Bela B. und sein Engagement gegen Nazis: "Wir wollten uns auch heraushalten, aber dann ging es nicht mehr"

Bela B., Sänger und Schlagzeuger der besten Band der Welt aus Berlin Die Ärzte, unterstützt Arbeit gegen Neonazis und aktuell auch den Aufruf von "Dresden Nazifrei", den Naziaufmarsch in Dresden am 13. Februar zu blockieren. Dabei, so erzählt er im Interview, versteht er, was Rechtsextremismus für Jugendliche attraktiv macht, will aber Unentschlossene "ohne Bittermiene" überzeugen, dass dieser Weg ins Abseits führt. Und er berichtet, wann die Ärzte herumdoktern und selbst Ärger mit Nazis haben.

Interview: Simone Rafael

Bela, Du engagierst Dich schon lange gegen Rechtsextremismus, äußerst Dich entsprechend auf Konzerten, unterstützt Aktionen – was ist der Grund für Dein Engagement?

Das ist einfach meine Sicht auf die Dinge! Ich kann auf eine gewisse Art und Weise verstehen, das Rechtsextremismus als Subkultur für Jugendliche attraktiv ist, da arbeiten die Kader ja auch bewusst mit. Dieses Angebot, aus der Gesellschaft auszusteigen, Rebellion und Kameradschaft, das Sich-Stark-Fühlen, auch aus dem Gefühl heraus, dass Dich alle anderen ablehnen – das ist ja ähnliche Gründe, warum ich mir als Jugendlicher die Haare bunt gefärbt und rebelliert habe. Nur haben die Nazis eben eine menschenverachtende Ideologie, die gar nicht geht. Ich spiele in einer Band, die zwar inzwischen zum Mainstream gehört, aber sich immer noch eine Glaubwürdigkeit bewahrt hat, die hoffentlich dazu führt, dass mir jemand zuhört, wenn ich sage: Nazis sind uncool. Das stellt den Ernst der Thematik natürlich nicht angemessen da, aber lenkt die Aufmerksamkeit darauf, dass diese Ideologie, die sich aus Angst vor allem anderen speist, nicht weiter ausbreiten darf. Und mir hören vielleicht Leute zu, die ein Jugendclub-Leiter nicht erreicht.

Gab es auch konkrete Anlässe?

Unsere Musik ist, besonders live, Punk in Lichtgeschwindigkeit, dazu die Texte mit viel Ironie – das hat eine ganze Zeit lang auch viele rechts denkende Leute angezogen, die live zu Musik mit DEUTSCHEN Texten feiern wollten. Das konnten wir nicht akzeptieren, da mussten wir einen Schlussstrich ziehen und deutlich machen: Wer solchen Gedanken anhängt, der kann nicht unsere Musik hören!

Die Ärzte haben sich dem Thema Nazis auch musikalisch genähert. Das machen wenige Bands, dabei ist doch Musik ein gutes Medium für Aussagen. Ist das so schwierig? Was habt Ihr für Reaktionen gekriegt?

Ach, wir wollten uns da auch gerne raushalten, das haben wir ja auch die ganzen 1980er Jahre über gemacht. Aber dann ging es nicht mehr. Wir wollten dann aber nicht mit dem großen Zeigefinger ankommen. Wir haben lange herumgedoktert, bis wir einen Song hingekriegt haben, der zu uns passt. Erst wollten wir den Text nicht mal selbst schreiben, sondern haben Wiglaf Droste gefragt, ob er uns einen schreibt. Der wollte aber auch nicht.

Alles muss man selber machen.

Ja, so war es. „Schrei nach Liebe“ hat uns bei Radiostationen keine Freunde gemacht, ist aber unsere meist verkaufte Single. Darüber freuen wir uns sehr!

Mich hat schon als Teenager amüsiert, dass ihr auf die Eintrittskarten zu euren Konzerten druckt, dass man „keine Nazis mitbringen“ darf.

Ja, das ist der Effekt – wir reden über Nazis nicht mit Bittermiene, sondern versuchen, auf das Problem mit einem Lachen hinzuweisen. Das ist ein schmaler Grad, auf dem wir uns da bewegen, das ist klar. Aber wir wollen eben nicht immer „schlimm, schlimm, schlimm“ sagen. Wenn wir die Sache etwas lustiger angehen, erreichen wir vielleicht auch noch ein paar Leute, die noch nicht entschieden sind.

Hast Du einen Lieblings-Anti-Nazi-Song von einer anderen Band?

Ich mag den Song, den die „Lokalmatadore“ zum Thema gemacht haben, eine Streetpunk-Oi-Band, die auch viele Hooligans hören – der hat einen klaren Text, der sagt: Wir haben keinen Bock, dass Ihr unsere Party vermasselt. Und der lustigste Anti-Nazi-Song ist von Störkraft.

