Hier wurde ein "Stolperstein" von Neonazis gestohlen - am 08.11.2015 in Döbeln
Treibhaus e.V.

Antisemitische Vorfälle am 09. November in Berlin - und Döbeln - und München

Am 9. November wird bundesweit der Reichsprogramnacht der Nationalsozialisten gedacht - und für Antisemit_innen und Neonazis ist es das perfekte Datum zur menschenverachtenden Provokation. Bundesweit kommt es rund um den 9. November zu zahlreichen antisemitischen Aktionen - die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) aus Berlin hat die Ereignisse am 9. November allein in Berlin zusammen getragen. "FAIR - Fit gegen Antisemitismus, Intoleranz und Rassismus" meldet, dass in Döblen Stolpersteine geschändet wurden. Die Redaktion von netz-gegen-nazis.de verzeichnet am 9. November regelmäßig eine Zunahme an Hass-Mails.

Von Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS)

Am 77. Jahrestag der Pogromnacht provozierten Rechtsextreme mit drei Versammlungen im Zentrum Berlins. Mehrere Orte des Gedenkens in Moabit wurden antisemitisch beschmiert. Die antifaschistische Demo zur Erinnerung an die Deportation Berliner Juden_Jüdinnen durch Moabit wurde beworfen und mehrfach antisemitisch angefeindet, ein Fahrgast meldete uns antisemitische Kommentare in der S-Bahn.

Schmierereien

Wie uns die Polizei mitteilte, stellte sie morgens am Mahnmal in der Levetzowstraße mit einem schwarzen Edding aufgetragenen Schriftzüge fest: „Ausc..it. 1058“ „Ausgelogen witz 1058“ „lernt die Wahrheit lest die Revisionsliste“, „höre die Wahrheit wer immer sie spricht“. Das Mahnmal an Putlitzbrücke war ebenfalls mit schwarzer Farbe beschmiert: „Gaskammer-Lüge“, „Holohoax – Die Täter sind Zionisten“ „9.11. - false flg“. Moabit.net informierte darüber, dass auf einem provisorischen Gedenkort an den historischen Gleisanlagen des Deportationsbahnhofs unter der Putlitzbrücke der Initiative „Sie waren Nachbarn“ in der Ellen-EpsteinStraße „Alles Lüge!“ aufgetragen wurde. Das Stadtteilzentrum Marzahn-Mitte und zwei weiteren Einrichtungen in Marzahn, die z.T. in der Flüchtlingshilfe aktiv sind, wurden in der Nacht vom 9./10. November mit antisemitischen Schmierereien beschädigt. Auf eine Scheibe wurde mit silberner Farbe groß ein „J.“ und ein Davidstern aufgemalt. 

Rechtsextreme Provokationen

Drei Veranstaltungen aus unterschiedlichen rechtsextremen Spektren wurden in den Bezirken Mitte und Pankow durchgeführt. Die Mahnwache der „Staatenlos“-Reichsbürger um R. Klasen fand dieses mal mit max. 20 Teilnehmenden unmittelbar vor dem Bundestagsgebäude Paul-Löbe-Haus statt. Wie schon in jüngster Vergangenheit nutzte auch die NPD den Tag, um in den Abendstunden, nur wenige 100 Meter vom „Mahnmal für die Ermordeten Juden Europas“ entfernt ihre rechtsextremen Deutungen zum 9. November vorzutragen. Das Team von Berlin Rechtsaußen kommentierte die Aussagen des NPD-Landesvorsitzenden Schmidtke „Der 9. November – Der Tag an dem die Deutschen Geschichte schrieben“ mit „unfassbar“. Der „48 Abendspaziergang“ von BÄRGIDA führte vom Alexanderplatz zum S-Prenzlauer Allee in Pankow. Auf dem Weg dorthin zog der Aufmarsch mit seinen 120 Teilnehmenden samt Reichsfahnen und Reichskriegsflaggen an der Synagoge Rykestraße vorbei, welche 74 Jahre zuvor geplündert und geschändet wurde. Noch am Hauptbahnhof in Mitte hatte ein Redner die Bundesregierung als „Brunnenvergifter“ bezeichnet, auf dem zur Synagoge wurde „Nationaler Sozialismus jetzt!“ skandiert.

