Fußballweltmeisterschaft 2010: Wenn Party-Patriotismus problematisch wird

Die WM 2010 ist fast vorbei – die Fahnen werden langsam eingerollt. Leider schlug auch dieses Mal der „Party-Patriotismus“ das eine oder andere Mal in NS-Verherrlichung und Rassismus um. Organisierte Nazis hatten trotzdem wenig Freude an der ihnen zu wenig deutschen Mannschaft und den zu wenig nationalistischen Fähnchenfreundinnen und -freunden.

Von Dana Fuchs und Simone Rafael

Die Fußballweltmeisterschaft 2010 ist fast vorbei – die Fahnen werden langsam eingerollt. Dies kann allerdings einige Zeit dauern, denn wie bereits zur WM 2006 wurde das Straßenbild von einem schwarz-rot-goldenen Fahnenmeer dominiert. Die WM-Euphorie war in fast allen Alltags-Bereichen wieder zu finden: Sie wurde gegessen (WM-Würstchen), von den Liebsten getragen (Spieler-Trikots für Hunde) und jederzeit mit sich herumgeführt (Autofahnen, Carbikinis).

Die Allgegenwart der WM war befremdlich für den einen, normaler Ausdruck der eigenen Fußballleidenschaft für den anderen. Beim Feiern der eigenen Mannschaft ist Vorsicht da geboten, wo die Feierlaune in Rassismus gegenüber anderen Mannschaften und ihren Fans umschlägt. Der Ton macht die Musik, und leider haben sich auch dieses Jahr wieder einige sehr im Ton vergriffen.


Public Viewing zum Halbfinale
Deutschland-Spanien in Berlin:
Hitler-Smiley als Willkommensgruß

So mischten sich in die friedliche Euphorie der WM 2010 immer wieder einzelne „Fans“, die als Zeichen ihrer Begeisterung den Hitlergruß zeigten – so dokumentiert auf der Berliner, aber auch auf der Frankfurter (Störungsmelder I, II) ,oder sie schwenkten anstelle einer schwarz-rot-goldenen Fahne eine schwarz-weiß-rote. Solche Reichskriegsflaggen waren unter anderem auf der Wuppertaler Fanmeile (Störungsmelder) oder beim Public Viewing im Landkreis Schaumburg (Störungsmelder) zu sehen. Ein weiteres Negativbeispiel ereignete sich auf der Fanmeile am Frankfurter Rossmarkt. Hier wurde ein Mann nach Hinweis eines Journalisten von der Polizei festgenommen, weil er sich ein Hakenkreuz auf den Körper gemalt hatte.

Erschreckend ist hierbei nicht nur die Regelmäßigkeit, mit der solche störenden Gäste auftauchten, sondern vor allem auch, wie deren Auftreten in den meisten Fällen von der breiten Masse geduldet wird. Wie auf dem Frankfurter Rossmarkt sieht sich selten einer der restlichen Feiernden dazu veranlasst, gegen solche offen rechtsextremen Gesten zu protestieren oder die Polizei zu informieren. In der Fußball-Partystimmung macht die demokratischer Aufmerksamkeit Pause.

Doch nicht nur auf den deutschen Fanmeilen kam es zu rechtsextremen Entgleisungen. Auch in der Medienlandschaft kam es immer wieder zu Fehltritten: Im ZDF spricht Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein in der Halbzeitpause des Spiels Deutschland – Australien vom „inneren Reichsparteitag“, „Spiegel online“- zeigt eine Fotoserie zum Thema: „WM-Manie: Wohnst Du noch oder lebst Du schon Schwarz-Rot-Gold?“, in der ein Foto (Störungsmelder, Bild blog) von einem rechtsextremen Laden in der bayerischen Kleinstadt Murnau gezeigt wurde. Leider ist der Spiegel online Redaktion nicht aufgefallen, dass hier nicht nur schwarz-rot-goldene Fahnen, sondern auch schwarz-weiß-rote Reichskriegsflaggen verkauft werden.

Die Beispiele zeigen, dass der „neue Party-Patriotismus“ (Mitteldeutsche Zeitung), der auch gern als Zeichen der Integration gefeiert wird, wenn Menschen mit Migrationshintergrund die Fahne schwenken, nicht nur gefeiert, sondern auch kritisch bewertet werden sollte. Dass Fußballstadien schon immer gerne von Rechtsextremen für ihre eigenen Zwecken genutzt wurden, ist bekannt. Wichtig ist es deshalb, besonders in Zeiten der WM-Feier-Laune, die Gefahren einer rechten Unterwanderung des Sportes Fußball nicht zu unterschätzen.

