Gesprächsführung à la Sarrazin: „Ich meine ja nicht den einzelnen Marokkaner, den kenne ich ja gar nicht.“

„Also, wenn Angela Merkel zurücktreten würde, könnte der Aufmarsch hier nicht größer sein“, sagt ein Journalist seufzend zu einem Kollegen in der Schlange vor der Bundespressekonferenz, in deren Räumen Berlins ehemaliger Finanzsenator und noch amtierender Bundesbank-Vorstand Thilo Sarrazin sein neues Buch „Deutschland schafft sich ab“ am Montag vorstellte. Über mangelndes Interesse an seinen Thesen zu Armut, Integration und Ursachen von Problemen kann sich das SPD-Mitglied, dass seit Tagen im Vorfeld der Veröffentlichung mit rechtspopulistischen und antisemitischen Thesen („Ich möchte nicht, dass das Land meiner Enkel und Urenkel zu großen Teilen muslimisch ist.“,„Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen.“) auffiel, nicht beschweren. Ansonsten aber über einiges.

Von Simone Rafael

Vor dem Haus der Bundespressekonferenz in Berlin protestieren am Montagmorgen rund 150 Gegner rechtspopulistischer Stimmungsmache. Einer hält ein Schild hoch: „Sarrazin, halt’s Maul.“ Ist diese Wortwahl auch wenig gepflegt: Viel üble Meinungsmache wäre der Öffentlichkeit erspart geblieben, hätte sich Thilo Sarrazin daran gehalten. Zumindest hat er das Schild vielleicht auf dem Weg zur Presse-Buchvorstellung gelesen – dort möchte Sarrazin nämlich auf viele seiner strittigen Aussagen nicht mehr eingehen. Dazu, und um zu zeigen, dass er natürlich doch Recht hat, verwendet er zahlreiche rhetorische Kniffe und Gesprächsausweichstrategien, die aus Diskussionen mit Rechtspopulisten bekannt sind.

Verlag beklagt "zu zugespitze Diskussion"

Dies geht damit los, erst einmal nicht selbst zu sprechen, sondern andere für sich reden zu lassen. Dies tut zunächst ein Verlagsmitarbeiter von Randomhouse, der Sarrazin als „politisch klug“ und „ernsthaft besorgt“ charakterisiert und „rituelle Abwertung“ sowie die „zu zugespitze“ Diskussion kritisiert, die der Verlag erst durch Vorabdrucke der strittigsten Passagen in „Bild“ und „Spiegel“ erst ins Leben gerufen hat – angeheizt vom Autor selbst, der etwa in der F.A.Z. am Sonntag seine biologistischen Argumentationen mit Äußerungen wie „Alle Juden teilen ein bestimmtes Gen“ selbst auf die Spitze getrieben hat.

Eine migrantische Autorin als Beleg fürs Rechthaben

Als zweites kam – gemäß der alten Rassisten-Regel: Lass Migranten Böses über Migranten sagen, dann kann es die Mehrheitsgesellschaft nicht mehr so anstößig finden – eine Buchvorstellung der Wissenschaftlerin und Autorin Neclá Kelek, und die pflichtet Sarrazin bei mit markigen Sätzen wie: „Ich weiß nicht, was an Sarrazins Äußerungen biologistisch sein soll. Natürlich kriegen die Söhne von Eltern, die nicht lesen und schreiben können, genetisch anderes vererbt als die Söhne von Johann Sebastian Bach.“ Als „erblich“ empfindet Kelek auch Intelligenz und Gleichheitsvorstellungen, das sei kein Rassismus, sondern Erkenntnis, und wer etwas anderes sage (etwa, dass vielleicht weniger die Gene als das Umfeld und die Möglichkeiten zur Entfaltung des Einzelnen Einfluss auf seine Entwicklung haben), der habe „Pawlowsche Reflexe“ und verhänge in einem „ideologisch verhakten“ Diskurs „Tabus“. Da waren also schon im zweiten Wortbeitrag sämtliche Argumente derer vorhanden, die für eigene Äußerungen eine Meinungsfreiheit reklamieren, sie andern aber zugleich absprechen wollen. Einmal abgesehen davon, dass an der Klage, solche Thesen seien in deutschen Medien zu wenig zu hören, angesichts der letzten Tage kein Hauch Wahrheit bleibt. Kelek schließt mit dem beliebten rhetorischen Kniff der um gekehrten Schuldzuschreibung: Es würde in der Diskussion ein „deutscher Haider“ herbeigeredet – vielleicht wünschten sich das die Menschen ja auch, die Sarrazin Rassismus, Antisemitismus und Rechtspopulismus vorwürfen. Täter sind immer die anderen.

Sarrazin sagt, es gehe eigentlich nicht um Muslime

Sarrazin selbst überrascht nach den Diskussionen der letzten Tage mit dem Bekenntnis, er strebe doch für Deutschland („Ich liebe den deutschen Staat und ich liebe das deutsche Volk“) nur nach politischer Einheit – allerdings, klar, folge er einer „inneren Gesamtlogik“, und wer da nicht mitgehe, von dem wende er sich ab: „Das ist aber nicht illoyal, das ist unabhängig“, und, da kommt gleich die Spitze, falls der Bundesbank-Vorstand sich mal rühren sollte, „gute Chefs wussten meine Talente auch stets zu nutzen.“

Dann fasst er die Thesen seines Buches zusammen, in dem es ja eigentlich kaum um Muslime gehe, in seiner Zusammenfassung aber dann doch.