Von Störkraft?

Ja, die haben, als sie gesehen haben, wie erfolgreich die Böhsen Onkelz davongekommen sind, als sie sich vom Rechtsextremismus „losgesagt“ hatten, kurz vor ihrer Trennung noch einen „Anti-Nazi-Song“ aufgenommen („Mordbrenner – Ihr gehört nicht zu uns“; die Red.) Ungewollt urkomisch!

Im Oktober hat die DVU versucht, unter der Zeile „Es ist nicht Deine Schuld“ Jugendliche für ihre Ziele zu werben – in deutschtümlender Abwandlung des Originals, natürlich. Wie geht es Euch damit? Passiert so etwas öfter?

Ja leider, besonders mit diesem Song. Es geht darin inhaltlich sehr offen darum, sich aufzuraffen, etwas zu verändern. Das hat viele angesprochen – neben der DVU übrigens auch die Grünen, die Linke und die CSU. Wir sagen allen, dass sie das unterlassen sollen, und gehen im Fall der DVU auch anwaltlich dagegen vor. Für uns ist das eine ätzende Geschichte – Neonazis verwenden den Spruch auch für Demos und Plakate. Auf Nazidemos wird der Song auch gern einmal gespielt – ebenso wie ja auch Songs von ZSK, Wir sind Helden oder Ton Steine Scherben von „Autonomen Nationalisten“ für die neonazistische Verwirrtaktik genutzt wurden. Damit Jugendliche denken: Was die Ärzte da sagen, dass sagt die DVU doch eigentlich auch. Ich hoffe ja immer, dass sie sich damit vielleicht selbst so sehr verwirren, dass sie irgendwann auch nicht mehr verstehen, was sie eigentlich glauben wollten.

Aber Du positionierst Dich auch öffentlich offensiv dagegen.

Ich glaube an die Kraft der Musik, auch wenn die nur der Soundtrack zum Leben ist. Ich mache Aktionen wie „Kein Bock auf Nazis“ (eine demokratische Gegen-CD zur Schulhof-CD der NPD, die Red.) oder unterstütze einen Aufruf wie den von „Dresden Nazifrei“, weil ich hoffe, dass die durch meine Beteiligung mehr Aufmerksamkeit bekommen.

Genau, Du unterstützt den Aufruf von „Dresden Nazifrei“ gegen den Neonazi-Aufmarsch am 13. Februar in Dresden. Ist eine Blockade des Aufmarsches ein guter Weg, zu protestieren?

Natürlich. Das ist ein ganz normaler, friedlicher Protest, ein Akt der Zivilcourage – Zivilcourage bedeutet ja nicht, immer den bequemen Weg zu nehmen. Da sagt man Menschen immer: Lass Dir nicht alles gefallen, wehr Dich, wenn Dir etwas nicht gefällt – und dann kommen solche Verbote von Plakat und Website, völlige Willkürakte. Aber vielleicht sollten wir das positiv sehen: Durch die Verbote hat der Protest gegen die Nazis viel Aufmerksamkeit bekommen.

Hast Du einen guten Tipp für die, die in Dresden auf die Straße gehen?

Eine positive Grundstimmung behalten. Das verunsichert die Nazis doch umso mehr. Und ich empfehle, die Anti-Haltung auf die Nazis zu kanalisieren – viele von den Polizisten da sind auch nicht mit dem einverstanden, was sie da schützen müssen. Wenn viele mit positiver Energie da herangehen, beschämen sie ja zugleich die Staatsanwaltschaft und ihre peinlichen Verbote. Und das haben sie verdient!

Mehr im Internet:

| www.dresden-nazifrei.com

| Bademeister.com

Mehr Protest in Dresden am 13. Februar 2010:

Protest in direkter Sicht- und Hörweite des Neonaziaufmarsches: Die Amadeu Antonio Stiftung, die Aktion Sühnezeichen, die AG "Kirche für Demokratie gegen Rechtsextremismus" und das Kulturbüro Sachsen e.V. rufen zu einem interreligiösen Friedensgebet am 13. Februar in Dresden auf. Mehr Informationen dazu:

| www.amadeu-antonio-stiftung.de

Mehr auf netz-gegen-nazis.de zu Dresden 2010:

| Konstantin Wecker: Ungestörte Aufmärsche festigen die braune Szene

| Rechtswissenschaftler Christian Pestalozza: Rechtsextreme haben kein Recht auf Kulisse

| Protest in Dresden: Nazigegner trainieren für friedliche Blockade

Mehr auf mut-gegen-rechte-gewalt.de:

| Service Dresden 2010 - Was ist wann und wo?

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