Im ländlichen Raum fehlt es an Anlaufstellen für Lesben, Schwule und Trans*, um Diskriminierungs- und Gewalterfahrungen aufzuarbeiten. (Bild: Symbolfoto Mecklenburg-Vorpommern - Schloß Basedow).
Flickr / Creative Commons / Stephen Zahn

Expertise „Homo- und Transfeindlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern – gestern und heute“ - Was erschwert, was hilft

Homo- oder transsexuell zu leben ist nicht immer konfliktfrei. Wie sieht es speziell im ländlichen Raum Mecklenburg Vorpommerns aus? Gibt es hier besondere Erfahrungen - die auch Maßnahmen möglich und nötig machen?  Der Verein „Lola für Demokratie in Mecklenburg-Vorpommern e.V.“ hat heute die erste umfangreiche Studie zu Homo- und Trans*feindlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern präsentiert. 
 

Von Simone Rafael

 

Befragt wurden für die Expertise „Homo- und Transfeindlichkeit in Mecklenburg-Vorpommern – gestern und heute“ Lesben, Schwule und Trans* (LST*) aus Mecklenburg-Vorpommern zu ihren Lebenserfahrungen - aber auch Schülerinnen und Schüler verschiedener Schulformen zu ihren Erfahrungen und Einstellungen zu Vielfalt und Diskriminierungserfahrungen. 
 

Schule hat Einfluss

 

Hierbei zeigt sich etwa, dass die Mehrheit aller befragten Schüler_innen (abstrakt) Gleichberechtigung und Akzeptanz für LST*-Lebensweisen befürwortet - aber umso ablehnender wird, wenn es um persönliches Empfinden und Handeln geht. Als "normal" gelten weiterhin stereotype Geschlechterrollen, biologistische Geschlechterverständnisse, hegemoniale Männlichkeit, Zweigeschlechtlichkeit - vor allem bei Jungen, aber auch bei Mädchen. Für die Jugendlichen gibt es auch wenig Räume, über das Thema Sexualität oder Homosexualität zu sprechen - dies geschieht höchstens mit Freund_innen, wenig aber mit Eltern und in der Schule. Einen Unterschied in den Einstellungen macht deutlich das Schulklima: Wo ein wertschätzender Umgang und ein diskriminierungssensibler Alltag in der Schule gelebt wird, äußern sich auch die Schüler_innen überzeugter von Gleichwertigkeit und Vielfalt - selbst, wenn sei aus einem homo- und transfeindlichen Elternhaus stammen. 
 

Sie kann aber auch ein Ort der Diskriminierung sein

 

Die befragten Schwulen, Lesben und Trans* gaben korrespondierend an, dass sie die Mehrheit ihrer Diskriminierungserfahrungen in Elternhaus und Schule erlebt haben - und dass dies Auswirkungen auf ihr Leben hatte. Alle Interviewten teilen Erfahrungen des „Othering“ im Alltag - also des "zum Anderen gemacht Werdens“, im Gegensatz zu "normalen" Menschen, und die Angst vor Diskriminierungen aller Art, vor allem während der Phase des Coming Outs. Viele erlebten entsprechend auch Ausgrenzung im Beruf, im öffentlichen Raum, in Institutionen und Verwaltung oder im Tourismusbereich, erleben sogar Gewalt, etwa durch Neonazis. Zugleich gibt es im Mecklenburg-Vorpommern sowohl im ländlichen als auch im städtischen Raum ein eingeschränktes Angebot für LST* - kulturell und politisch, aber auch medizinisch, psychosozial und juristisch - was auch wenig Unterstützungsangebote beinhaltet. So entscheiden sich nicht wenige LST*, in einer anderen Region Deutschlands zu leben, um Ausgrenzungs- und Vereinsamungserfahrungen zu entgehen.

