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Bad Nenndorf Trauerspiel statt Trauermarsch

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Kreative Gegenproteste zum "Trauermarsch" der Neonazis in Bad Nenndorf. (Quelle: K. Budler / B. Meyer)

Von Kai Budler und Benjamin Mayer

In einem Imbiss gegenüber dem 1930 eröffneten Wincklerbad in Bad Nenndorf erklärt ein Vater seinem Sohn: „Heute darfst du das machen, was das ganze Jahr nicht möglich ist: du darfst die ganze Straße voll malen“. Am Vorabend des extrem rechten „Trauermarschs“ ist in dem Kurort die zentrale Bahnhofstraße mit Sprüchen gegen Nazis versehen, an den Straßenrändern hängen Anti-Nazi-Plakte sowie bunte Stoffe und Tücher. Denn die Straße zwischen dem Nenndorfer Bahnhof und dem Wincklerbad ist am folgenden Tag die Aufmarschroute der Neonazi-Szene für ihren „Trauermarsch“. Seit 2006 marschieren die Neonazis die etwa 1 km lange Strecke zum Wincklerbad, in dem der britische Geheimdienst nach 1945 ein Internierungslager für hochrangige NS-Funktionäre unterhalten hatte. Nachdem Foltervorwürfe und Todesfälle bekannt geworden waren, wurde die Einrichtung 1947 geschlossen. Knapp 60 Jahre danach entdeckten die Neonazis den Ort für sich, um hier ihre revisionistische Geschichtsumdeutung mit einer Veranstaltung zu zelebrieren. Um die rechtsextreme Veranstaltung zu blockieren, ketten sich bereits am Vorabend vier Männer am Platz vor dem Wincklerbad an eine massive Stahlpyramide. Die Polizei musste hilflos zusehen, auch die technische Spezialeinheit rückte in der Nacht unverrichteter Dinge wieder ab.

Bündnisdemonstration und Bahnsteigblockade gegen Neonazis

Während die vier Männern und ihre Unterstützer auch am folgenden Morgen vor dem Wincklerbad ausharren, treffen am Bahnhof die ersten Gegendemonstranten ein. Indem sie den Bahnsteig nicht verlassen, verhindern sie die Weiterfahrt des Zuges und blockieren so auch die Zuganreise der Neonazis.  Besonders eine Blockade acht junger Menschen entfaltet am Samstag ihre volle Wirkung: sie ketten Bügelschlösser um ihre Hälse aneinander und werden so zu einem Hindernis, das die Beamten nicht beiseite räumen können. Zwei Stunden lang blinkt über ihren Köpfen die Anzeige „Zug fällt aus“, bis die Polizei mit einer Hydraulikschere die Schlösser öffnen kann. Durch die Blockade waren rund 140 Neonazis gezwungen zu Fuß von Haste nach Bad Nenndorf zu gelangen und trafen gegen Mittag am Bahnhof ein. Zu dieser Uhrzeit hätte sich der „Trauermarsch“ laut Zeitplan bereits in Bewegung setzen sollen. Auch die im Vorfeld angekündigte Einrichtung eines Schienenersatzverkehrs im Falle einer Bahnhofsblockade klappte nicht reibungslos: Busfahrer weigerten sich schlicht, braune Fahrgäste an Bord zu nehmen. Auch Neonazis, die nach der Räumung des Bahnsteigs in einem Zug saßen, mussten auf der Strecke aussteigen und den Rest zu Fuß zurück legen, nachdem rund 40 Nazigegner kurzzeitig die Gleise besetzt hatten.