Los geht es aber damit, dass die autochthonen Deutschen aussterben, jede Generation sei ein Drittel kleiner als die zuvor, wer aber dagegen überproportional viele Kinder kriege, seien die bildungsfernen Muslime. Muslimische Einwanderer verursachten nicht nur alle Probleme in Deutschland, sie seien auch fruchtbarer und krimineller als alle anderen, integrationsunwillig mit einem völlig unvereinbaren Welt- und Menschenbild. Vor lauter Verallgemeinerungen wird einem beim Zuhören schwindelig („Ich meine ja nicht den einzelnen Marokkaner, den kenne ich ja gar nicht.“).

Unnachvollziehbare Zahlen, Andersmeinende diskreditieren

Sarrazin hantiert mit unnachvollziehbaren Zahlen, die er bei Wissenschaftlern hier und da gelesen habe, und die unwillkürlich an die alte Statistiker-Weisheit erinnern: „Glaube keiner Statistik, die Du nicht selbst gefälscht hast.“ Allerdings sei seine Analyse sorgfältig, die Wertung begründet, er lade dazu ein, blinde Stellen zu finden, glaube aber nicht, dass es welche gäbe. Wenn nur alle so gut analysieren würden wie er: „Dann könnte man sich achtzig Prozent aller politischen Diskussionen in Deutschland sparen, wenn Leute mal ordentlich analysieren würden, bevor sie werten oder Handlungsrezepte aussprechen.“

Argumente wie aus dem NPD-Programm

Er selbst findet Bildung zwar eine feine Sache, aber es sei eine „Lebenslüge“, dass die Probleme durch Zuwanderung in Deutschland mit Bildung zu lösen seien, sagt Sarrazin. Wer der Herkunft nach aus einer islamischen Kultur käme, habe Vorstellungen, die mit der westlichen Gesellschaft kaum kompatibel seien. Er möchte keine weiteren Migranten ins Land lassen, zumindest keine muslimischen, es soll für Einwanderer keine Transferleistungen geben (ohne die wären „90 Prozent der Muslime eh nicht nach Deutschland gekommen“) und die Gesellschaft müsse moralischen Druck auf Einwanderer aufbauen, schließlich sei Integration die Bringschuld der Migranten.

„Ich sehe mich durch die Meinungsfreiheit gedeckt.“

Eine Journalistin fragt später, was ihn von einem handelsüblichen Rechtsextremen und Rassisten unterscheide. Sarrazin wird die Frage nicht beantworten, genauso wenig wie die, wie sich denn das Genom einer Christin verändert, wenn Sie zum Judentum übertritt. Dazu sagt er aber, er zitiere doch viele jüdische Autoren und verbinde nie negative Zuschreibungen mit Juden - und redet damit völlig am Problem einer Argumentation vorbei, die an schlimmste „Rasse“-Diskurse erinnert.

Sarrazin kann sich nicht entschließen, der Aussage zuzustimmen, dass der Islam einen Platz in Deutschland hätte. Dafür verbittet er sich eine Kritik von Bundeskanzlerin Angela Merkel, „da ja wohl bisher kaum Zeit gehabt hat, mein 400 Seiten dickes Buch zu lesen.“ Vor einem Ausschluss aus der SPD und aus dem Bundesbank-Vorstand sieht er sich gefeit: „Ich sehe mich durch die Meinungsfreiheit gedeckt.“ Kommt es dann anders, kann man sich gleich als ungerechtes Opfer darstellen – vielleicht einer nur scheinbaren Demokratie, das wäre verbreitet.

Dafür verteidigt Sarrazin seine genetischen Argumentationen („Das habe ich so gelesen“) und seine markige Wortwahl: „Abstrakte Argumentationen erreichen die Bildungsfernen nicht, deshalb muss ich plastische Sprache wählen.“ Am Ende verrät er noch, wer sein neues Machwerk so alles lektoriert hat, und droht: „Das Ergebnis, dass nun vorliegt, ist sehr viel ausgewogener als das Originalmanuskript.“

Wenn dieser Mann der „politisch kluge Kopf“ ist, als der er immer verkauft wird, muss man ihm übelste Absichten unterstellen. Sarrazins Lieblings-Gegenargument auf Fragen, die er nicht beantworten möchte, ist: „Lesen Sie mein Buch.“ Als würde das alle Auftritte, die sehr bewusst gesetzt sind, in ein anderes Licht rücken. Sarrazin tut so, als wäre ihm nicht einmal selbst bewusst, dass er mit jedem Wortbeitrag seit Monaten Rassismus in Deutschland befördert, soziale Spaltung vorantreibt und jeglichen Blick auf ernsthafte Probleme verstellt, die bearbeitet werden müssten – ganz egal, was denn nun wirklich in seinem Buch steht. Weil man Sarrazin nicht unbekannterweise unterstellen möchte, er sei dumm, kann man es nach seinem Handeln und seinen Argumentationen im öffentlichen Diskurs der letzten Tage nur als zynisch werten, dass er in der Bundespressekonferenz sagt, er fände Rechtspopulismus gefährlich.

P.S. Das SPD-Präsidium beschloss noch während der Buchvorstellung ein Parteiordnungsverfahren mit dem Ziel, den 65-Jährigen auszuschließen. Darüber muss der Parteivorstand allerdings noch entscheiden. Der Bundesbank-Vorstand beschäftigt sich aktuell in einer Sondersitzung mit der Personalie Sarrazin.

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