Bilder, auf denen Roma als Roma agieren, wie hier bei einer Demonstration gegen Antiziganismus in Berlin-Neukölln 2013, sind in den Medien selten. Es überwiegt Klischeebebilderung.
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Antiziganismus in den Medien: „Die Bilder sind etabliert“

"Es gibt doch Probleme mit Armutsmigration von Roma aus Rumänien, das muss man doch berichten dürfen!“ ist ein beliebtes Argument für scheinbar an der Realität orientierten Journalismus.  Aber sind alle Zuwanderer aus Rumänien Roma? Sind sie alle arm? Oder werden hier – mehr oder weniger gedankenlos - antiziganistische Bilder reproduziert? Darüber sprach netz-gegen-nazis.de mit Antiziganismus-Forscher Markus End.

Markus ist Diplom-Politologe und promoviert derzeit an der Technischen Universität Berlin zu Struktur und Funktionsweise des modernen Antiziganismus. Nebenbei arbeitet er in der politischen Erwachsenenbildung und als wissenschaftlicher Autor, etwa  für das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma, den Amaro Drom e.V. und das Phiren Amenca Netzwerk. Mit ihm sprach Simone Rafael.

Viele, wenn nicht die meisten Journalist*innen würden sich sicherlich als aufgeklärte, um Ausgewogenheit bemühte, demokratische Berichterstatter*innen begreifen – und nicht als Rassist*innen. Sie forschen zu Antiziganismus in den Medien. Wie ist Ihr Eindruck?

Ganz ehrlich, es gibt meines Erachtens nur sehr wenige Minderheiten, über die es vorurteilsfreie Berichterstattung gibt. Aber im Bereich Antiziganismus haben wir es tatsächlich oft mit besonders geringer Sensibilität zu tun. Übrigens nicht nur bei den Medien, sondern auch bei denen, die antiziganistische Berichterstattung kritisieren. Wenn die „Weltwoche“ ein Titelblatt wählt, auf dem ein Roma-Kind mit einer Waffe auf den Betrachter zielt, wird das kritisiert – subtilere Zuschreibungen, die an der Tagesordnung sind, werden meist gar nicht als Problem wahrgenommen.

Was sind denn die häufigsten antiziganistischen Bilder, die Journalist*innen reproduzieren?

Derzeit ist es die Gleichsetzung zwischen „Armutszuwanderung“ und „Roma“. Die beiden Begriffe werden praktisch austauschbar verwendet, obwohl das der Realität in keinem Aspekt angemessen ist. Denn weder sind die so bezeichneten Zuwanderer und Zuwanderinnen aus Rumänien und Bulgarien alle Roma, noch sind alle Roma arm noch sind alle Roma „Zuwanderer und Zuwanderinnen“. Durch diese Verwendung werden aber bestehende falsche und negative Klischeebilder von Roma verstärkt, denn der „Sozialmissbrauch“ schwingt ja auch schon in den Formulierungen mit. Die Zugehörigkeit zu einer Minderheit steht mit den berichteten sozialen Phänomenen jedoch in keinerlei innerem Zusammenhang: Warum ist es wichtig, hier zu erwähnen, dass es sich um Roma handelt? Weil mit dem Wort „Roma“ innerhalb dieser Berichterstattung ohne jegliche weitere Adjektive wie „rumänisch“, „arm“ oder „obdachlos“ diese Bedeutung kommuniziert werden kann. Die „Deutsche Welle“ beispielsweise berichtet über die neuerliche Debatte um Armutszuwanderung – ohne auf Roma einzugehen – bebildert das aber mit einem Foto eines Hauses in Duisburg, in dem viele Roma-Familien wohnen, und der Bildunterschrift „Roma in Duisburg“. Dadurch entsteht der Eindruck, es gäbe „die Roma“ und die wären automatisch alle arm, wenig gebildet, nicht deutsch.

Was antworten sie Journalist*innen, die jetzt behaupten würden, sie gäben doch nur die Realität wieder, und da gebe es eben auch Probleme?

