Die „Hillersche Villa“ im Dreiländereck macht Ihren Standort zum Programm

Das soziokulturelle Zentrum „Hillersche Villa“ in Zittau steht seit fast 20 Jahren für gelebte demokratische Kultur in der Region Oberlausitz. Dafür wurde es 2009 für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie nominiert.

Von Bea Marer

Die „Hillersche Villa“ ist mehr als nur ein Haus. Sie ist ein Synonym für gelebte demokratische Kultur – und das nun schon seit 1991. Damals aus dem Widerstand gegen das SED-Regime heraus entstanden, haben sich die Vereine „Multikulturelles Zentrum“ in Zittau und „Begegnungszentrum im Dreieck“ in Großhennersdorf mittlerweile zu einem regional bedeutsamen soziokulturellen Zentrum entwickelt. 2009 gelang die Fusion der befreundeten Vereine, aus denen die „Hillersche Villa“ wahrnehmbarer und wirtschaftlich stabiler herauswachsen konnte.

Thomas Pilz, Geschäftsführer der Hillerschen Villa, verrät stolz, dass im Jahr rund 40.000 Besucherinnen und Besucher die Angebote nutzen. Die Palette ist breit gefächert; fast könnte man den Eindruck bekommen, in der Villa gebe es nichts, was es nicht gibt. Die Werkstätten bieten vielfältige Musik-, Kunst- und Theaterkurse an, der Verein betreibt ein Café, sogar ein eigenes Kino. Menschen jeder Altersklasse können etwas Passendes für sich finden – was aber nicht automatisch heißt, dass die Älteren und die Jungen unter sich bleiben. Der Verein bevorzugt Generationen übergreifende Projekte und verzichtet bewusst auf Altersvorgaben. Seit 2006 gehört ein Mehrgenerationenhaus zum Programm.

Das soziokulturelle Zentrum im Dreiländereck Tschechien-Deutschland-Polen macht sich seinen Standort zum Programm. Hier werden im Projekt „Lanterna Futuri“ (Blick in die Zukunft) in Zusammenarbeit mit zwölf Schulen in Polen, Tschechien und Deutschland zahlreiche Workshops angeboten, bei denen Jugendliche interkulturelle Kompetenzen oder Teamfähigkeit lernen und erweitern können. In sieben Bereichen, wie beispielsweise Film, Malerei oder Theater, bearbeiten die Schülerinnen und Schüler der 9. und 10. Klassen ein gemeinsam erarbeitetes Thema, das mit „Freiheit ´89“ in diesem Jahr ganz unter dem 20-jährigen Jubiläum des Mauerfalls steht. „Die Schüler lernen sich auf diese Art und Weise in ihrer Verschiedenheit kennen, denn gerade dieses Ereignis betrifft alle drei Länder gleichermaßen, wird aber in jedem unterschiedlich wahrgenommen“, erklärt Thomas Pilz. Zu lernen, dass ihre Sicht der Dinge nicht selbstverständlich ist und auch nicht die einzig mögliche, trägt zum gegenseitigen Verständnis bei.

Erhard Weimann, Staatssekretär und Bevollmächtigter des Freistaates Sachsen beim Bund, steht als Jurymitglied des Sächsischen Förderpreises für Demokratie Pate für die Hillersche Villa und ihre Projekte. Weimann lobt den starken Bezug zum Dreiländereck, der nicht nur in den Schulworkshops, sondern auch in Projekten zur Geschichtsaufarbeitung erkennbar ist. So bietet die Villa zum Beispiel Führungen auf jüdischen Friedhöfen und Lehrveranstaltungen an, bei denen sich Jugendliche und Erwachsene im Generationen übergreifenden Dialog mit der jüdischen Geschichte in Zittau auseinandersetzen. Die Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus sei gerade in einem Ort wie Zittau von großer Bedeutung, befindet Weimann. Er sieht hier großen Handlungsbedarf in einer „tiefbraunen Region“.