Anfeindungen gegen Demo in Moabit

Seit 1990 findet jedes Jahr zum Jahrestag der Pogromnacht eine antifaschistische Gedenkdemonstration vom ehemaligen Sammellager in der Levetzowstrasse zum Mahnmal an der Putlitzbrücke statt. Mehrmals wurde vom Rand der Demo „Freiheit für Palästina“ oder „Free, Free Palestine“ gerufen. Eine Teilnehmende berichtete uns, dass auch „Scheiß Juden“ gerufen wurden. Zum Ende der Demonstration wurde aus einem dunklem Fenster heraus ein volles zwei Liter Tetra Pak auf die Demonstration geworfen, welches nur durch Zufall keine Teilnehmenden traf. 

Antisemitische Kommentare in der S-Bahn

Uns wurde gemeldet, dass gegen 16:45 Uhr in einer voll besetzten S-Bahn zwischen den Bahnhöfen Gesundbrunnen und Pankow eine ältere Frau antisemitische, revisionistische Aussagen tätigte. Den "Lügen" über das was "unsere Väter und Großväter angeblich gemacht haben sollen", dürfte nicht geglaubt werden. Die Person die uns den Vorfall meldete wurde von der Frau im Laufe der Auseinandersetzung als Jude bezeichnet. 

Volker Beck, innenpolitischer Sprecher der Grünen, kommentiert diese Liste: „Diese Massivität antisemitischer Taten am Tag des Gedenkens an die Reichspogromnacht schockiert mich und deutet auf eine neue Qualität hin. Diese Aggressivität dieser ‚hässlichen Deutschen‘, sobald sich in der Öffentlichkeit Juden zu erkennen geben oder toter Juden erinnert wird, muss uns alle wachrütteln. Jede einzelne Tat ist ein konkreter Angriff auf Menschen und unsere Demokratie. Die Erfassung und Veröffentlichung von antisemitischen Vorfällen durch RIAS zeigt, wie sehr der Antisemitismus in unserer Gesellschaft verwoben ist und wie wenig davon öffentlich wird, wenn sich keiner darum kümmert.“

Die Recherche- und Informationsstelle Antisemitismus (RIAS) 
beim Verein für Demokratische Kultur in Berlin e.V. (VDK) dokumentiert antisemitische Vorfälle in Berlin. Sie finden sie im Internet unter
www.report-antisemitism.de
bei Facebook: 
www.facebook.com/AntisemitismusRechercheBerlin

Auch im Sächsischen Döbeln nutzten Neonazis den 9. Novmeber zur Provokation und Einschüchterung:

Stolpersteine geschändet in Döbeln (Sachsen)

Das Projekt "FAIR - Fit gegen Antisemitismus, Intoleranz und Rassismus" vom Treibhaus Döbeln e.V. meldet:

In der Nacht zum 09.11.2015 wurden an drei Stellen in Döbeln Stolpersteine beschädigt, es wurde versucht, sie zu entfernen - und ein Gedenkstein wurde auch gestohlen. In Anbetracht der Mahnwache am 09.11.2015 zur Pogromnacht 1938 und dem Gedenken an die jüdischen Opfer des Nationalsozialismus verurteilen wir diesen Vandalismus zutiefst. 

Die Mahnwache selbst wurde ebenfalls von Neonazis gestört: 

Anlässlich der Reichspogromnacht vor 77 Jahren besuchten wir die Stolpersteine der ehemaligen Jüd_innen, berichteten über ihre Biografien und Schicksale, putzten die Gedenksteine, zündeten Kerzen an und legten Blumen nieder. Bereits in der Nacht zuvor wurden einige Stolpersteine in Döbeln geschändet, der Stolperstein für Else Jacobsohn entfernt und weitere Steine zerkratzt.Auch die gestrige Mahnwache wurde erneut von Neonazis der Region gestört.