Trauermine auf der Partymeile

Mit dreistündiger Verspätung begann schließlich der in „Marsch der Ehre“ umbenannte „Trauermarsch“ und zeigte, dass sich die sinkende Teilnehmerzahl aus dem vergangenen Jahr fortsetzte. Gegenüber knapp 1.000 Neonazis vor zwei Jahren brach die Zahl 2011 auf 600 ein, während die Polizei in diesem Jahr nur 460 Teilnehmer zählte. Unter Federführung des NPD-Kaders Matthias Schultz aus Verden und des langjährig aktiven Hamburgers Thomas Wulff setzte sich der Zug auf der Bahnhofstraße in Bewegung. Dabei passierte er die Vorgärten der Anwohner, die nach dem Ende der Bündnisdemonstration am Vormittag zu Privatpartys eingeladen hatten, um den vermeintlichen Trauercharakter unmöglich zu machen. Den Neonazis schallte ohrenbetäubende Schlagermusik entgegen, während die Anwohner ausgelassen mit dem Rücken zu ihnen tanzten und die Aufschrift eines Transparents mit Leben füllten: „Aufwachen mitmachen, ‚Marsch der Ehre‘ auslachen“. Trotzdem konnten die Neonazis es nicht lassen, Journalisten zu drohen: so versuchte Matthias Schultz mit Hilfe der Polizei Bilder des Aufmarschs zu unterbinden. „Wenn Sie das nicht schaffen, machen wir das!“. Auch die Abschlusskundgebung der Neonazis geriet zu einem Desaster. Offenbar technische Fehler sorgten dafür, dass der Großteil der angereisten Neonazis die ankündigten Redner nicht verstehen konnte. Begleitet von technischen Aussetzern gingen unter anderem die Reden der Holocaustleugner Ursula Haverbeck und Rigolf Hennig in lauten „Nazis raus“ Rufen unter. Nach Anreise zu Fuß, stundenlangem Warten und kaum verständlichen Reden sprachen gelangweilte Gesichter der Neonazis Bände für die Stimmung. Nach kurzer Abschlusskundgebung ging es dann eilig zurück zum Bahnhof. Eine im Anschluss in Hannover angemeldete Demonstration wurde kurzfristig durch den rechtsextremen Führungskader Dieter Riefling abgesagt. Eine gute Basis für den Protest der kommenden Jahre, denn der „Trauermarsch“ der Neonazis ist bis 2030 in Bad Nenndorf angemeldet.

Fotos: Kai Budler und Benjamin Mayer

Künstlerischer Widerstand gegen Neonazis in Bad Nenndorf.

Hier geht es nicht lang: Neonazi-Gegner müssen sich dringend mal setzen.

Auch diese hier.

Neonazi-Anführer Thomas „Steiner“ Wulff findet das nicht lustig.

So „trauern“ Nazis in Bad Nenndorf.

Für die Front des rechtsextremen Demonstrationszuges müssen wieder einmal zwei „Damen“ herhalten, die sich offenbar als schmückendes Beiwerk nicht zu schade sind. Rechts (klar) noch einmal Thomas „Steiner“ Wulff.

Miesepetrige Nazi-Gesichter im Sonnenschein.

Die Bürger*innen zeigten ihren Protest.

Die Neonazis versuchten sich in schwarz-weiß zu uniformieren.

Pathos aus Heilbronn.

Vielfalt und Toleranz? Für Nazis ist das nix.

Thomas „Steiner“ Wulff versucht, sich zumindest durch Technik Gehör zu verschaffen.

Den rechten Nazi hat Mutti besonders fein gemacht.

Und ewig gibts die gleichen Trommeln.

Bloß die Fackeln wirken im Sonnenschein irgendwie nicht so eindrucksvoll.

Geschichtsverdrehung à la Nazi: Jetzt auch als T-Shirt-Aufdruck.

| Oder Bilder auf Picasa angucken.

Mehr auf netz-gegen-nazis.de:

| Bad Nenndorfer/innen protestieren bunt, laut und fröhlich gegen rechtsextremen „Trauermarsch“ (2011)

| Trauermarsch mit 1000 Nazis in Bad Nenndorf (2010)

| Bad Nenndorf: Neonazis stoßen erstmals auf Widerstand (2009)

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