AG Kirche gegen Rechtsextremismus: "Rechtsextremismus bedrängt unsere Gesellschaft mehr als alle Sekten zusammen"

Die „AG Kirche gegen Rechtsextremismus“ setzt sich in Dresden seit vier Jahren für die Stärkung demokratischer Werte ein und klärt Kirchengemeinden über die Gefahren der rechtsextremen Ideologie auf und ist nominiert für den Sächsischen Förderpreis für Demokratie 2009.

Von Jan Schwab

„Wenn vor der Kirche am Laternenmast ein NPD-Sticker klebt, empfinde ich es als Bürger- und Christenpflicht, diesen erstens schnellstens zu entfernen und zweitens in der Gemeinde darüber zu sprechen!“ Für Harald Lamprecht ist dieser Satz keine Floskel, die er nach Belieben herunterbetet, um einmal wieder etwas zum Thema Neonazis gesagt zu haben. Sich für mehr gelebte Demokratie und gegen Rechtsextremismus stark zu machen, ist für Lamprecht ganz offensichtlich ein Herzensanliegen. Der promovierte Theologe sitzt in einem Konferenzraum des sächsischen Landesjugendpfarramtes in Dresden und hat auf dem Tisch vor sich und den interessierten Besuchern zahlreiche Broschüren ausgebreitet. Eine dieser Handreichungen, „Nächstenliebe verlangt Klarheit“, informiert Kirchenmitglieder und andere interessierte Menschen über die Auswüchse der rechtsextremen Szene in Sachsen und erläuert, warum sich gerade die Kirchen mit dieser Gefahr beschäftigen und klar dagegen positionieren sollten.

„Rechte Szene gefährlicher als alle Sekten zusammen“

Engagement gegen Rechtsextremismus – das müsste vor dem Hintergrund des christlichen Menschenbildes doch eigentlich eine Selbstverständlichkeit sein, dachte sich Harald Lamprecht, als er 1999 seine Arbeit als Beauftragter für Sekten- und Weltanschauungsfragen in der Evangelisch-Lutherischen Landeskirche Sachsens aufnahm. Durch die Beschäftigung mit den unterschiedlichsten Weltanschauungen kam er bald auch mit dem Thema Neuheidentum in Berührung, und von dort war es dann nur noch ein kurzer Weg zur Ideologie der Neonazis. Zwar seien längst nicht alle, die sich für heidnische Rituale und Bräuche interessieren, automatisch Sympathisanten der rechten Szene, erklärt Lamprecht. Andersrum werde schon eher ein Schuh draus, denn ein großer Teil der Neonazis fröne dem neuheidnischen Germanenkult. Ein Blick in die NPD-Zeitung „Deutsche Stimme“ reicht aus, um sich dessen zu vergewissern: Heidnische Symbole und fremdenfeindliche Parolen einträchtig nebeneinander, germanische Runen bunt vermischt mit antisemitischer Hetze. Das verdeutliche, wie eng verknüpft beide „Szenen“ miteinander sind, betont Lamprecht.

Die Erkenntnis, die der 39-Jährige aus seiner intensiven Beschäftigung mit besagten Themen gewonnen hat, ist überraschend und Besorgnis erregend zugleich. Der Beauftragte für Sekten- und Weltanschauungsfragen musste feststellen: „Der Rechtsextremismus bedrängt unsere Gesellschaft mehr als alle Sekten zusammen, zumindest, wenn man die Mitgliederzahlen miteinander vergleicht“. Lamprechts ursprüngliche Annahme, dass sich die sächsischen Kirchengemeinden bereits intensiv mit dem Problem auseinander setzen, stellte sich als falsch heraus. Es geschah viel zu wenig auf diesem Gebiet. Aufgrund ihres christlichen Menschenbildes und der dringenden Notwendigkeit, das Problem endlich zur Sprache zu bringen, gründeten einige seiner Kollegen (unter ihnen auch der Leiter der Evangelischen Erwachsenenbildung Sachsen und Pfarrer Karl-Heinz Maischner) vor vier Jahren eine Arbeitsgemeinschaft, die „AG Kirche gegen Rechtsextremismus“. Für den Frauenkirchenpfarrer und Geschäftsführer der Stiftung Frauenkirche Dresden, Sebastian Feydt, ist dieses Engagement längst überfällig und daher unterstützenswert: „Das Projekt hat eine wichtige Diskussion innerhalb der Kirche in Gang gesetzt.“ Sebastian Feydt ist Mitglied der Jury des Sächsischen Förderpreises für Demokratie und Pate des für die Auszeichnung nominierten Projektes.