Gleich zu Beginn der Veranstaltung sammelten sich die Nazis, unter ihnen auch der Döbelner NPD-Stadtrat Stefan Trautmann, in der Nähe der Gedenkorte und provozierten mit ihrer Präsenz. Mit geringem Abstand folgten sie den Teilnehmenden der Mahnwache von Stolperstein zu Stolperstein. „Anschließen“ (Döbelner Anzeiger) wollten sie sich nicht. Vielmehr wollten diese Menschen durch ihre Präsenz provozieren, stören und einschüchtern.

Wie können wir der Opfer gedenken, wenn die heutigen Hetzer und Brandstifter gegenüber vermeintlich Fremden zwei Meter hinter uns stehen? Wie können wir der Opfer des Nationalsozialismus gedenken, wenn Menschen anwesend sind, die den Holocaust relativieren und ihre geschichtsrevisionistische Ansicht am 13. Februar 2015 auf dem Döbelner Obermarkt präsentierten? Wie können wir der Opfer gedenken, wenn aggressive und gewaltbereite Neonazis die Veranstaltung stören?

Der Döbelner Anzeiger schrieb: „Insgesamt blieb es bei der Mahnwache ruhig“. Die Teilnehmenden der Mahnwache ließen sich von den anwesenden Neonazis nicht provozieren und beirren. An jedem Stolperstein wurde der ermordeten Jüd_innen gedacht. Auch der gestohlene Stolperstein wurde vorerst provisorisch wieder verlegt. 

Ab heute werden im Altkreis Döbeln neue Stolpersteine verlegt. Für diese wie auch die bisher verlegten Gedenksteine fordern wir ein würdevolles und angemessenes Gedenken. Störaktion und Schändungen dieser Form des Gedenkens durch Neonazis dürfen weder geduldet, ignoriert noch legitimiert werden.

München: Pegida-Demonstrantin steckt sich Stern an

Wenn sich eine Pegida-Demonstrantin am 9. November in München einen gelben Stern anheftet, weil sie sich als Rassistin in diesem Lande ach so verfolgt fühlt - also als verfolgte Unschuld präsentiert (während ihre Gesinnungsgenossen wöchentlich Asylunterkünfte anzünden) - dann ist das halt Holocaustrelativierung und damit Antisemitismus und sonst nix. Und nicht nur am 9. November - am Jahrestag der Novemberpogrome - sondern jederzeit.

 
 

Nochmal 9. November, diesmal München pegida-Demo. Ekelhaft!

Posted by Aktionswochen gegen Antisemitismus on Dienstag, 10. November 2015

Was tun?

Im Moment gibt es deutschlandweit viele Veranstaltungen zum Thema im Rahmen der

Aktionswochen gegen Antisemitismus

 

Bei netz-gegen-nazis.de verzeichnen wir rund um den 9. November stets eine Zunahme von hasserfüllter Leser_innen-Post per Mail. Die muss nicht antisemitisch sein - aktuell wird offenbar gern Rassistisches verschickt. Heute im Postfach: 

"Man wird euch nur einmal gehörig die Fresse polieren müssen, damit ihr nicht länger das Internet vermüllt und blöd herumlabert. Weiters tut euch ein Arbeitslager gut, damit ihr endlich auf b essere Gedanken kommt ihr Ungeziefer."

"seit geraumer zeit habe ich neue nacharn, doch leider sind diese schwarz und auch noch islamisten können sie mir bitte ein paar tipps geben, wie ich diese muslimischen n***** wieder los werde ich habe ja nichts gegen die schwarzen, aber in unserem land haben die doch nun wirklich nichts zu suchen zumal die hier alles zumüllen und sich vermehren wie die kanickel"

"Zu doof für das Narrenzimmer - NAZI"

Alle Fehler im Original.

Wenn unsere Arbeit dazu führt, dass sich Menschen, die solche Mails schreiben, ärgern, freuen wir uns sehr.

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