Zur Fußball-WM 2010: Führt Fußball-Nationalstolz zu Rassismus?

Wenn im Supermarkt schwarz-rot-goldene Gummibärchen neben schwarz-rot-goldenen Würstchen liegen, Deutschland-Fahnen an Autofenstern und Balkonen hängen und in den Medien die Wahl des Mannschaftshotels ein wichtigeres Thema ist als die aktuelle Politik, dann steht eine Fußball-Weltmeisterschaft vor der Tür. Zeit, Sportwissenschaftler Gunter A. Pilz zu fragen: Hat die Identifikation mit einer Nationalmannschaft etwas mit Rassismus zu tun?

Die Fragen stellte Valentina Huthmacher

Prof. Dr. Gunter A. Pilz

Bald ist Fußballweltmeisterschaft. Dann wird Deutschland wieder einmal in ein Schwarz-rot-goldenes Fahnenmeer getaucht sein. Wie finden Sie das?

Es berührt mich eigenartig. Es erinnert mich an die WM 2006 in Deutschland, den Partysommer mit „unverkrampfter“ Identifikation mit Deutschland. Deutschland wollte sich weltoffen zeigen und einen Beitrag zum Abbau von Fremdenfeindlichkeit erbringen – ob dies geglückt ist, ist fraglich.

Das Fahnenschwenken hat wenig mit der deutschen Kultur oder dem Staat zu tun, vielmehr zeigt es eine rein oberflächliche Identifikation mit Deutschland. Eine reflektierte Auseinandersetzung mit deutscher Identität fehlt, die Identifikation ist nicht an Inhalte gebunden. Eine sichere Identität, zu der auch Nationalstolz zählen kann, ist positiv, denn ausgehend von einer sicheren Identität kann man ein gutes Verhältnis zu anderen entwickeln. Eine oberflächliche Identifikation hingegen führt zu einer Abschottung gegenüber anderen.

Welche Funktion hat Ihrer Erkenntnis nach Fußball-Nationalstolz für die Gesellschaft?

Im Moment scheint mir, dass gerade in den Medien durch die Aufmerksamkeit auf die WM von Problemen wie dem Rücktritt des Bundespräsidenten Köhler abgelenkt wird. Das „Volk“ wird mit Brot und Spielen bei Laune gehalten.
Eigentlich habe ich mich auf die WM gefreut und freue mich zumindest, was die Spiele anbelangt immer noch, aber dieser Medienhype, diese totale mediale Berieselung im Vorfeld der WM verleidet einem die Freude doch ein wenig. Es scheint ja außer Fußball nichts mehr auf der Welt zu geben.

Halten Sie es für begründet, dass manche Menschen ein ungutes Gefühl beschleicht angesichts so massiv zur Schau getragenen Nationalstolzes?

Da es sich, wie gesagt, lediglich um oberflächliche und ausgrenzende Identifikation handelt, halte ich dies tatsächlich für begründet. Gerade eine oberflächliche Identifikation ohne inhaltlichen Hintergrund und eine nationalstolze Grundstimmung können durch Rechtsextreme instrumentalisiert werden. Letztlich geht mit diesem ausgrenzenden Nationalstolz weniger Weltoffenheit einher. Es ist auch nicht auszuschließen, dass Rassismus im Zusammenhang mit Fußball-Nationalismus eine Rolle spielen wird.

Wie kann man Rassismus und übersteigertem Nationalismus im Fußballumfeld Ihrer Meinung nach am besten entgegentreten?

Einerseits ist es wichtig, das Verbindende zu betonen, nämlich die Leidenschaft für den Fußball unabhängig von Nationalmannschaften. Andererseits sollten Spieler ihre Vorbildfunktion wahrnehmen und sich zum Beispiel gegen rassistische Anfeindungen positionieren. Und zwar sollten das nicht nur die Betroffenen selbst tun, wie vor der letzten WM Gerald Asamoah, sondern auch ihre weißen Mitspieler sollten sich mit ihnen solidarisch zeigen. Da reicht es nicht, dass Spieler in DFB-Spots gegen Rassismus offensichtlich die vorgegebenen Texte ablesen und nicht aus eigener Überzeugung sprechen. Es reicht auch nicht aus, wenn Herr Dr. Zwanziger sich zu rassistischen Vorfällen äußert – er ist für die Fans und Anhänger weniger ein Idol und hat somit auch nicht das gleiche Gewicht als Vorbild wie die Spieler Gleichwohl ist diese deutliche Positionierung des Präsidenten des DFB gegen Rassismus ein wichtiges und richtiges Signal.
Allerdings lässt sich nicht bestreiten, dass das Pflegen von Feindbildern zum Dasein eines Fußballfans gehört. Dies kann in karnevalistischer oder kriegsartiger Form Ausdruck finden und ist dementsprechend zweischneidig.

Was machen Sie in Ihrem persönlichen Umfeld, wenn jemand im Eifer des Spielgeschehens einen rassistischen Kommentar äußert?

Ich verfolge die Strategie des Handelns und nicht die der Empörung: Ich spreche ihn auf den Kommentar an und frage, ob er sich des Rassismus bewusst ist. Gerade im Eifer des Gefechts werden Kommentare häufig unbewusst abgegeben und ich versuche, dem Sprecher bewusst zu machen, was er gerade gesagt hat und dass ich rassistische Aussagen nicht toleriere.

Prof. Dr. Gunter A. Pilz ist seit dem 01.04.2010 im Ruhestand und zur Zeit noch Lehrbeauftragter am Institut für Sportwissenschaft der Leibniz Universität Hannover. Seit 2006 ist er Berater des Deutschen Fußball-Bundes für Fan-Fragen und Gewaltprävention und seit 2008 hat er den Vorsitz der AG „Für Toleranz und Anerkennung, gegen Rassismus und Diskriminierung" des DFB.

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