Praktisch liest sich das in der Expertise etwa so: 

"Canan wächst in einer größeren Stadt in Mecklenburg-Vorpommern auf. Als sie sich mit 21 Jahren als bisexuell outet, reagiert ihre Mutter aufgrund des Geredes von Arbeitskolleg_innen verunsichert: „Es gab wenig offene Diskriminierung. Es war eher so, dass die Leute eine innerliche Ablehnung verspürten und meine Mutter bemitleideten wenn sie zum Beispiel sagten `Es ist ja auch schlimm, wenn die Kinder homosexuell werden‘. Meine Mutter musste erst lernen, dass es nichts Schlimmes ist und auch nicht peinlich.“ Aus Sicht der Mutter hatte Canan´s Lebensweise dann auch ihre guten Seiten: „So war die Gefahr nicht so groß, dass ich schnell schwanger werde und wir hatten gemütliche Frauenabende vor dem Fernseher auf der Couch“. Der Vater reagiert auf Canan´s Outing äußerst ablehnend, er empfindet Homosexualität als abnormal und ekelhaft, Canan sagt „Er konnte mit meiner damaligen Freundin keine zwei Worte wechseln.“ Auf dem Gymnasium, das sie besucht, war die Grundstimmung von Verschweigen geprägt: „Vieles war unsichtbar. Niemand hat sein Lesbisch- oder Schwulsein gezeigt, oder darüber geredet. Es gab auch keinen Lehrer oder keine Lehrerin, die offen queer gelebt hat.“ In Reaktion auf ihr späteres Outing wird sie häufiger gefragt, warum sie denn auf Frauen stehe. Und ihr wird in Aussicht gestellt, dass sie schon noch den „richtigen Mann“ finden werde. Ähnlich erlebt sie die Reaktionen von Kolleg_innen während ihrer Ausbildung im Krankenhaus. Nachdem sie aufgrund von befürchteter Diskriminierung das Coming-Out lange hinauszögert, fühlt sie sich von den Kolleg_innen nicht mehr ernst genommen. In der Universitätsstadt, in der Canan heute lebt, gestaltet sich der Alltag entspannter."
 

Und was nun tun?

 

Angesichts der geschilderten alltäglichen Diskriminierung fordert Dr. Heike Radvan, Vorsitzende des Vereins und Herausgeberin der Expertise: „Es kann nicht sein, dass Trans* aus Mecklenburg-Vorpommern nach Berlin oder Hamburg fahren müssen, um fachliche Unterstützung zu erhalten. Das Land muss Selbstorganisationen finanziell besser ausstatten, um Hilfe und Unterstützung vor Ort gewährleisten zu können. Selbstorganisationen arbeiten oft ehrenamtlich und können – gerade in ländlichen Regionen - dem existierenden Bedarf nicht nachkommen.“ Zu den zahlreichen Handlungsempfehlungen der Expertise gehören außerdem etwa mehr Lehrer_innen- und Pädagog_innen-Fortbildungen zu Anti-Diskriminierung, Berücksichtigung der Thematik in Rahmenplänen von Schulfächern und der Wunsch nach verantwortlicher, vorurteilsbewusster Medienberichterstattung über Vielfalt und Gleichwertigkeit. Auch praktische Schritte wie geschulte Ansprechpartner_innen in Polizei und Verwaltung helfen. 

Die Bundesministerin für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, Frau Manuela Schwesig, äußerte angesichts der Studien-Präsentation: "Das Modellprojekt ‚Un_sichtbar‘ gibt Schwulen, Lesben und Trans* in meinem Heimatland Mecklenburg-Vorpommern eine neue Sichtbarkeit. Dafür danke ich allen Beteiligten ausdrücklich – von den Interviewten bis zu den Herausgeberinnen. Und ich freue mich, dass die Ergebnisse dieser Expertise nun auch in eine Wanderausstellung mit einfließen. Diese Ausstellung soll nicht nur in Mecklenburg-Vorpommern, sondern auch in anderen Bundesländern ab dem nächsten Jahr auf Reisen gehen. Somit tragen wir auch in Zukunft weiter dazu bei, die Sichtbarkeit von Schwulen, Lesben und Trans* in ganz Deutschland zu erhöhen.“

 

Die Expertise kann hier im Internet heruntergeladen werden:

 

Das Foto wurde auf Flickr unter Creative Commons-Lizenz "Attribution 2.0 Generic (CC BY 2.0)" veröffentlicht und entsprechend auch hier. Es wurde im Format an netz-gegen-nazis.de angepasst. 

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