Größtes Problem: die Ahnungslosigkeit

Harald Lamprecht kam einige Zeit später hinzu. „Wir sind ein kleiner, aber engagierter Kreis, der das Problembewusstsein innerhalb der Kirche verändern möchte“, so Lamprecht, der darauf hinweist, dass es auch in Kirchenkreisen durchaus Menschen gebe, die bei der NPD ihr Kreuzchen machen oder zumindest rechtsextreme Meinungen vertreten – eine Tatsache, die in wissenschaftlichen Untersuchungen belegt werde. Abgesehen von den Sympathisanten sei das größte Problem aber die Ahnungslosigkeit bei vielen Kirchenmitarbeitern. In Lamprechts Vorträgen über Sekten und Weltanschauungen steht inzwischen das Thema Rechtsextremismus an erster Stelle. An den Reaktionen des Publikums erkennt er, dass viele zumindest nachdenklich werden, weil sie sich über das Ausmaß der Gefahr, die von der rechtsextremen Ideologie für die heutige Demokratie ausgeht, vorher nicht bewusst waren. Die AG organisiert deshalb regelmäßig Fortbildungen und Diskussionen und betreibt intensive Öffentlichkeits- und Bildungsarbeit. Die Nachfrage nach Angeboten dieser Art steigt, immer häufiger werden die AG-Mitarbeiter als Referenten angefragt. In letzter Zeit kommen sogar Anrufe von besorgten Eltern, deren Kinder in die rechtsextreme Szene abgerutscht sind. Zwar kann die AG diese Anfragen nicht selbst bearbeiten, sie leitet die Fälle aber an ihre Kooperationspartner weiter, zum Beispiel an die Kollegen vom Kulturbüro Sachsen, mit denen ein reger Informationsaustausch stattfindet.

Lamprecht sieht sein Engagement als Weiterführung der Tradition des friedlichen Protests gegen die DDR-Machthaber Ende der 1980er Jahre, an dem die Kirchen maßgeblich beteiligt waren. Dass ursprünglich stilles Gedenken, wie zum Beispiel die Erinnerung an die Bombardierung Dresdens durch die Alliierten, inzwischen erfolgreich von Neonazis missbraucht wird, bereitet Lamprecht große Sorgen. Da ist es umso ermutigender, wenn sich die Synode eindeutig positioniert: So wurde im Jahr 2008 das Aktionsjahr „Nächstenliebe verlangt Klarheit“ ausgerufen und damit die Arbeit gegen Rechtsextremismus zwölf Monate lang zum Schwerpunkt gemacht. Auch der Landesbischof Jochen Bohl fand klare Worte, als er sagte: „Die NPD ist für Christen nicht wählbar!“

Wie viel ziviler Ungehorsam ist nötig?

Dennoch vernehmen die Mitarbeiter der Arbeitsgemeinschaft nicht nur wohlwollende Worte über ihr Engagement. Mitunter schlägt ihnen auch von Seiten der sächsischen Kirchen Misstrauen entgegen, etwa wenn es darum geht, wer sich denn um den Linksextremismus im Freistaat kümmere: „Da müssen wir uns schon ab und zu die Frage anhören, ob wir mit unserer Arbeit nicht den Linken in die Hände spielen.“ Harald Lamprecht reagiert schlagfertig auf solche Kritik und zitiert den Eisenacher Oberkirchenrat Christhard Wagner: „Wenn ich die Pest habe, bekämpfe ich nicht die Cholera!“ Momentan, so Lamprecht, sei die demokratische Gesellschaft nun einmal viel stärker durch Rechts- als durch Linksextremisten gefährdet.

Umso ermutigender, dass die „AG Kirche gegen Rechtsextremismus“ mit ihrem Engagement nicht alleine steht. Aufrechte Demokraten wie etwa der Bürgermeister der Stadt Jena, der sich bei Demonstrationen gegen Rechts auch schon mal aktiv an einer Sitzblockade beteiligt, um den Neonazis die geplante Route zu versperren, haben für Harald Lamprecht Vorbildfunktion. „Viele andere hätten das nicht gemacht, die hätten sich damit herausgeredet, dass die Demonstration der Neonazis gerichtlich erlaubt sei, und damit wäre das Thema für sie erledigt gewesen“. Jeder Bürger, so Lamprecht, müsse sich in einer solchen Situation aber die Frage stellen, wie viel ziviler Ungehorsam nötig und möglich ist, um die Rechtsextremen in ihre Schranken zu weisen. Schließlich gehe es um nichts Geringeres als um die Verteidigung unserer Demokratie.

Die "AG Kirche gegen Rechtsextremismus" ist nominiert für den "Sächsischen Förderpreis für Demokratie", der jährlich von der Amadeu Antonio Stiftung, der Kulturstiftung Dresden der Dresdner Bank, der Stiftung Frauenkirche Dresden und der Freudenberg Stiftung verliehen wird. Die Preisverleihung ist am 9. November 2009 in Dresden. Netz-gegen-Nazis.de stellt ihnen die 10 nominierten Projekt vor.

Die zehn nominierten Projekte sind:

AG Kirche gegen Rechtsextremismus, ein Projekt der Evangelischen, Erwachsenenbildung Sachsen (Dresden)

Bürgerinitiative „Demokratie anstiften“ (Reinhardtsdorf-Schöna / Kleingießhübel)

Deutsch-polnisches Schülerbegegnungsprojekt Auschwitz, ein Projekt des Beruflichen Schulzentrums Wurzen (Wurzen)

Hillersche Villa – Soziokultur im Dreiländereck e.V. (Zittau)

Medinetz Dresden e.V. (Dresden)

Oberlausitz – neue Heimat e.V. (Löbau)

Peer Leadership – Training für interkulturelle Kompetenz und Demokratie, ein Projekt des RAA Sachsen e.V. (Dresden)

• Roter Stern Leipzig ’99 e.V. (RSL) (Leipzig)

Schülerinitiative gegen die NPD und andere Nazis (Dresden)

Soziokulturelles Zentrum in Mügeln, ein Projekt des Vive le Courage e.V. (Mügeln)

Im Internet:

| Evangelische Erwachsenenbildung Sachsen
| demokratiepreis-sachsen.de
| amadeu-antonio-stiftung.de

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