Rechtsextremisten an dem Aufzug teilnehmen werden. Magdeburg wird sich damit neben Dresden als wichtigster Aufmarschort für Nazis in Deutschland etablieren. Dementsprechend ist es das Ziel des Gegenprotests, den "Gedenkmarsch" zu verhindern. Mehrere tausend Menschen werden mit der Meile der Demokratie, Blockaden, Demonstrationen und Mahnwachen ein deutliches Zeichen für Demokratie und gegen Hass setzen.

Welche Unterschiede sehen Sie zum Gedenkmarsch in Dresden?

Die Geschichte Dresdens ist mit der Magdeburgs nicht zu vergleichen und ganz anders gelagert. Dresden wird in Deutschland wie international als Symbol schlechthin für die Zerstörung deutscher Städte im Zweiten Weltkrieg wahrgenommen und transportiert. Rechtsextreme aus ganz Europa ließen sich deshalb zu "Gedenkmärschen" mobilisieren. Diesbezüglich steht Magdeburg aktuell wie in der Vergangenheit bspw. im Gedenken während der Zeit der DDR im Schatten Dresdens und wurde dementsprechend wenig thematisiert. Nachdem in den letzten Jahren die "Gedenkmärsche" in Dresden aufgrund starken zivilgesellschaftlichen Protests und erfolgreicher Blockaden stark eingeschränkt werden konnten, konzentrieren sich Rechtsextreme nun stärker auf den Aufzug in Magdeburg. Bisher war die Mobilisierung für diese Demonstration vorwiegend lokal konzentriert, was sich in diesem Jahr ändern könnte. Wir nehmen an, dass die Nazi-Demonstration in Magdeburg in ähnlichem Maße wachsen wird wie selbige in Dresden während der letzten Jahre verloren hat.

Mit Blick auf die Gegendemonstrationen ist zu sagen, dass es in den letzten Jahren in Magdeburg  zwar gelang, historische Orte und die Innenstadt durch Mahnwachen, Demonstrationen und die Meile der Demokratie vor der Vereinnahmung der Nazis zu schützen. Ein Verhindern des "Gedenkzugs" wie in Dresden war bisher aber noch nicht möglich.

Wie beurteilen Sie das Verhältnis von "Freier Szene" und NPD mit Blick auf die Demonstration in Magdeburg?

Der Aufzug in Magdeburg wird seit jeher von sogenannten "Freien Kräften" veranstaltet und durchgeführt. In den letzten Jahren kam es dabei zum Schulterschluss mit den Organisatoren des Marschs in Dresden unter dem Namen "Initiative gegen das Vergessen". In früheren Jahren war es dabei üblich, dass die NPD zur Teilnahme an beiden Demonstrationen aufrief. Dies ist aktuell von uns nicht zu beobachten. Allerdings ist uns auch keine Ablehnung der Veranstaltung bekannt.

Welche Bedeutung hat die Demonstration in Magdeburg für die rechtsextreme Szene bundesweit?

Der geplante Marsch in Magdeburg läutet das Demonstrationsjahr für die Freien Kräfte in Deutschland ein. Er kann deshalb als richtungsweisender Auftaktprotest verstanden werden, welcher als eine der größten rechtsextremen Veranstaltungen die kommenden Großdemonstrationen in Dresden und Bad Nenndorf schon jetzt einleitet.  Der Erfolg oder Misserfolg des Magdeburger Marschs wird die künftige Motivation und Mobilisierungsfähigkeit der rechtsextremen Szene bedeutend beeinflussen.

Was wünschen Sie sich vom Gegenprotest?

Bezüglich des "Gedenkmarschs" gibt es zwei Gegenaufrufe. Zum einen engagiert sich das Bündnis gegen Rechts Magdeburg, an welchem sich auch Miteinander e.V. beteiligt, mit der Meile der Demokratie und zahlreichen anderen Protestformen gegen den Aufzug. Zum anderen mobilisiert "Magdeburg Nazifrei" und möchte die Demonstration mit Blockaden verhindern. Ich wünsche mir für beide Fälle möglichst vielfältige Protestformen und ein breites Teilnehmerfeld. Da dies beim Bündnis gegen Rechts eher möglich scheint, wählen wir diese Art des Engagements. Die Inhalte und Ziele beider Aufrufe ergänzen und bedingen sich allerdings und können nicht nur eigenständig betrachtet werden. Die Demonstration der Nazis kann dabei direkt nur durch Blockaden gestoppt werden. Deren Erfolgsaussicht erhöht sich allerdings bedeutend durch die "Sperrung" der Innenstadt mit Hilfe der Meile der Demokratie und anderen Aktionen. Dementsprechend wünsche ich mir eine Kooperation des Gegenprotests und das Stoppen der Nazi-Demonstration mit Blockaden.   

Mehr im Netz:

Miteinander e.V. – Netzwerk für Demokratie und Weltoffenheit in Sachsen-Anhalt e.V.

Das Interview führte Roger Grahl.

Auf "Mut gegen rechte Gewalt" findet sich außerdem ein Interview mit Leila Becker, Bündnissprecherin von Magdeburg Nazifrei. Darin geht es um die Erwartungen für den Naziaufmarsch, die Gründung der Initiative Magdeburg Nazifrei und die Organisation der Gegenproteste.

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