Zumal sich im Zusammenhang mit Fußball oft auch rassistische Ressentiments zeigen, die die Neonazis hoffen lassen, mit ihren Positionen durchaus anschlussfähig zu sein. Schon vor der Weltmeisterschaft wurden die Berliner Brüder Boateng zum Ziel perfidester rassistischer Beschimpfungen, weil Kevin-Prince (FC Portsmouth, spielte bei der WM für Ghana) im englischen FA-Cup-Finale den deutschen Mannschaftskapitän Michael Ballack (FC Chelsea) so foulte, dass dieser die Teilnahme an der WM absagen musste. Auch Bruder Jerome (spielte bei der WM für das deutsche Team) bekam das zu spüren: „Dann kann es nicht sein, dass so viele Menschen im Internet Seiten gründen und rassistisch werden. Was meinen Sie, wie viele E-Mails mein Berater erhalten hat, deren Inhalt gegen mich gerichtet ist und rein nichts mit Fußball zu tun hat", sagte Jerome Boateng im Interview (Zeit online). Alltagsrassismus anderer Art leistete sich der Autovermieter SIXT, der zum Spiel Deutschland-Ghana eine Werbung veröffentlichte, die auf übelste Klischees zurückgriff, um die Überlegenheit des „reichen“ Deutschlands gegenüber dem „armen, chaotischen“ Ghana zu demonstrieren (Der Braune Mob). An anderer Stelle spricht ein taz-Kommentator im Zuge der WM-Berichterstattung die Spieler und Unterstützer der ghanaischen Mannschaft gleich zwei Mal mit dem N-Wort an (Der Braune Mob).

Dennoch darf bei aller Kritik nicht vergessen werden, dass Fußball als Sportart einen wichtigen Faktor für Integration darstellt. Deshalb ist es wichtig, dass Fußballliebhaber in Stadien weniger auf rechtsextreme Fans und ihre menschenverachtende Ideologie treffen, als auf Spieler und Vereine mit wünschenswerter Vorbildfunktion. Viel schöner ist es doch, wenn gemeinsam gespielt wird, so wie in Vereinen wie dem FC Internationale (Netz gegen Nazis), welcher kürzlich mit dem Band für Mut und Verständigung ausgezeichnet wurde.

Übrigens ist es auch diese Kraft im Fußball, die der rechtsextremen Szene die Freude an der Fußballweltmeisterschaft verleidete: Die deutsche Nationalmannschaft, zu der auch Spieler mit polnischen, türkischen, ghanaischen, nigerianischen, tunesischen, brasilianischen, bosnisch-herzegowinischen und spanischen Wurzeln gehören war den Nazis von Anfang an ein Ausdruck von „Überfremdungswahn“ (so jammerte eine Kameradschaft im Internet, die sich auch beschweren musste, dass sich Fußballnationalspieler auf netz-gegen-nazis.de gegen ihre Ideologie aussprechen. Nicht einmal am Deutschlandfahnenmeer kann sich der durchschnittliche Rechtsextreme freuen: dieser „Nationalstolz auf Knopfdruck“ ist ihnen zu undifferenziert – und meint ja auch nicht die Idee von Deutschland, die Nazis eigentlich meinen. So freuen sich auch die „Freien Kräfte Köln“, dass die deutsche Mannschaft nicht im Endspiel steht: „Die Fußball-Söldner der multi-kulturellen BRD-Mannschaft haben es vergeigt! (…) Nun ist es bis zur Europameisterschaft im Jahre 2012 erst einmal vorbei mit der zeitgeistkonformen Hochstimmung des sinnentleerten Patriotismus in Deutschland.“ Wie schwierig dieser Spagat für die NPD in der Praxis ist, zeigt ein sehenswerter Panorama-Beitrag über NPD-Pressesprecher Klaus Beier und das Deutschlandfähnchen an seinem Auto, der zu Abschluss empfohlen sei:

| Nationalmannschaft: Nazis nicht stolz auf Deutschland (Panorama)

Mehr auf netz-gegen-nazis.de:

| Zur Fußball-WM 2010: Führt Fußball-Nationalstolz zu Rassismus?

Mehr im Internet:

"Konkret" hat aufgelistet, wo sich im Zusammenhang mit der WM Gewalttaten in Deutschland ereigneten - auch mit rechtsextremem Hintergrund:

| www.konkret-verlage.de/kvv/txt.php?text=a1

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