Thomas Pilz weiß um diese Probleme. Dennoch hebt er hervor, dass der Verein zur Bekämpfung und Prävention von Rassismus, Antisemitismus und Rechtsextremismus beitrage: „Mittlerweile werden wir zu Stadtfesten eingeladen, wo unser interkulturelles Programm begeistert und zum Umdenken verführt“, freut sich Pilz. Seit der Gründung des Vereins gab es noch bis Mitte der neunziger Jahre Projekte mit Jugendlichen, die in den Extremismus abzurutschen drohten. Pilz weiß aber auch, dass soziokulturelle Arbeit ihre Grenzen hat. „Es sind in den Neunzigern Strukturen entstanden, in die wir nicht mehr hineinkommen. Heute leisten wir unseren Beitrag, indem Menschen sich bei uns engagieren können und demokratische Kultur leben.“ Jugendliche erfahren in der Villa schon früh, wie eine engagierte Zivilgesellschaft funktioniert, und sie können mit eigenen Projekten darin wachsen. Sie organisieren Podiumsdiskussionen mit Politikerinnen und Politikern, zum Beispiel zum Thema Bildungspolitik. Viele von diesen Jugendlichen sind mittlerweile junge Erwachsene und tatsächlich in die Landespolitik gegangen. Darüber hinaus organisieren sie ihren Club MOSQUITO selbst, der durch die Trägerschaft der Villa ermöglicht wird.

Der Verein kann auf viel Unterstützung bauen. Thomas Pilz selbst ist seit der Gründung mit dabei. Als Oppositioneller in der DDR hat er für sich endlich die politischen, sozialen und kulturellen Aspekte gefunden, mit denen er gut leben kann. Neben einigen fest angestellten Mitarbeitern beschäftigt die Hillersche Villa zahlreiche Ehrenamtliche und bietet Praktikumsplätze an. Die Villa hat sogar einen Theaterkurs eröffnet, der für die Teilnehmer vom Arbeitsamt bezahlt wird. Wenn die Kurse nach einem Jahr beendet sind, haben einige der Teilnehmer neue Perspektiven oder eine Stelle in weiterführenden Bildungswegen gefunden, „da sie ihre sozialen Kompetenzen ausbauen und neue Motivation schöpfen konnten“. Thomas Pilz will den Menschen zeigen, welches Potential an Engagement sie freisetzten können und wie sie damit die Gesellschaft mitgestalten können. „Das ist das Wichtigste: eine demokratische Zivilgesellschaft schaffen. Das ist ein immer währender Prozess, der immer wieder neu erlernt und gepflegt werden muss.“

Die Initiative "Hillersche Villa" ist nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie", der jährlich von der Amadeu Antonio Stiftung, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Freudenberg Stiftung verliehen wird. Die Preisverleihung ist am 9. November 2009 in Dresden. Netz-gegen-Nazis.de stellt ihnen die 10 nominierten Projekt vor.

Die zehn nominierten Projekte sind:

• AG Kirche gegen Rechtsextremismus, ein Projekt der Evangelischen, Erwachsenenbildung Sachsen (Dresden)

Bürgerinitiative „Demokratie anstiften“ (Reinhardtsdorf-Schöna / Kleingießhübel)

Deutsch-polnisches Schülerbegegnungsprojekt Auschwitz, ein Projekt des Beruflichen Schulzentrums Wurzen (Wurzen)

Hillersche Villa – Soziokultur im Dreiländereck e.V. (Zittau)

Medinetz Dresden e.V. (Dresden)

Oberlausitz – neue Heimat e.V. (Löbau)

Peer Leadership – Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie, ein Projekt des RAA Sachsen e.V. (Dresden)

• Roter Stern Leipzig ’99 e.V. (RSL) (Leipzig)

Schülerinitiative gegen die NPD und andere Nazis (Dresden)

Soziokulturelles Zentrum in Mügeln, ein Projekt des Vive le Courage e.V. (Mügeln)

Im Internet:

| www.hillerschevilla.de
| Projekt "Mosquito in Zittau"
| demokratiepreis-sachsen.de
| amadeu-antonio-stiftung.de

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