Inhalte, Struktur und Hintergründe von Burschenschaften

Burschenschaften verstehen sich – im Unterschied zu anderen Studentenverbindungen – als politische Organisationen. Nicht im Sinne von »parteipolitisch« – die Parteimitgliedschaften von Burschenschaftern sind verschieden, reichen von SPD über CDU/CSU und REP bis zur NPD. Die politischen Aktivitäten der Burschenschaften beziehen sich vielmehr vor allem auf die Themen ihres Wahlspruchs »Ehre, Freiheit, Vaterland«. Als Kern burschenschaftlichen Denkens kann dabei die völkische Ideologie gelten. Gemeint ist damit die Ansicht, die Menschheit unterteile sich in verschiedene »Völker«, die sich grundsätzlich und unabänderlich voneinander unterschieden. Dem »deutschen Volk« kommt in burschenschaftlicher Politik eine besondere Rolle zu.

Historisch gewann die völkische Ideologie im deutschen Sprachgebiet große Bedeutung, als Preußen die napoleonische Herrschaft und die Errungenschaften der Französischen Revolution abzuschütteln versuchte. Während das ehemalige Reichsgebiet in zahlreiche Klein- und Kleinststaaten zerfallen war, behaupteten preußische Propagandisten, es gebe eigentlich ein über viele Staaten verstreutes deutsches »Volk«, das gemeinsam den französischen Feind niederzukämpfen berufen sei. Die Idee ergriff die Massen, Preußen fegte 1813 im Bündnis mit Russland und Österreich Napoleons Heer hinweg – und es entstand, unmittelbar aus der jungen völkischen Bewegung heraus, die erste Burschenschaft (»Jenaer Urburschenschaft« von 1815).

Antisemitismus

Schon immer galt in der völkischen Ideologie das Judentum nicht als Religion, sondern als »Volk«. Entsprechend brach auch in den Burschenschaften schon früh ein virulenter Antisemitismus durch. »Wehe über die Juden«, riefen Burschenschafter, als sie beim Wartburgfest im Jahr 1817 neben dem antifeudalen französischen Code Napoleon auch eine Schrift des jüdischen Schriftstellers Saul Ascher ins Feuer warfen. Im Jahr 1896 gab der Dachverband der Burschenschaften »der Erwartung Ausdruck, daß auch in Zukunft die Burschenschaften in ihrer ablehnenden Haltung gegen die Aufnahme jüdischer Studierender einmütig zusammenstehen werden«.

Pronazistische Positionen

In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Burschenschaften wegen ihrer Opposition zu den zersplitterten Feudalaristokratien zeitweise verboten. Dies änderte sich in der zweiten Jahrhunderthälfte, insbesondere mit der Gründung des Deutschen Reichs 1871. Burschenschaften entwickelten sich zu einem Hort der Reaktion gegen die Weimarer Republik, Burschenschafter organisierten sich in Freikorps und unterstützten den Hitler-Putsch vom 9. November 1923 teil. »Was wir seit Jahren ersehnt und erstrebt und wofür wir im Geiste der Burschenschafter von 1817 (...) gearbeitet haben, ist Tatsache geworden«, hieß es in einer offiziellen burschenschaftlichen Stellungnahme zum 30. Januar 1933.

Der Gleichschaltung durch die Naziherrschaft, die sie selbst mit herbeigeführt hatten, mussten sich schließlich auch die Burschenschaften beugen. In »Kameradschaften« umbenannt, wurden sie dem "Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund" (NSDStB) eingegliedert. Einige Burschenschaften führten unter dieser Bezeichnung ihre Aktivitäten fort, sogar während des Krieges konnten manche auch neue Mitglieder aufnehmen.

Verbot

Verboten wurden Burschenschaften nach der Befreiung – wegen ihrer vor 1945 eindeutig pronazistischen Positionen. »Die Militärregierung gestattet nicht die Bildung von Korporationen oder Corps alten Stils«, verfügte die britische Besatzungsmacht im November 1945, die US-Behörden zogen im März 1947 nach. Schon gegen Ende der 1940er Jahre jedoch setzten die Westalliierten das Verbot nicht mehr durch, es kam zur Wiedergründung von Burschenschaften. Nur in der DDR blieben Studentenverbindungen offiziell verboten.

Organisationsstruktur

Burschenschaften sind grundsätzlich Einzelorganisationen mit einer individuellen Sondertradition. Häufig gibt es mehrere Burschenschaften an einem Hochschulort; sie unterscheiden sich durch ihre Namen (z.B. "Aachener Burschenschaft Alania", "Aachener Burschenschaft Teutonia"), haben jeweils eigene Farben (z.B. blau-rot-gold, schwarz-rot-gold) und eine eigene Sondertradition. Burschenschaften mit identischen Teilnamen (z.B. "Aachener Burschenschaft Teutonia", "Freiburger Burschenschaft Teutonia") können durchaus unterschiedliche Farben und unterschiedliche Sondertraditionen haben, sie stehen einander nicht unbedingt nahe.

Manche Burschenschaften sind »Exilburschenschaften«, etwa die "Brünner Burschenschaft Libertas zu Aachen". Sie wurde in Brünn (heute Brno) gegründet und ist heute, da deutsche Burschenschaften in der Tschechischen Republik nicht zugelassen werden, in Aachen ansässig. Grundsätzlich fühlen sich »Exilburschenschaften« ihren Gründungsorten eng verbunden, eine Rückkehr ist unter günstigen politischen Bedingungen nicht auszuschließen.

Dachverbände

Es gibt zwei burschenschaftliche Dachverbände, die 1950 wiedergegründete "Deutsche Burschenschaft" (DB, derzeit mehr als 120 Burschenschaften mit ca. 15.000 Mitgliedern) und die 1996 durch Abspaltung aus der DB hervorgegangene "Neue Deutsche Burschenschaft" (NDB, 21 Burschenschaften mit ca. 4.000 Mitgliedern). Während der NDB nur Burschenschaften aus Deutschland angehören, sind in der DB auch 20 Burschenschaften aus Österreich organisiert. Beide Dachverbände unterscheiden sich vor allem durch den Radikalisierungsgrad der von ihnen vertretenen völkischen Ideologie.

Sowohl DB als auch NDB treffen sich einmal jährlich zum Burschentag. Er gilt als Parlament des jeweiligen Verbandes und wählt für ein Jahr eine Vorsitzende Burschenschaft, die die Verbandsgeschäfte leitet, sowie verschiedene Ausschüsse (z.B. Ausschuss für burschenschaftliche Arbeit, Hochschulpolitischer Ausschuss). Außerdem fällt der Burschentag regelmäßig politische Beschlüsse, die die offizielle Position des Verbandes wiedergeben.

Burschenschaften arbeiten in aller Regel mit anderen Studentenverbindungen an ihrem Hochschulort zusammen. Davon, dass rechtsradikale Burschenschaften von anderen Studentenverbindungen isoliert würden, kann – seltene Ausnahmen bestätigen die Regel – keine Rede sein. Auch auf Verbandsebene sind Burschenschaften integriert Sie gehören – neben Studentenverbindungen verschiedenster Art – dem "Convent Deutscher Akademikerverbände / Convent Deutscher Korporationsverbände" (CDA/CDK) an, einem Zusammenschluss verschiedener Dachverbände von Studentenverbindungen.

Dieser Text wurde uns freundlicherweise zur Verfügung gestellt vom Antifaschistischen Pressearchiv und Bildungszentrum e.V. (apabiz)

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