Die entscheidende Frage ist für mich: Was berichten die Medien – und steht das wirklich im Zusammenhang damit, dass es sich bei den beschriebenen Personen um Roma handelt? Ich habe mich etwa mit der Berichterstattung zum „Occupy“-Camp in Frankfurt am Main 2011 beschäftigt. Hier wurde ab einem gewissen Punkt berichtet, nun seien auch Roma ins Camp gekommen. Darüber, ob Sorb*innen, Juden und Jüdinnen oder Linkshänder*innen ins Camp gekommen waren, gab es jedoch keine Auskunft. Denn „Roma“ wurde synonym verwendet mit:  Das Camp verwahrlost, es bekommt einen schlechten Ruf, es gibt Drogenmissbrauch oder bestenfalls: Es werde dadurch „unpolitischer“. Selbst das Verwaltungsgericht sprach später davon, im Camp gäbe es Aktivist*innen und „Angehörige nationaler Minderheiten“ – womit Roma gemeint waren – als ob undenkbar wäre, dass es kapitalismuskritische Roma gibt. Realität wird also immer nur in Ausschnitten dargestellt und die Entscheidung, welcher Ausschnitt Berücksichtigung findet ist häufig durch Vorurteile geprägt

Welchen Einfluss hat es auf die Gesellschaft, wenn diese Bilder immer wieder auch in „renommierten“ Medien erscheinen?

Medien haben den Antiziganismus nicht erschaffen, aber sie arbeiten an seinem Fortwirken mit. Das hat auf die Betroffenen zum Teil massive Auswirkungen, bis hin zu Bedrohungsgefühlen. Von den Selbstorganisationen, mit denen ich zusammen arbeite weiß ich, dass diese nach TV-Sendungen oder Zeitungsartikeln regelmäßig besorgte Anrufe erhalten.

Sehen Sie Unterschiede zwischen Print-, TV- und Online-Medien?

Inhaltlich gibt es keine großen Unterschiede. Mangelnde Aufmerksamkeit, das Zurückgreifen auf Klischeebilder gibt es im Boulevard wie in „Qualitätsmedien“, im Wort und im Bild. Die Gleichsetzung von Rumänen und Rumäninnen mit Roma beispielsweise führt dazu, dass Zahlen wild durcheinander geworfen werden – etwa, wenn die Zahl der Zuwanderer*innen aus Rumänien in einer Stadt einerseits und der Anteil von Sinti und Roma an der deutschen Bevölkerung andererseits verglichen werden. Oft werden Zahlen benutzt, wie es passt, um eigene Thesen zu belegen. Das sind handwerkliche Fehler, aber nicht nur. Wenn eine Redaktion aktuell über die viel diskutierten Häuser in Duisburg berichtet, dort vor „Anwohner“ interviewt und in den Fernsehbericht dann über ein Jahr alte Bilder von Müllbergen hineinschnitten werden, weil offenbar beim Vor-Ort-Besuch nicht mehr genug Müll gefunden wurde, um die Thesen zu bebildern – das ist übel.

Was würden Sie empfehlen, um diese immer fortschreitende Reproduktion von Antiziganismus zu durchbrechen?

Medien können auch positive Bilder von Sinti und Roma zeigen - wenn sie über eigene Aktivitäten berichten, die sie „als Roma“ machen, wie Kulturveranstaltungen, Kampf für ihre politischen Rechte oder ähnliches.  In der aktuellen Zuwanderungsdebatte ist leider das Bild „Armutszuwanderer = Roma“ schon etabliert, ähnlich wie bei den „Klau-Kids“ – man kann diese Begriffe nicht mehr verwenden, ohne dass eine Abwertung von Roma mitgedacht wird. Was Medien nun an dieser Stelle tun können:  diesen Fakt thematisieren, über Falschinformationen aufklären. Grundsätzlich wäre schon viel erreicht, wenn die Medien den Hinweis auf das Roma-Sein einer Person unterließen, wenn das nichts mit dem Berichterstattungsanlass zu tun hat.

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