Die Aktion wurde unterstützt von "Kein Bock auf Neonazis".
Initiative

Eine Schulhof-CD der anderen Art - für Demokratie und gegen Nazis

In Dresden trafen sich drei Schüler aus der sächsischen Provinz, die gemeinsam etwas gegen rechte Sprüche und Taten ihrer Altersgenossen machen wollten. Mit ihrer eigens produzierten CD „18 Songs gegen die NPD und andere Nazis“ starten sie jetzt eine Gegenoffensive an Schulen in ganz Sachsen und sind nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009".

Von Jan Schwab

„Dass Neonazis und deren menschenverachtende Ideologie immer mehr in die Mitte der Gesellschaft vorrücken, das ging uns ziemlich gegen den Strich“, erklärt Pierre Gehrmann. Der ehemalige Schüler der Europäischen Wirtschafts- und Sprachenakademie (EWS) in Dresden hat deshalb gemeinsam mit zwei Mitschülern spontan die Initiative „Gegen die NPD und andere Nazis“ ins Leben gerufen. Den Anfang machte ein Benefizkonzert im Club „Tante JU“ Ende 2008 in Dresden, das die drei Schüler in Zusammenarbeit mit der Initiative „Kein Bock auf Nazis“ organisierten – und zu dem 500 Jugendliche kamen.

Aber bei einem einzigen Konzert wollten es die jungen Wahl-Dresdner nicht belassen, sondern unbedingt noch mehr Leute für ihr wichtiges Anliegen begeistern. So entstand die Idee, eine CD als Gegenentwurf zur rechtsextremen „Schulhof-CD“ zu produzieren: mit vielen bunten „Kein Bock auf Nazis - Songs gegen die NPD und andere Nazis“, wie die Scheibe offiziell heißt. Die Bands kommen größtenteils aus der Region in und um Dresden, der prominenteste Beitrag stammt allerdings von Bela B. von der Band „Die Ärzte“. Die 10.000 Exemplare werden derzeit kostenlos an Schulen in ganz Sachsen geliefert. Den Schülern ist es wichtig, dass ihr musikalisches und politisches Anliegen nicht ausschließlich in Dresden, sondern vor allem auch in der Provinz Gehör findet, in Regionen, in denen Rechtsextremismus häufig weit verbreitet ist.

Großes Erstaunen über das Ausmaß des Rechtsextremismus

Pierre Gehrmann und seine Mitstreiter schätzen das weltoffene Klima an der Europäischen Wirtschafts- und Sprachenakademie. Schüler mit Migrationshintergrund werden hier nicht ausgegrenzt, sondern gehören dazu. Das Anti-Nazi-Projekt fand zwar in dieser Großstadtschule seinen Anfang, die Initiatoren jedoch stammen ursprünglich alle aus kleinstädtisch und ländlich geprägten Regionen: aus Zittau in der Oberlausitz, aus Freiberg und Mittweida. Im Gegensatz zu den durchweg positiven Erlebnissen an einer international ausgerichteten Akademie wurden die drei jungen Leute in ihren Heimatorten häufig mit rechtsextremen Einstellungen konfrontiert. „Wir wollten deshalb unbedingt aktiv werden“, sagt Pierre Gehrmann, der inzwischen eine Ausbildung zum Eventmanager macht. Die CD richtet sich in erster Linie an Erstwähler aus Gymnasien und Berufsschulen.

Mit viel Eigeninitiative und unterstützt durch den DGB Sachsen, das Netzwerk für Demokratie und Courage und diverse Jugendclubs haben die drei Schüler für eine sachsenweite Verteilung ihrer musikalischen Botschaft gesorgt. Auch Jugendliche in Zittau, Freiberg und Mittweida haben die CD bereits erhalten.

Doch eine bloße Verteilaktion wäre den engagierten Initiatoren zu wenig; daher bieten sie Aufklärungsprojekte im Rahmen des Gemeinschaftskundeunterrichts an und informieren die Schüler zum Beispiel über rechtsextreme Codes und Symbole oder versuchen ihnen klarzumachen, warum es wichtig ist, demokratisch wählen zu gehen. Solche Infoveranstaltungen sind, wie sich schnell herausstellte, dringend notwendig, denn trotz der fast durchweg positiven Reaktionen von Seiten der Schülerinnen und Schüler war auch das Erstaunen über das Ausmaß rechtsextremer Organisationen und Einstellungen sehr groß.

Und weil der Handlungsbedarf so enorm ist, wollen die Gründer der Initiative es auch nicht bei einem Konzert und der CD belassen, sondern weitermachen. Für Ende 2009 und Mitte 2010 sind zwei weitere Konzerte in Sachsen geplant.

Die Initiative "Songs gegen die NPD und andere Nazis" ist nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie", der jährlich von der Amadeu Antonio Stiftung, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Freudenberg Stiftung verliehen wird. Die Preisverleihung ist am 9. November 2009 in Dresden. Netz-gegen-Nazis.de stellt ihnen die 10 nominierten Projekt vor.

Die zehn nominierten Projekte sind:

• AG Kirche gegen Rechtsextremismus, ein Projekt der Evangelischen, Erwachsenenbildung Sachsen (Dresden)

Bürgerinitiative „Demokratie anstiften“ (Reinhardtsdorf-Schöna / Kleingießhübel)

Deutsch-polnisches Schülerbegegnungsprojekt Auschwitz, ein Projekt des Beruflichen Schulzentrums Wurzen (Wurzen)

Hillersche Villa – Soziokultur im Dreiländereck e.V. (Zittau)

Medinetz Dresden e.V. (Dresden)

Oberlausitz – neue Heimat e.V. (Löbau)

Peer Leadership – Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie, ein Projekt des RAA Sachsen e.V. (Dresden)

• Roter Stern Leipzig ’99 e.V. (RSL) (Leipzig)

Schülerinitiative gegen die NPD und andere Nazis (Dresden)

Soziokulturelles Zentrum in Mügeln, ein Projekt des Vive le Courage e.V. (Mügeln)

Mehr im Internet:

| demokratiepreis-sachsen.de
| amadeu-antonio-stiftung.de
| Initiative: Kein Bock auf Nazis!

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